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    Jean Cayrol: Im Bereich einer Nacht

    06.02.2012

    Bonsoir Tristesse

    Jean Cayrol gehört zu den großen Unbekannten der französischen Nachkriegsliteratur. Sein Roman Im Bereich einer Nacht (L'espace d'une nuit) erschien bereits vor 50 Jahren in der deutschen Übersetzung von Paul Celan. Der Frankfurter Schöffling Verlag hat diese Übertragung der düsteren Vater-Sohn-Geschichte mit einem erhellenden Nachwort von Ursula Henningfeld neu ediert.

    Von HUBERT HOLZMANN

     

    Jean Cayrol erzählt in seinem Roman Im Bereich einer Nacht eine außergewöhnliche Story. Im Zentrum steht der junge Mann François, der in der französischen Hauptstadt lebt, in einer Beziehung steckt und insgesamt ein ziemlich normales Leben führt. Auf Wunsch seines Vaters fährt er in das Dorf seiner Kindheit. Ohne seine Verlobte Juliette. Damit beginnt für ihn die Nacht. Die Dunkelheit. Und ein finsteres Kapitel seines Lebens wird zum ersten Mal nach langer Zeit aufgeschlagen. Als späte Begegnung mit der Kindheit. Eher eine Konfrontation.

     

    François reist mit der Bahn an. Endstation ist ein Provinzbahnhof im Nordwesten Frankreichs. Damit ist er jedoch längst nicht am Ziel. Sein Vaterhaus liegt noch weit entfernt. Trotzdem unternimmt er den Weg zu Fuß. Er durchquert ein Waldgebiet, wird dort von der hereinbrechenden Nacht überrascht und irrt ziellos durch die Dunkelheit. Ziellos. Zeitlos: »François wollte auf die Uhr sehen, aber es hatte zu regnen begonnen, feiner Regen stäubte nieder und hinderte ihn, die Zeiger zu unterschieden; das Glas war naß.«

     

    Chiffren des Existentialismus oder der Tiefenpsychologie

    Die Landschaft ist François fremd. Ein Gehöft, das er erreicht, verlassen, von »grabhügelförmigem Buschwerk« überwuchert. Wie die Erinnerung an die Kindheit, »unfreundliches, frostiges Trümmergelände«. Er begegnet wilden Hunden, die ihn bedrohen, dann Kindern, die ihn abweisen. Anzeichen von Angst, Trauer, Entsetzen, Verzweiflung mehren sich. Er denkt zurück an die Familiengeschichten aus der Kriegszeit. Und monologisiert in Gedanken. Führt Dialoge mit seiner Schwester, dem Vater, der Mutter. Denkt an die Umstände ihres mysteriösen Todes. War es die Schuld des Vaters, dass die Mutter starb?

     

    François würde nur zu gerne flüchten, wieder umkehren. Doch die Erinnerungen halten ihn, binden ihn magisch. Die Nacht ist wie eine Nacht seiner Kindheit, in der er den Vater an die Polizei verrät und auf der Wache verhört wird: »Diese Nacht – sie verspricht genauso zu werden wie damals, als er mich aus der Polizeiwache herausholen kam. Ich habe ihn noch deutlich vor Augen, mit seinem kleinen Portemonnaie und seinen langfingrigen Handschuhen. Schwarz und Silber, das sind seine Farben; seine Gesichtshaut wird immer schwärzer...«

     

    Ein beinahe existentialistischer Rahmen für das Fremdsein, den unnahbaren Vater, die Sinnlosigkeit, die die Existenz von François ausmacht. Im Bereich einer Nacht scheint als Paralleltext zu Albert Camus L'etranger lesbar. Auch hier die erzählte, keine gedeutete Figur. Auch die enge, fast intime Erzählperspektive und »Kameraführung« des Erzählers bleibt distanziert. Trotz aller Gedanken, Erinnerungen, Träume. Und immer auf eine merkwürdige Weise bedrohlich, dunkel. Bei Cayrol »wird man gehandelt«. Doch François ist niemals überrascht. Alles ist.

     

    Und schließlich gelangt François ans Ziel, das zunächst noch im Unklaren bleibt. Er stößt auf ein Haus, das Schutz und zugleich Falle ist. Er wird von der Schneiderin Raymonde ins Haus gebeten, bleibt die Nacht und erfährt vom Konflikt zwischen Vater und Tochter. Am nächsten Morgen bricht die familiäre Bande auseinander. Die Frau, die den Hauptverdienst der Familie trägt, ist nahezu erblindet und steht vor dem Ruin, der Vater – merkwürdig reaktiv – hat eine seltsame Zwischenposition, die Tochter flieht mit dem gerade fertig gewordenen Brautkleid und wird erst nach einer beinahe merkwürdigen Verfolgung wieder gefunden. Wiederum ist für François alles normal, ist er auf alles gefasst. Auch auf das, was noch folgt.

     

    Die Sprache Celans

    Jean Cayrol ist den Lesern französischer Literatur allenfalls als Verleger der Édition du Seuil bekannt. Er entdeckte Autoren wie Roland Barthes und Philippe Sollers und hat selbst zahlreiche Romane, Erzählungen, Essaybände, Gedichte und Drehbücher hinterlassen. Cayrol wird 1911 in Bordeaux geboren, studiert Jura und Philologie. Als Mitglied der Resistance wird er 1943 nach Mauthausen deportiert. Nach dem Krieg gibt er die Zeitschrift Écrire heraus und schreibt auch für Tel Quel, in der Werke von Michel Foucault, Jacques Derrida, Roland Barthes u.a. erscheinen. 2005 stribt Cayrol in seiner Heimatstadt Bordeaux.

     

    Paul Celan arbeitet ab 1959 als Lektor an der Pariser École normale supérieure, überträgt Gedichte von Ossip Mandelstamm. 1959 beginnen die Plagiatsvorwürfe von Seiten der Witwe Ivan Golls. Im Jahr 1961, in der Celans Übersetzung erscheint, wachsen die Belastungen für den Dichter der Todesfuge ins Unerträgliche. Er bricht in diesem Jahr endgültig mit Ingeborg Bachmann: »Ingeborg, wo bist Du? … ich schreibe Dir, in der Verzweiflung, und Du hast kein Wort und keine Silbe für mich übrig...« (Herzzeit Briefwechsel Bachmann – Celan).

     

    Cayrols Roman Im Bereich einer Nacht ist eine Meisterleistung. Die Übertragung Celans – nicht nur ein bedeutendes Dokument für Celan-Forscher. Die Neuauflage – ein großer Verdienst des Verlags. Für den Leser – ein Gewinn.

     

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