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    Montag, 24. Juli 2017 | 08:50

    Antonio Muñoz Molinas Roman: Die Nacht der Erinnerungen

    16.01.2012

    Wenn alles zerfällt

    »Wie fühlt sich das Leben an, wenn die Dinge auseinanderbrechen? Das wollte ich zeigen und weniger den Krieg rekonstruieren«, bekannte der spanische Erfolgsschriftsteller Antonio Muñoz Molina nach der Veröffentlichung seines achtzehnten Romanes, der um eine tragische Liebesgeschichte in den Wirren des Spanischen Bürgerkriegs kreist. Ganz ohne Frage – in diesem opulenten, bisweilen etwas ausufernden Epos hat der ausgebildete Historiker dem 55-jährigen Autor richtungsweisend die Feder geführt. Von PETER MOHR

     

    Den Handlungseckpunkt markiert der Sommer 1936, und der Protagonist, der überaus erfolgreiche Architekt Ignacio Abel, arbeitet an einem spanischen Renommierprojekt – am Campus der neuen Madrider Universität. Abel ist Ende 40, mit einer Frau aus der Madrider Bourgeoisie verheiratet, Vater von zwei Kindern und (wie Autor Muñoz Molina selbst) bekennender Sozialist. Spannungen sind in der konservativ-katholischen Familie seiner Frau dadurch vorprogrammiert. Abel, der Bauhaus-Student, lernt die junge Amerikanerin Judith Biely kennen und lieben.

     

    Plötzlich tobt das große Chaos – im Politischen wie im Privaten. In Abels Leben geht jegliche Form der Ordnung verloren. Der Bürgerkrieg ist im Juli 1936 ausgebrochen und fordert unzählige Menschenleben, seine betrogene Frau begeht einen Selbstmordversuch, und schließlich trennt sich die junge Judith auch wieder vom Protagonisten, weil sie keinerlei Perspektive für das so ungleiche Paar sieht.

     

    Abel lässt Frau und Kinder in den Wirren des Bürgerkriegs zurück und setzt sich in die USA ab, wo er in Rhineberg den Auftrag erhält, eine Bibliothek zu errichten. »Diese Rohheit, Verbrechen aus Leidenschaft und in Blut getränkte anarchistische Aufstände, plumpe Kasernenparolen; all diese Heiligen, Märtyrer, Fanatiker, wie auf den Bildern im Prado.« Die ambivalenten Eindrücke aus der Heimat lassen Abel jenseits des Atlantiks nicht zur Ruhe kommen.

     

    Alles befindet sich im Umbruch – nicht nur das Leben der Hauptfiguren, sondern eben auch die Gesellschaft. Überall wartet das Nichtvorhersagbare, und das blutgetränkte Muskelspiel zwischen Hitler, Mussolini und Franco auf der einen und Stalin auf der anderen Seite droht Spanien zu zermalmen.

     

    »Während die Vertreter der Republik als überholt galten, mit ihren steifen Krägen und dem Frack, war es cool, totalitär zu sein«, beschreibt Muñoz Molina die politisch-emotionale Gemengelage und lässt auch historische Persönlichkeiten wie Federico Garcia Lorca, Rafael Alberti oder den republikanischen Politiker Juan Negrín in der Handlung auftreten.

     

    Antonio Muñoz Molina erzählt mit großer Leidenschaft über die Zeit der brachialen politischen Umwälzungen in Spanien, über die Zerrissenheit vieler Familien, über unsägliches Leid, aber auch über Liebe, Verrat und handfeste Schuldgefühle. Der Autor bediente sich dabei eines nicht ungeschickten Kunstgriffs. Er begann seinen Erzählstrom mit einem Rückblick. Abel befindet sich im Oktober 1936 auf einer Zugfahrt von New York nach Rhineberg, und vor seinem Auge laufen etliche Lebensstationen wie ein Film ab. Die Hauptfigur hat sich offenkundig mitschuldig gemacht, zumindest meldet sich nach dem Tod seines falangistischen Schwagers Viktor und seines ehemaligen Lehrmeisters, des jüdischen Professors Karl Rossmann ganz vehement sein Gewissen.

     

    Trotz üppiger Ausschweifungen ist Antonio Muñoz Molina mit Die Nacht der Erinnerungen ein großes, lebendiges und äußerst facettenreiches historisches Panorama von balzacschem Zuschnitt gelungen.

     

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