Eine neue Vermessung der Welt in 80 Tagen?
Daniel Kehlmann oder Jules Verne scheinen in Jo Lendles Alles Land immer im Hintergrund mit dabei: Die erste Ballonfahrt Wegeners mit seinem Bruder wird mit den 52 Stunden zu einer Jules-Verne’schen Rekordfahrt. Die Disputation über Forschungsergebnisse, das Unverständnis der Kollegen könnte Kehlmanns Vermessung der Welt entnommen sein. Die Expetitionen nach Grönland sind Abenteuerberichte: das Überwintern im ewigen Eis im Jahr 1906, die Durchquerung Grönlands und die Rettung durch Eskimos im Jahr 1912/13 sind Höhepunkte von Lendles Erzählkunst. Dazwischen: Ergebnisse von Experimente, Ausführungen zur frühen Fotografie, Erlebnisse in der arktischen Fauna.
Dennoch ist Alles Land mehr als eine Abenteuergeschichte oder eine historische Studie. Jo Lendle wählt für seinen Roman beinahe die musikalische Form des Rondos: Die Forschung Wegeners über die Gletscher Grönlands und die Entdeckung der Kontinentaldrift kehrt als festes Thema in leichten Variationen immer wieder und ist der rote Faden. Dazwischen – als Couplet und Zwischenspiel – das Kontinuum des Alltäglichen: das Private, die Begegnungen, die Zeit als Familienvater. Dieser Wechsel ist allerdings keinesfalls so technisch wie bei Kehlmann angelegt, ist weniger aufdringlich, viel innerlicher, introvertierter.
Intensität beweisen die inneren Monologe Wegeners: »Was hätte er darum gegeben, diese Frage Elses direkt stellen zu können, nicht nur im Brief. Oder ihren Vater zu fragen, ob er ihm denn Glauben schenke. Einfach eine menschliche Stimme zu hören, um all die hämischen Stimmen aus dem Publikum zu übertönen, die ihm noch immer durch den Kopf schossen und deren Fragen er so vergeblich zu vertreiben versuchte wie Mücken vor einem Gewitter.«
Dazu kommen die vielfältigsten Dialoge, mit seiner Ehefrau Else, mit seiner Mutter, den Geschwistern, dem Vater: »Leise fragte [der Vater], wie er es mit dem Glauben halte. Alfred musste schlucken, er spielte mögliche Antworten durch, die sich leichter hätten sagen lassen als die Wahrheit. Dann gestand er, seit Monaten nicht mehr in der Kirche gewesen zu sein. ’Warum?’ ’Sie leugnen den Zweifel.’ Alfred visierte seinen Vater über die Ecke eines Quittenbrotes an. ’Und du? Bist du denn ohne Zweifel?’« Zentral ist die Wette mit dem Vater: »Ich werde in den Naturwissenschaften eher die Wahrheit finden als du in Gottes Wort.«
Zweifel ist der Beweggrund für Wegeners Forschen, Reisen. Alles Land der Titel für eine Zeichnung, die Alfred Wegener vom Urkontinent anfertigt: »Er überwand Strecken, für die die Festländer Jahrmillionen gebraucht hatten, in einem Augenblick. Dann hatte er die verschiedenen Phasen auf neue Blätter durchgepaust und die Flächen der Kontinente schließlich so weit eingefärbt, wie die Bleistiftstummel es erlaubten. Für den Urkontinent hatte er den rosafarbenen Stift gewählt, weil er gerade zur Hand war … Wegener nahm das letzte Stück rosa Mine und schrieb unter das erste Bild: Alles Land.« – Bewegend. Großartig.