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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 28. Juni 2017 | 10:47

    Friedrich Ani: Süden und die Schlüsselkinder

    09.01.2012

    Angst vor Weihnachten

    Mit dem Roman Süden (Droemer 2011) hat Friedrich Ani im letzten Frühjahr die literarische Figur, mit der der Münchner Autor berühmt wurde, reanimiert. Zwischen 1998 und 2005 erschienen insgesamt 14 Bücher, in denen der bei der Münchner Polizei beschäftigte Tabor Süden sich um Vermisste bemühte. Nun, in den beiden neuen Bänden, arbeitet der aus Köln in die bayerische Metropole Zurückgekehrte nicht mehr für den Staat, sondern steht in den Diensten einer Privatdetektei. An seinen Methoden freilich hat sich nichts geändert.

    Von DIETMAR JACOBSEN

     

    Kurz vor dem Weihnachtsfest verschwindet der 10-jährige Adrian aus einem Münchner Kinderhaus. Allein seine Freundin Fanny scheint eingeweiht in die Pläne des Jungen. Und das Mädchen ist auch die einzige Person, zu der er nach seinem Verschwinden über ein gestohlenes Handy noch Kontakt hält. Was tun? Im Sankt-Zeno-Haus erinnert man sich an Tabor Süden, der in einem ähnlichen Fall schon einmal erfolgreich tätig wurde. Den Kindern, die schon länger im Heim leben, ist der Mann in guter Erinnerung. Und Fanny glaubt: »Wenn der Adrian mitkriegt, dass Sie nach ihm suchen, kommt er vielleicht gleich zurück. Der war damals noch nicht da, aber wir haben ihm alle von Ihnen erzählt …«

     

    Worauf Süden sich auf den Weg macht durch die große Stadt. Von Fanny, die ihn auf Etappen seiner Odyssee begleitet, hat er sich das Handy erbeten und nach einem kurzen Zögern antwortet ihm der Verschwundene per SMS. Zu seinen getrennt lebenden Eltern, die ihn im Heim abgegeben haben, als er ihnen zu schwierig wurde, lässt das Kind sich allerdings nicht locken: »die mama braucht mich nich, die brauchen mich ale nich.«

     

    »Von innerlich skelettierten Menschen bewohnte(-) Wüsteneien»Von innerlich skelettierten Menschen bewohnte(-) Wüsteneien«

    Meisterhaft, wie man das von ihm gewohnt ist, leuchtet Friedrich Ani mit seinem kleinen Roman in menschliche Abgründe hinein. Alle seine Figuren – Tabor Süden, den erst ein Lebenszeichen seines seit Jahrzehnten verschwundenen Vaters zurück nach München gelockt hat, nicht ausgenommen – sind verzweifelt Suchende. Unterwegs in einer Welt, wo jeder vor sich hin wurstelt und die eigenen Interessen über die der anderen stellt, giert jeder nach dem bisschen Aufmerksamkeit, das man – zumal als Kind – benötigt, um nicht in Einsamkeit und Depression zu enden. Allein: Es zu finden will den wenigsten gelingen, wie das Schicksal einer Handvoll Nebenfiguren demonstriert, mit denen Friedrich Anis Ermittler in Berührung kommt.

     

    Natürlich wäre Süden nicht Süden, wenn ihn seine Intuition und die Fähigkeit, die Gesprächspartner, die ihm begegnen, durch Ehrlichkeit, Empathie und Authentizität für sich zu gewinnen, nicht auf die richtige Spur führen würden. Was seinen Auftrag betrifft, darf er schließlich Vollzug melden. Die Kälte der Welt freilich, durch die er sich trotz vorweihnachtlichen Kerzenscheins bewegt, hat um keinen Grad abgenommen, wenn der Vermisste wieder in die Geborgenheit des Sankt-Zeno-Hauses und zu seinen Freunden zurückgekehrt ist. So weit wie gedacht ist er im Übrigen gar nicht weg gewesen. Und seine Freundin Fanny kennt den wahren Grund für das Verschwinden: »Damit jemand nach ihm sucht … Damit wir ihn nicht vergessen.«

     

    »Folge deiner Intuition ...«

    Am Ende von Süden und die Schlüsselkinder bricht Heiligabend an. Die Kinder im Heim haben die Nacht vor diesem symbolträchtigen Tag schlafend und träumend verbracht. Für Adrian aber beginnt mit diesem Datum das Leben aufs Neue. Seit sein Vater ihn hier abgegeben hat, war ein Tag wie der andere gewesen. Die Zeit stand still. Nun kann sie endlich weitergehen für einen Jungen, der in den Köpfen all jener, die sich während seiner Abwesenheit um ihn sorgten, so etwas wie eine Wiedergeburt erfuhr.

     

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