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    Freitag, 23. Juni 2017 | 19:26

    Don Winslow: Zeit des Zorns

    19.12.2011

    Drei gegen den Rest der Welt

    Don Winslow ist ein Phänomen. In knapp zwei Jahrzehnten hat sich der Ex-Detektiv, Ex-Schmuggler, Ex-Safari-Guide, Ex-Theaterdirektor und passionierte Surfer in die erste Reihe der US-amerikanischen Thrillerautoren geschrieben. Kollegen liegen ihm zu Füßen. Die internationale Kritik ist entzückt. Hollywood interessiert sich zunehmend für seine Romane. Und die sind wiedererkennbar, sobald man die erste Seite aufschlägt. Nun also Zeit des Zorns – im Original Savages, »die Wilden« –, Winslows letztes Buch: brutal, megaspannend und sogar ein bisschen romantisch. Von DIETMAR JACOBSEN

     

    Ben, Chon und Ophelia, genannt O., leben im südkalifornischen Laguna Beach. Ben ist der Smarte, Chon der durch zahllose Navyeinsätze gestählte Harte und Ophelia das verwöhnte Partygirl zwischen diesen beiden männlichen Polen. Geld hat das Trio genug, denn man baut erstklassiges Dope für erstklassige Kunden an. Bis ein mexikanisches Drogenkartell beschließt, nach Norden zu expandieren und Ben und Chon ein Video erhalten, auf dem zu sehen ist, wie die Mexikaner mit Leuten umgehen, die nicht kooperieren wollen. Verschwinden oder sich dem Gegner stellen, heißt da die Alternative. Die keine mehr ist, nachdem sich die Mexikaner Ophelia gegriffen haben und mit ihrer Ermordung drohen, sollten sich die beiden Männer nicht beugen.

     

    Ein typischer Winslow

    Zeit des Zorns ist ein typischer Winslow. Im Plot finden sich Nachklänge seines großen Romans Tage der Toten. Die drei Hauptfiguren würden sich auch nicht schlecht unter der Surferelite ausnehmen, die in Pacific Private und Pacific Paradise auf die ultimative Welle lauert. Und an Bobby Z. sowie Frankie Machine fühlt man sich erinnert, wenn hier zwei Einzelkämpfer  ihren Privatkrieg gegen eine scheinbar übermächtige Organisation vom Zaun brechen.

     

    Seine Methoden freilich hat Winslow noch verfeinert. Aus kurzen Kapiteln wurden Kürzestkapitel: 290 davon bringt er diesmal auf 338 Seiten unter. Der erste Abschnitt ist inzwischen schon berühmt. Ins Deutsche übersetzt besteht er gerade mal aus zwei Wörtern: »Fickt euch.« Und so geht es weiter – mal im Drehbuchstil, mal mit Passagen, die von Weitem an Lyrik gemahnen und Listen von allem Möglichen enthalten. Ja, wenn er das »Mekka und Medina der südkalifornischen Konsumgesellschaft«, die Shopping Mall »South Coast Plaza« in Costa Mesa, beschreibt, so tut er das mit einem Alphabet der Luxusläden von A wie Armani bis Z wie Zara – nur für I,K,U und X haben sich keine Marken gefunden. Und das notwendige Wissen – zum Beispiel über den Unterschied zwischen den Cannabissorten Indica und Sativa – baut er so raffiniert ein wie Steven Spielberg das in seinen besten Filmen einst vorexerzierte, ohne jede belehrende Attitüde, fast beiseitegesprochen, das aber mit großer Nachhaltigkeit.

     

    What a baditude!

    Natürlich ist der Krieg zweier Männer gegen ein gut vernetztes Kartell nicht zu gewinnen. Aber Chon und Ben strengen sich richtig an, Verwirrung in die Reihen ihrer Feinde zu tragen. Nachdem sie zum Schein auf das Angebot der Mexikaner, Ophelia gegen ein Lösegeld wieder auf freien Fuß zu lassen, eingegangen sind, beginnen sie, deren System von innen heraus zu zerstören. Fleißig wird Zwietracht gesät, hinterrücks doppelt und dreifach kassiert – und wenn alle Stränge reißen, dann hat die eiskalte Drogenlady Elena Lauter, die ihre Organisation mit harter Hand führt, ja noch eine in den USA studierende Tochter, die nicht allzu gut bewacht wird. Auge um Auge, Zahn um Zahn!

     

    Winslows Roman macht nicht zuletzt deshalb so großen Spaß, weil er auf äußerst ironische Weise die Bedingungen und Gesetze des Genres mitreflektiert. Wenn dem Leser also manches bekannt vorkommen dürfte, dann deshalb, weil es bereits mit dem entsprechenden Seitenblick eingebaut wurde. Anspielungen auf klassische literarische und filmische Konstellationen,  gelegentliche – und durchaus ernstzunehmende – Kommentare zum Zeitgeschehen (»Im Irak und in Afghanistan sterben Menschen, aber in die Schlagzeilen kommt Anna Nicole Smith.«), witzige Pointen, wo man eigentlich auf blutige Zusammenstöße gefasst ist – Zeit des Zorns ist wahrhaftig ein Buch, das immer wieder zu überraschen versteht. Auch wenn es gelegentlich ein wenig übertreibt – zum Beispiel in den expliziten Sexszenen, die die Handlung nicht wirklich voranbringen und auch nichts Neues mitzuteilen haben über das innige Verhältnis der drei Helden.

     

    Am Ende jedenfalls verschmelzen Ben, Chon und O. zu so etwas wie einem einzigen Körper. Geradezu enniomorriconemäßig geht das über die Bühne. Zu kitschig? Ach was! Hier liegen schließlich drei, die mächtig aufgeräumt haben unter denen, die seit Jahrzehnten diesseits und jenseits der amerikanisch-mexikanischen Grenze den Drogenkrieg am Leben erhalten und aus Terror und tausendfachem Tod Gewinne schöpfen. Und die das Paradies verdient haben, in das ihr zorniger Erfinder sie schließlich entlässt.

     

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