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    Oliver Bottini: Der kalte Traum

    12.03.2012

    »... die Stille und die Schuld«

    In fünf Romanen hat Oliver Bottini bisher die Freiburger Hauptkommissarin Louise Bonì auftreten lassen und sich mit dieser Serie in die erste Reihe der deutschen Kriminalautoren geschrieben. Nun hat er nicht nur den Verlag gewechselt, sondern auch seine Ermittlerfigur. Ansonsten aber ist er sich in Der kalte Traum treu geblieben. Von DIETMAR JACOBSEN

     

    Bereits im dritten Luise-Bonì-Roman Im Auftrag der Väter (Scherz 2007) ging es um den Jugoslawienkonflikt in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts und die Frage, ob er auch uns betrifft. Anhand des Schicksals der Familie eines kleinen Beamten im Räderwerk der bundesdeutschen Bürokratie, der mit einem einzigen Federstrich den fernen Krieg mitten hinein in den Breisgau holt, lautete die Antwort: Ja, natürlich, denn in der Welt von heute gibt es keine Nischen, in denen man sich verstecken kann vor den Ungeheuerlichkeiten, die nebenan passieren.

     

    Nun, in seinem neuen Roman Der kalte Traum, beschäftigt sich Oliver Bottini ein weiteres Mal mit diesem Stoff. Und zeigt, dass das, was nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens als Unabhängigkeitsstreben in den Teilrepubliken des föderativen Staatsgebildes begann und in vier blutigen Kriegen kulminierte, seine Schatten bis in unsere Gegenwart wirft. Denn nichts ist vorbei, wenn scheinbar Frieden herrscht, die Mörder und Kriegstreiber von einst aber noch ihre Fäden ziehen und alter Hass, von Generation zu Generation weitergegeben, nicht erlöschen will.

     

    Was haben wir mit diesem Krieg zu tun?

    Thomas Cavar, Deutscher mit kroatischen Eltern, ist der heimliche Held des Buches. Er sei 1995 im Bosnienkrieg gefallen, bekommen diejenigen zu hören, die im Herbst 2010 nach ihm suchen – und das sind nicht wenige. Da tauchen etwa ehemalige Kriegskameraden bei Cavars Familie und Freunden im badischen Rottweil auf. Sie handeln im Auftrag eines dubiosen kroatischen Geheimdienstmannes und schrecken weder vor Folter noch Mord zurück. Auch der Berliner Kripobeamte Lorenz Adamek forscht nach dem Verbleib des inzwischen 40-Jährigen. Adameks Onkel, einst in Genschers Außenministerium mit dem Südosteuropa-Referat betraut, hat ihn gebeten, sich in Sachen Cavar, den er von früher kennt, etwas umzuhören.

     

    Und schließlich ist da noch Yvonne Ahrens, eine deutsche Journalistin in Zagreb. Bei Recherchen ist sie auf ein altes Zeitungsbild gestoßen, auf dem zu sehen ist, wie ein unbekannter kroatischer Soldat einen serbischen Zivilisten mit seiner Waffe bedroht. Dass es sich dabei um eben jenen Thomas Cavar handelt, weiß sie nicht, klemmt sich aber hinter die Geschichte, um eventuell mit der Aufklärung eines ungesühnt gebliebenen Kriegsverbrechens einen Scoop zu landen.

     

    Raffiniert und spannend verzahnt Bottini die Geschicke seiner Hauptfiguren miteinander. Während Yvonne Ahrens in Kroatien immer mehr zur Zielscheibe von Kräften wird, denen nicht daran gelegen ist, dass die Verbrechen der Vergangenheit aufgedeckt werden, suchen skrupellose Killer in Deutschland nach einem Deserteur, der zu viel weiß, als dass man ihn davonkommen lassen könnte. Sie und ihre Auftraggeber scheitern letzten Endes. Doch das hilft dem Mann, der nur in Frieden bei seiner kleinen Familie leben will, nichts. Inzwischen nämlich ist Ahrens' Artikel erschienen und hat Thomas Cavars Gesicht zum Symbol für einen Konflikt werden lassen, in dem alle Seiten ihre Hände mit dem Blut von Unschuldigen besudelt haben.

     

    Kriminalroman und Geschichtslektion

    Der kalte Traum ist Kriminalroman und historische Lektion in einem – ein Buch, wie man es, gerade auf dem Gebiet der Spannungsliteratur, nur selten findet. Sein Autor versteht es meisterhaft, eine fesselnde Geschichte zu erzählen und zugleich auf den Irrsinn eines Krieges aufmerksam zu machen, der selbst Menschen, die weit weg entfernt von den Schauplätzen des Mordens aufwuchsen, aus der Bahn ihres friedlichen Lebens wirft. Bis in die Nebenfiguren hinein glaubhaft, ist dieses Buch für mich schon jetzt einer der beeindruckendsten deutschen Kriminalromane des Jahres 2012.

     

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