TITEL kulturmagazin
Montag, 27. März 2017 | 22:19

Thomas Glavinic: Unterwegs im Namen des Herrn

09.01.2012

Pilgerfahrt nach Nirgendwo

Der österreichische Autor Thomas Glavinic hat mit seinem Freund Ingo, einem – laut Klappentext – berühmten Fotografen, der das Aussehen eines Schwerverbrechers hat, eine Busreise nach Medjugorje unternommen. Der neueste Text Unterwegs im Namen des Herrn. Gelesen von MIKE MARKART.

 

Die beiden müssen unter den typischen Teilnehmern einer Pilgerfahrt ein großartiges Bild abgegeben haben, denn Glavinic selbst sieht ja auch so aus, als könnte er in einem Film ausschließlich die Rolle der dunklen Seite spielen, des Kaltblütigen. Des Irren. Entsprechend reserviert und irritiert reagieren die Mitreisenden auf die beiden.

 

Die große Gefahr bei einem derart angelegten Buchprojekt besteht darin, sich nicht verleiten zu lassen, einfach über die Menschen, ihre Verzweiflung und ihre Hoffnung zu witzeln. Das ist nämlich zu einfach. Dazu braucht keiner extra in einen Bus zu steigen, um so eine Fahrt mitzumachen. Es reicht, sich drei oder vier Videos auf YouTube anzuschauen. Dann weiß man genug. Und hat genug zu lachen.

 

Bier, Medikamente, Hitze

Entsprechend günstig für den Verlauf des Buches ist, dass Glavinic selbst von Anfang an geschwächt ist. Er steigt nämlich schon krank in den Bus. Hat mit sich selbst zu tun. Führt eine Ladung Medikamente mit sich, auf die er immer haltloser zugreift.

 

Nach knapp mehr als hundert Seiten trägt die von verrücktem Glauben geprägte Umgebung, tragen die Figuren aus dem Bus, Glavinic und Ingo selbst auch nicht mehr.

 

Glavinic‘ Vater Franjo holt die beiden mit einem Mercedes in Medjugorje ab, hat seine Frau Dita und Glavinic‘ Halbgeschwister Denis und Nina im Schlepptau. Allerdings helfen diese zusätzlichen Personen der Geschichte nicht wieder auf die Beine. Das ist natürlich kein wirkliches Wunder – trotz Medjugorje und seiner Gottesmutter –, denn Glavinic ist mittlerweile so krank, wirft sich obendrein alle paar Seiten die verschiedensten Medikamente ein, dass er selbstverständlich nicht mehr viel mitbekommen haben kann vom Geschehen um ihn herum. Da er aber der Autor ist, ist das nicht wirklich günstig!

 

Die Fahrt von Medjugorje nach Split ist arm an Highlights. Raststätten. Bier. Medikamente. Hitze. »Ich stecke den iPod weg und lese noch einmal Pater Slavkos Gebet an die Königin des Friedens, dann schicke ich es meinem Vater in die Hosentasche. ›Was ist das?‹, kreischt mein Vater. ›Was war das? War das Scheiße?‹ […] ›War das Klopapier? Was hast du gemacht?‹ Mein Vater windet sich auf seinem Sitz, der Wagen gerät ins Schlingern.«

 

Was soll das? Wie verrückt ist dieser Vater? Fährt der wirklich so besoffen mit dem Auto? Denn: Wie kommt man darauf, dass einem jemand Scheiße in die Hosentasche steckt? Glavinic kann man keinen Vorwurf machen, der ist zu diesem Zeitpunkt sowieso schon völlig hinüber, obendrein flennt der nervige Ingo die ganze Zeit herum, dass er nach Hause will. Bald landen sie bei Franjos Freunden, den Mafiatypen Ivica und Zvonko und wie sie alle heißen, feiern ein Gelage, ballern im Garten herum und reden Blödsinn.

 

Man liest sich durch das hindurch, aber eigentlich nur deshalb, weil man zum Schluss schwarz auf weiß bestätigt haben will, dass der bemitleidenswerte Glavinic, für den man große Sympathie entwickelt hat, den ganzen Wahnsinn überlebt.

 

Dass man da nicht mehr alles für bare Münze nehmen muss, ist klar. Denn natürlich kann keiner auf allen Vieren und auch nur annähernd so gezeichnet, wie Glavinic sich selbst beschreibt, durch die Halle eines Flughafens auf die Kontrolle zu kriechen. Heutzutage wird man schon für viel weniger auffälliges Verhalten hopsgenommen. Und in Ländern wie Kroatien schon überhaupt. Aber dass da einiges nicht mehr passt, ist einem in dieser Phase des Lesens komplett egal. Und am Schluss ist man einfach froh darüber, dass der Autor diesen Trip überstanden hat.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Tage, Tage, Jahre

Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

Seitenhiebe

Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

Von STEFAN HEUER

Mr. Charms ist nicht zu fassen!

Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer ...

Die Jugend endet auf dem Campingplatz

Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

Die böse Schlange
und das weiße Kaninchen

In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter