• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. Juli 2017 | 08:50

    Edmund da Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen

    16.01.2012

    Auf Marcel Prousts Spur

    Edmund de Waal Golden Mixture Der Hase mit den Bernsteinaugen. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Bis zur Lektüre von Der Hase mir den Bernsteinaugen habe ich nicht gewusst, was Netsuke sind. Musste man ja auch nicht. Aber jetzt weiß ich, dass es sich dabei um das ästhetische »Fingerfood« kleiner japanischer Holz- & Elfenbeinschnitzereien handelt & dass der Londoner Keramikprofessor (auch ein akademischer Grad, von dem ich bislang noch nie etwas gehört hatte) Edmund de Waal 264 Stück Netsuke besitzt, deren Lebensweg er in seinem grandiosen Buch (dem kein zweites dieser Art »aus seiner Feder« folgen dürfte) beschreibt. Der Titel gebende Hase mit den Bernsteinaugen ist einer davon.

     

    De Waal dienen diese seltsamen Erbstücke als Leitfossilien, um mir ihrer Hilfe verschiedene Zeiten & Orte seiner europaweit verzweigten Familiengeschichte aufzudecken & dadurch Vielerlei gleichzeitig zu erzählen, zu recherchieren und auf Proustsche Weise zu beschwören: die Geschichte der Herkunft & des Lebens des väterlichen Teils seiner Familie: jüdischer Großbürger, deren Gründungsväter Leon & Ignaz durch den Weizenhandel in Odessa unermesslich reich wurden & den Namen Ephrussi auch in Paris und Wien (wohin deren Kinder zogen) einmal ebenso weltbekannt machten wie den der in Frankfurt a.M. ursprünglich ansässigen Rothschilds; die Welt- & Sozialgeschichte zwischen der Ukraine, Europa & Japan von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart; die Kultur- & Kunstgeschichte des vergangenen Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung der Japanologie – also jener von Frankreich ausgehenden, bei manchen Impressionisten kenntlichen modischen Begeisterung für alles Japanische & vor allem auch für die dem Alltag verpflichteten Netsuke, die der mit  Proust wie auch mit den Goncourts, Pizarro & Renoir eng bekannte, nach Paris gegangene Kunsthistoriker Charles Ephrussi einst gekauft und dann um die Jahrhundertwende de Waals Urgroßeltern Viktor & Emmy zu deren Hochzeit in Wien geschenkt hatte.

     

    Die Brutalität des österreichischen »Anschluss« an Hitler-Deutschland wie auch die Gemeinheiten der »Arisierung« des am Wiener Ring liegenden mächtigen Ephrussi-Hauses ist der Tiefpunkt in der Familiengeschichte, Dank der schriftstellerischen Brillanz de Waals aber vielleicht auch der literarische Höhepunkt der Erzählung.

     

    Dem Autor gelingt es mühelos, einen gewissermaßen »plauderdings« (Fontane) zum atemlosen & staunenden Zuhörer & damit auch zum Zeugen seiner intimen & zeittypischen »Beschwörungen des Imperfekts« (Th. Mann) zu machen. Der Hase mit den Bernsteinaugen – ähnlich wie McGregors Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten, nur dass diese gewissermaßen einem Fotoalbum gleicht, während de Waal sich vergleichsweise für einen epischen Film entschieden hat – kreuzt amphibisch zwischen Fakten und Fiktionen souverän hin & her. Der große irische Autor Colm Toibin hat in Edmund de Waal den literarisch Geistesverwandten erkannt, indem er ihm zurecht nachsagt, dass das Buch »stets das Große im Blick hat und doch die kleinen Dinge zum Leben erweckt, die eine verschwundene Welt heraufbeschwören«.

     

    Diese sinnliche Vergegenwärtigungskraft des englischen Keramikprofessors ist ein ebenso großes Rätsel (dass es in ihm vorhanden war!) wie das daraus erwachsende Lese-Vergnügen quer durch literarische Genres.

     

    Wieso aber die 264 kleinen Netsukes nach ihrer hundertjährigen Odyssee & trotz der Verwicklungen & Tragödien des vergangenen Jahrhunderts, in dessen Verlauf sie sogar auch einmal bis in ihr Herkunftsland geraten, auf den  Erzähler (& wir dadurch zu diesem von Brigitte Hilzensauer zwar vorzüglich übersetzten, aber mit der Zeichensetzung auf dem Kriegsfuß stehenden Buch) gekommen sind: das wird hier nicht verraten.

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    Seitenhiebe

    Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

    Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

    Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

    Von STEFAN HEUER

    Mr. Charms ist nicht zu fassen!

    Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer ...

    Die Jugend endet auf dem Campingplatz

    Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter