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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 22. August 2017 | 05:42

    Erich Loest: Löwenstadt

    20.02.2012

    Sollen wir Denkmäler aufstellen oder in die Luft sprengen?

    Erich Loest setzt in seinem Roman Löwenstadt seinem Leipzig ein Denkmal und erzählt dabei so en passant 200 Jahre deutsche Geschichte – von der Völkerschlacht 1813 bis zur Gegenwart.

    Von HUBERT HOLZMANN

     

    Erich Loests Roman Löwenstadt ist die Geschichte des Sprengmeisters Alfred Linden. Er wird verhaftet und in einer psychiatrischen Einrichtung festgehalten, weil er angeblich das Leipziger Völkerschlachtdenkmal in die Luft sprengen wollte. In dieser Anstalt beginnt er mit seiner Erzählung.

    Bereits die ersten Zeilen von Löwenstadt sind eine mehr oder weniger versteckte Widmung an einen anderen Autor des Göttinger Steidl Verlags, an Günter Grass. Wie in dessen Blechtrommel ist auch hier eine Verwahranstalt Ausgangspunkt für den Roman. Wie im Fall des Danziger Nobelpreisträgers beginnt ein Mann am Ende seines Lebens aus der Haft heraus zu erzählen, bei Erich Loest ist es der Sprengmeister Alfred Linden, der aus dem abgeschlossenen Raum einer Irrenanstalt heraus auf sein Leben, auf seine Vergangenheit und auf die seiner möglichen, potenziellen Vorfahren blickt.

    Wie bei Grass entsteht aus dieser (Keim)Zelle eine Rahmenhandlung, gibt es Impulse für ein reich gewobenes Netz an Assoziationen und Anekdoten. Dabei ist das Leben für Alfred Linden an einem Punkt, an dem es für ihn keine Zukunft mehr gibt. Die Zeit scheint ans Ende gekommen scheint, keine Rolle mehr zu spielen. In der Anstalt scheint es auch kein wirkliches zeitliches Voranschreiten mehr zu geben. Dieser Stillstand bedeutet, dass er Zeit hat zu erzählen, Zeit hat zu schreiben – über die letzten 200 Jahre seiner Familiengeschichte – und über 200 Jahre Denkmalsgeschichte.

     

    Ein ganz persönliches Denkmal der Schlacht

    Der Roman Löwenstadt startet tief im Brunnen der Vergangenheit. Eine erste Station ist der Dorffriedhof von Otterwisch, wo Alfred Linden auf den Namen eines Carl Friedrich Lindners stößt, der 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig gefallen ist. Alfred Linden versetzt sich in diesen für ihn anscheinend möglichen Vorfahren. Und blickt zurück, wird zum Ich dieses sächsischen Infanteristen, der auf Seiten Napoleons kämpft. Aus seiner Perspektive des kleinen Soldaten schildert er das Kasernenleben, den Marsch zu den Schlachtfeldern. Er überlebt das Morden, versorgt Verwundete. Ein Goldstück, das er bei einem sterbenden Hauptmann findet, »steckte ich provisorisch und vorsichtshalber in meine Tasche.« Es wird ihm zum Verhängnis, er wird nach der Schlacht als Plünderer »auf dem großen Flächen-Flohmarkt« von Husaren erschlagen.

    So wie der Leipziger Soldat »plündert« und »pflügt« auch Erich Loest – oder besser sein Held Alfred Linden – auf dem weiten Feld der Geschichte. Er stößt nicht dabei nur auf harmlose Erinnerungen, sondern legt »modrige Knochen«, einige Schädel gefallener Kämpfer frei, vermischt Gedanken an die Kriegschuldfrage, alte Kameradschaften, auch aus dem braunen Sumpf der SS-Gefolgschaft. Weitere Episoden werfen einen Blick auf die Zeit des Vormärz, auf die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, August Bebel, Karl Liebknecht sind hier für ein Zwischenspiel Gäste.

    Im weiteren Verlauf führt Loest den Leser auch an die Front des Ersten Weltkriegs und erzählt die Geschichte des Hauptmanns Linden, der 1916 an der Somme fällt. Die Wirren des Zweiten Weltkriegs beginnen, Linden erlebt in Leipzig den Einmarsch und Abzug der Amerikaner, die Ankunft der Russen. Und natürlich die Jahre der DDR. Immer wird die Geschichte der Stadt mit der Biografie eines möglichen Vorfahren von Linden vermischt. Familiengeschichte wird aus der Ich-Perspektive erzählt und in den Rahmen deutscher Geschichte gestellt. Dazu kommt der rote Faden des Denkmalbaus: zunächst die Planung, den Aufbau, die Einweihung, das Denkmal als Erinnerung, als Denkmalsbunker, in seiner Bedeutung für Faschismus, Kommunismus. Und seiner Bedeutungslosigkeit in der späten DDR-Zeit: »Meine Stadt, ich wusste es, war ihres Wahrzeichens nicht mehr wert... Ja, ich wollte das Denkmal sprengen, ich beanspruche keine mildernden Umstände«.

     

    Der politische Löwe

    Politisch gesehen spielt der Autor der Löwenstadt mit allen möglichen Klischees, er pendelt vom linken Spektrum eines August Bebel und der Arbeiterbewegung vor dem ersten Weltkrieg und den sozialistischen Ansichten der Ostzonalen bis in rechtsextreme Denke des NS-Staats. Immer dazwischen, ein wenig wie die Fahne im Wind, die Lindens. Nie ganz am extremen Rand, aber immer dabei, mitten in der Bewegung. Der Seitenwechsel findet ganz unmerklich statt: »Die Drops der SS waren vergessen, der erste Kaugummi seines Lebens klebte unter dem Stuhl.«

     

    Nicht nur dadurch entsteht ein sehr persönlicher Blick auf die Wechselfälle der Geschichte. Dieser motivische Leitfaden ist ein tragfähiges Konzept für einen Roman. Mit hinein in Löwenstadt spielt bei Loest natürlich das Sächsische: Die Löwen sind im Wappen der Stadt, sind in Stein gehauen am Fuße des Denkmals, die Löwen aber auch ganz konkret als gebändigte Zirkustiere, die, in einer Nacht- und Nebelaktion befreit, die Stadt unsicher machen.

     

    Nicht zu knapp würzt Loest seinen Text auch mit sächsischen Spezialitäten: Bei der Geburt Lindens verkündet die Hebamme, »was jetzt festzustellen am wichtigsten war: 'Ä Schunge!’« Ein »alter« Linden ehrt seinen »Unbekannten Soldaten« der Völkerschlacht zu Hause, er stellt auf seinen Schrank einen ausgegrabenen »Nüschl« (sächsisch für Kopf). Und in der Haft wird Alfred Linden von einem sächsischen Beamten der Staatssicherheit verhört. Der Tonfall wieder bekannt: »’Die Sache liegt glar’, begann er, ’deshalb wolln wir geine Faxen machn, nuwwer?’ Dieses ’nuwwer’ beendete bei ihm jeden zweiten Satz, es ist echt sächsisch und aus ’nicht wahr’ zusammengezogen«.

    Ganz persönlich wird auch das Ende des Romans: Lindens Fahrt zur Familie in den Westen. Was er erlebt? Eine verkehrte Welt. In der BRD sieht er nicht nur die schnöde Jacobs-Krönungs-Wirklichkeit. Verstörend wirkt vieles. Nicht nur in der Diskussion mit seinem Schwiegersohn, einem Handelsvertreter für Schuhe. Besonders deutlich wird dies aber an der Stelle, als Alfred Linden vor dem »Wicht vom Teutoburger Wald« steht. »Die Drecks- und Wasserschäden an meinem Riesen, und hier blinkten und blitzten Stein und Schwert, jede Fuge war wie am ersten Tag.« Der Westen scheint zeitlos, konturlos.

    Erich Loest, der 1926 im sächsischen Mittweida geboren ist, verlässt Anfang der 80er Jahre die DDR. Erst 1998 zieht er wieder in sein Leipzig zurück. Der Roman Löwenstadt von 2009 ist eine überarbeitete Neufassung des bereits in der Vorwendezeit erschienenen Romans Völkerschlachtdenkmal von 1984. In der Neufassung wird die Nachwendezeit einbezogen, die Geschichte Alfred Lindens findet – nach seiner Entlassung aus der geschlossenen Anstalt – zu einem friedlichen Abschluss. »Bürger hoben uralte Gedanken in die Gegenwart. Menschenrecht, der Begriff hatte als verblasen, versöhnlerisch und klassenfremd gegolten... Sehnsüchte von 1848 stiegen auf aus gemarterten Seelen: Pressefreiheit und natürlich und zuallererst Fernweh. ’Visafrei bis Haweii!’« Nicht nur an dieser Stelle einfach, lakonisch. Eine Pflichtlektüre.

     

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