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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 30. Mai 2017 | 05:34

    Stuart O´Nan: Emily, allein

    19.03.2012

    Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss

    Ob Emily, allein ist mit ihrem Hund Rufus, der Schwägerin Arlene oder der Putzfrau Betty: In die gleichförmige Abfolge alltäglicher Momente und Verrichtungen zaubert der Autor Stuart O'Nan dennoch großes Gedankenkino. Von INGEBORG JAISER

     

    Eine Warnung vorneweg: Dieses Buch ist nicht geeignet für Action-Liebhaber und Thriller-Fans. Es passiert kein Mord, keine Schlägerei, keine Intrige, keine Schicksalsschläge – nicht einmal eine Romanze. Genau genommen passiert fast gar nichts. Nur die Zeit fließt dahin, im langsamen Wechsel der Jahreszeiten.

     

    In einem nicht mehr ganz taufrischen Viertel von Pittsburgh führt die Witwe Emily Maxwell ein gleichförmiges, unspektakuläres Leben, das von kleinen Ritualen, bescheidenen Freuden und einem Kreislauf von Feiertagen zusammengehalten wird. Sie hat nie vorgehabt, achtzig zu werden oder ihren Ehemann Henry zu überleben. Und dann ist es doch passiert. Kinder und Enkelkinder leben längst in weit entfernten Bundesstaaten, kommen für ein paar Tage im Jahr zu Besuch – und bleiben doch ungreifbar, fern, fremd. Emilys engster Kumpel ist ihr Hund Rufus: ein ebenfalls betagter, kränklicher, zuweilen eigensinniger Gefährte, der immerhin für Tagesstruktur sorgt.

     

    Rituale und Rabatte

    So verstreicht die Zeit, indem Emily einfach weiterlebt: »Am Sonntag hatte sie Kirche, am Montag die Scaife Hall, Dienstag das Frühstück im Eat ´n Park, und am Mittwoch kam Betty. Dann musste sie immer noch den nächsten Tag und den Samstag alleine rumbringen.« Das Jahr ist von kleinen Meilensteinen durchsetzt, auf die Emily hinfiebert: Thanksgiving, Weihnachten, die Zeitumstellung, die ersten Osterglocken, die sommerliche Ferienwoche in Chautauqua. Dazwischen sitzt sie auf ihrem Sofa oder in der Frühstücksecke, schneidet Rabattcoupons aus der Sonntagszeitung, blättert in Katalogen und hört klassische Musik. Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss.

     

    Warten ist die Vorhölle

    Bis eine kleine Zäsur – fast novellenartig – den immer wiederkehrenden Wochenrhythmus aus den Angeln hebt. Wie jeden Dienstag besucht Emily mit ihrer etwas verkniffenen Schwägerin Arlene das verbilligte Frühstücksbüffet im Eat ´n Park. Dort bricht Arlene überraschend zwischen Belgischen Waffeln und Bratwürstchen zusammen und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Es ist nichts Ernstes; doch die Brüchigkeit des Lebens hat sich aufgetan. Den alten Damen wird klar, dass es bald zu Ende gehen könnte. »Warten und Krankheit war beides eine Art Vorhölle.«

     

    Doch energisch startet Emily noch einmal durch: Kauft sich einen neuen Subaru, eröffnet ihren Kindern – der ehemaligen Alkoholikerin Margaret und dem glücklosen Kenneth – ihre Testamentspläne und bemüht sich redlich, über den deprimierenden Winter zu kommen. Ein paar Ausbesserungsarbeiten am Haus folgen noch, der Valentinstag, der Frühjahrsputz, die Narzissenschau, der Muttertag, den ganzen Abfolge der jahreszeitlichen Verrichtungen – bis Emily am Ende den Kilometerzähler des Subarus auf null stellt und losfährt.

     

    Kleine Fluchten

    Es gibt Bücher, deren Lektüre legt sich wie eine warme, weiche Decke um einen. Emily, allein ist ein Paradebeispiel dafür. Der amerikanische Autor Stuart O´Nan, der die Maxwell-Familie schon in Abschied vom Chautauqua auf subtile Weise porträtiert hat, richtet nun sein Augenmerk auf die existentiellen Fragen des Alters und des nahenden Todes, doch nie (an)klagend oder verbittert. Es tut gut, Emily durch den Lauf der Monate zu begleiten, an ihrer anrührenden, niemals jedoch rührseligen Story teilzuhaben, so als ob es sich um eine nahe Bekannte oder Verwandte handeln würde, deren Wohlergehen doch wundersamerweise in der Hand einer höheren Gewalt liegt.

     

    Um über die Runden zu kommen, scheint es, braucht man feste Gewohnheiten und kleine Fluchten. Stuart O´Nans Widmung spricht Bände: »Für meine Mutter, die mich immer zum Bücherbus mitnahm.«

     

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