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    Jo Lendle: Alles Land

    27.02.2012

    Das Eis beginnt zu schmelzen

    Die ungeheuere Faszination und Anziehungskraft des Unbekannten – Jo Lendle erzählt in seinem dritten Roman Alles Land das bewegte Leben des Grönlandforschers Alfred Wegener. Von HUBERT HOLZMANN

     

    Im letzten in Printform erschienenen Brockhaus findet sich unter dem Stichwort Alfred Wegener ein kurzer Eintrag: Der deutsche Geophysiker und Meteorologe ist 1880 in Berlin geboren, arbeitete an der Deutschen Seewarte und hatte Professuren in Hamburg und Graz inne. Auf drei Grönlandexpeditionen erforschte er die Gletscher, das Inlandeis, die Wolkenphänomene und er war einer der ersten, der die Kontinentaldrift wissenschaftlich nachweisen konnte. 1930 starb er auf seiner dritten Grönlandreise.

     

    Der 1968 geborene Romancier Jo Lendle füllt diese wenigen biografischen Eckdaten Wegeners mit neuem Leben mit Hilfe von Wegeners Büchern, Aufsätzen, Tagebucheinträgen, Expetitionsberichten, Briefen. Lendle recherchierte in Notizen und Erinnerungen von Wegeners Frau Else und begegnete seiner Tochter Käte Schönharting. Es entsteht ein äußerst lebendiges Buch, das keineswegs nur Grönlandliebhaber fasziniert. Das Motto aus Alfred Tennysons The Holy Grail gibt die Richtung vor: »Doubt not, go forward« ist der treibende Impuls für den Forscher, der zuletzt in der weißen Wüste sein Leben lassen wird.

     

    Vorzeichen und Déjà-vu

    Bereits die ersten Kindheitserinnerungen deutet Jo Lendle auf die spätere wissenschaftliche Karriere hin: Das Kleinkind Alfred krabbelt zum ersten Mal, als er – dem Impetus des Forschers genügend – eine Ameisenspur verfolgt. Der Bettrahmen, Türschwellen, Treppenstufen sind kein Hindernis für den absoluten Willen des Kleinen: »Die ersten Stufen überwand er kopfüber, seinen Fall abwechselnd mit Stirn, Nase und Kinn bremsend. Er überschlug sich, die Windel dämpfte seinen Aufprall. So blieb er für einen Moment liegen. Dann ließ er sich Stufe für Stufe hinab. … Am Fuß der Treppe fand er die Ameisen wieder.«

     

    Auch das »Puzzle« des Urkontinents ist schon lange vor der Entdeckung im Kleinen vorgeformt: In einem nachempfundenen Gespräch mit der Mutter über die Schöpfung der Welt erfährt er von einem geheimen Plan, den Gott nach vollbrachtem Werk in Stücke zerreißt. Die Entstehung der Welt wird für ihn so immer »eine einzige Geschichte von Trennungen sein«. Sein erster Gedanke: »Man müsste [die einzelnen Stücke des Schöpfungsplanes] einsammeln, dachte Alfred. Man müsste sie aneinanderhalten und schauen, ob sie zusammenpassen.«

     

    Rekonstruktion und Montage

    Jo Lendle fügt winzige Ausschnitte, Anekdoten wie Puzzleteile zu einem Romanganzen zusammen, er rekonstruiert und montiert wie in einer Fotoausstellung das Leben Alfred Wegeners: seine Berliner Kindheit, das Studium, die Kriegsjahre des Ersten Weltkriegs, die Zeit in Marburg und Graz. Die einzelnen Kapitel tragen Titel von Wegeners Büchern, Aufsätzen, Schriften.

     

    Besonders geprägt scheint der Forscher von seinem Vater, einem Pastor und Theologen, gewesen zu sein, der Gedichte und gewagte, freimütige theologische Aufsätze verfasste, die »sich mit jedem Anlauf weiter von Gott entfernten«. Mit dem Vater verbindet ihn also der Drang Fragen zu klären – einem Drang, den sich der Vater allerdings selbst verbieten wird. Zweifel an Gott kann es für ihn nicht geben. Anders für Wegener: Für ihn enthält die Natur die Lösung. Sein Entschluss: Er will Forscher werden, in der Religion sieht er keine Hilfe mehr. Von seinem Vater erntet er dafür nur Kopfschütteln. Dieser Konflikt bleibt. Seinem Vater wird er erst wieder auf dem Totenbett begegnen.

     

    Eine neue Vermessung der Welt in 80 Tagen?

    Daniel Kehlmann oder Jules Verne scheinen in Jo Lendles Alles Land immer im Hintergrund mit dabei: Die erste Ballonfahrt Wegeners mit seinem Bruder wird mit den 52 Stunden zu einer Jules-Verne’schen Rekordfahrt. Die Disputation über Forschungsergebnisse, das Unverständnis der Kollegen könnte Kehlmanns Vermessung der Welt entnommen sein. Die  Expetitionen nach Grönland sind Abenteuerberichte: das Überwintern im ewigen Eis im Jahr 1906, die Durchquerung Grönlands und die Rettung durch Eskimos im Jahr 1912/13 sind Höhepunkte von Lendles Erzählkunst. Dazwischen: Ergebnisse von Experimente, Ausführungen zur frühen Fotografie, Erlebnisse in der arktischen Fauna.

     

    Dennoch ist Alles Land mehr als eine Abenteuergeschichte oder eine historische Studie. Jo Lendle wählt für seinen Roman beinahe die musikalische Form des Rondos: Die Forschung Wegeners über die Gletscher Grönlands und die Entdeckung der Kontinentaldrift kehrt als festes Thema in leichten Variationen immer wieder und ist der rote Faden. Dazwischen – als Couplet und Zwischenspiel – das Kontinuum des Alltäglichen: das Private, die Begegnungen, die Zeit als Familienvater. Dieser Wechsel ist allerdings keinesfalls so technisch wie bei Kehlmann angelegt, ist weniger aufdringlich, viel innerlicher, introvertierter.

     

    Intensität beweisen die inneren Monologe Wegeners: »Was hätte er darum gegeben, diese Frage Elses direkt stellen zu können, nicht nur im Brief. Oder ihren Vater zu fragen, ob er ihm denn Glauben schenke. Einfach eine menschliche Stimme zu hören, um all die hämischen Stimmen aus dem Publikum zu übertönen, die ihm noch immer durch den Kopf schossen und deren Fragen er so vergeblich zu vertreiben versuchte wie Mücken vor einem Gewitter.«

     

    Dazu kommen die vielfältigsten Dialoge, mit seiner Ehefrau Else, mit seiner Mutter, den Geschwistern, dem Vater: »Leise fragte [der Vater], wie er es mit dem Glauben halte. Alfred musste schlucken, er spielte mögliche Antworten durch, die sich leichter hätten sagen lassen als die Wahrheit. Dann gestand er, seit Monaten nicht mehr in der Kirche gewesen zu sein. ’Warum?’ ’Sie leugnen den Zweifel.’ Alfred visierte seinen Vater über die Ecke eines Quittenbrotes an. ’Und du? Bist du denn ohne Zweifel?’« Zentral ist die Wette mit dem Vater: »Ich werde in den Naturwissenschaften eher die Wahrheit finden als du in Gottes Wort.«

     

    Zweifel ist der Beweggrund für Wegeners Forschen, Reisen. Alles Land der Titel für eine Zeichnung, die Alfred Wegener vom Urkontinent anfertigt: »Er überwand Strecken, für die die Festländer Jahrmillionen gebraucht hatten, in einem Augenblick. Dann hatte er die verschiedenen Phasen auf neue Blätter durchgepaust und die Flächen der Kontinente schließlich so weit eingefärbt, wie die Bleistiftstummel es erlaubten. Für den Urkontinent hatte er den rosafarbenen Stift gewählt, weil er gerade zur Hand war … Wegener nahm das letzte Stück rosa Mine und schrieb unter das erste Bild: Alles Land.« – Bewegend. Großartig.

     

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