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Jan Böttcher: Das Lied vom Tun und Lassen

14.11.2011

Ein Triptychon aus der Erziehungsanstalt

Abhängigkeit, Schuld und Erinnerung sind die Motive in Jan Böttchers recht problematischen vierten Roman Das Lied vom Tun und Lassen. Von HUBERT HOLZMANN

 

Hauptthema von Jan Böttchers Roman Das Lied vom Tun und Lassen ist der Selbstmord der Schülerin Meret. In drei verschiedenen Teilen komponiert Jan Böttcher – Schriftsteller, Sänger & Songwritrer der Band Herr Nilsson – seinen Text: die Perspektive des Musiklehrers Immanuel Mauss, des Schulinspektors Johannes Engler und der Mitschülerin Clarissa Winterhoff.

 

Der erste Abschnitt des Buches ist die Position des Musiklehrers Mauss. Es ist ein Gedächtnisprotokoll in acht Teilen. Er diagnostiziert, ordnet seine Gedanken, beobachtet die Schülerin Clarissa, die seine Hilfe sucht, er zeichnet Gespräche mit den Nachbarn, dem Hausmeister der Schule auf und führt imaginäre Dialoge mit seiner verstorbenen Ehefrau an deren Grab. Etwas melancholisch der Tonfall seiner Selbstdefinition: »Manchmal joggte ich hier. War ich damit ein Jogger? Vierundzwanzig Wochenstunden, dreizehn in Englisch und elf in Musik damit war ich ohne Zweifel ein Lehrer...Ein Grab auf dem dörflichen Friedhof. Damit war man Witwer. Ein einziges Lauteninstrument... Damit war man kein Lautenbauer. Ein Backhaus voller Vinyl. Damit war man Plattensammler gewesen.«

 

Mauss ist ein in die Jahre gekommener Lehrer der Oberstufe, dessen links-soziologische Studienzeit ihn allerdings jung hält. Er ist der einzige progressive Kollege, der an seiner Schule ein WLAN-fähiges Internet im Klassenverband nutzt und mit seinem Unterrichtskonzept die Schüler ernst nimmt, diese zugleich fesselt, an sich bindet: »Der schmalere Weg aber führte in den Wald, wurde immer schmaler; von Zweigen überdacht, würde auch ich irgendwann zwischen den Blättern die neue Sonne am Himmel leuchten sehen.«

 

Wie kein Zweiter ist er eingebunden in die Gedankenwelt seiner Schüler, unternimmt mit ihnen eine Radtour durch England. Meret die Außenseiterin wird von der Klasse mitgezogen. Am Schluss ist sie eigentlich integriert. Im neuen Schuljahr kurz vor Weihnachten stürzt sich Meret jedoch vom Dach der Schule. Der Unterricht entfällt. Bei Mauss gibt es ein improvisiertes Trauercamp. »Und all die Lieder die sie gesungen, die Schwüre und Schreie, die sie ausgestoßen hatten, waren im Kerzenwachs hart geworden, steckten im Holz, waren anwesend geblieben in den Dielen und Wänden.« – Manchmal zutiefst jugendbewegtes Wanderleben aus Weltschmerz und Neubeginn. Das ist ja auch der Inhalt vieler Songs von Jan Böttcher.

 

(c)Rowohlt Verlag (c)Rowohlt Verlag

Und ein Lied heilt alle Wunden

Als Zweites wird der durchaus persönliche Bericht des 35-jährigen Schulinspektors und Musikdoktoranden Johannes Engler in den Roman eingebunden. Auch hier dieselben hochmusikalischen Motive: Tod, Erinnerung, Neubeginn, Nähe und Distanz. Englers erste Begegnung mit der Schule ist von einem lyrisch-pädagogischen Impetus geprägt, der mehr als naiv zu nennen ist – erschreckend, sollte es ein Grundtenor der Generation »1973« sein: »Die kühle Morgenluft floss in meine Lunge und gab mir das gute Gefühl, zu den Werktätigen zu gehören.« Mag die Grenze zur Ironie fließend sein, hier wird sie sehr strapaziert.

 

Engler arbeitet sich auf wenigen Seiten sehr schnell in den Kern des »Unternehmens« vor. Engler stößt am Dach der Schule – dies ist also öffentlicher Aufenthaltsraum für Schüler und Gäste der Schule – auf Clarissa, die sich dort für Meret einen Gedächtnisraum geschaffen hat. Gedanken an die Beerdigung seines eigenen Vaters werden wach: »Der Alte hatte mich verlassen, und mein Junge war da gewesen, um den Arm auszustrecken. Wir fassten uns an den Händen.« Was bei Lars von Triers Melancholia als Schlussapotheose funktionieren mag – hier ist es fürchterlicher Erinnerungswust. Und nur Wendepunkt für den Gang in die Dunkelheit – man beachte den Unterschied bei Mauss! – Bei Engler, der Weg in den Keller, das geheime Reich der Abiturienten und Mauss´. Das lässt Schlimmes ahnen!

 

Erneut sticht – wie in der Gedankenwelt und im Monolog von Mauss im ersten Teil – das Motiv des allzu engen Kontakts zwischen einer Schülerin und ihrer Vertrauensperson hervor. Jedoch instrumentiert Jan Böttcher es nicht mehr subtil als kontrapunktischen Hintergrund, sondern mit Pauken und Trompeten: Engler steigt im Schulkeller auf Clarissas heftige Anmache ein, beide fallen übereinander her: »Wie eine Katze hatte sie sich zwischen meinen Armen eingerollt. Ich streichelte ihren Kopf, griff in ihre Haare und tatsächlich schnurrte sie.«

 

Distanz schafft erst ein Lied, das Engler schreibt, als er die Schule hinter sich gelassen hat. Ein Lied, das aus der Dunkelheit führt mit dem Ausbruch: »Alles soll uns überdauern, / nichts darf uns verloren gehn. / Unsere Kinder, deren Kinder / sollen diese Welt verstehn, / wie sie einmal war.« Schon eine geballte Ladung Sendungsbewusstsein eines vielleicht angehenden Pädagogen.

 

Eine Fahrt durchs wilde Kurdistan

Mit Clarissa Winterhoffs Blog – stilistisch ist der dritte Teil mit zeitlich exakt datierten Einträgen (als livestream) gestaltet – schließt sich der Reigen des Schul-Dramas. Clarissa hält in diesem sehr persönlich gehaltenen Abschnitt ihre Ferienerlebnisse fest: die mehr improvisierte Konzertournee mit ihrer Schulband durch Südfrankreich. Finanziell trägt ihr Vater, ein erfolgreicher, saturierter Unternehmer, der auch die Schule finanziell fördert, die Reisepläne der angehenden Abiturienten. Klingt eigentlich großartig, vielleicht etwas spleenig, und fast schon retrospektiv auf den Geist der 70er verweisend. Doch was dann folgt, ist schon sehr an den Haaren herbeigezogen.

 

Zunächst verfolgen Clarissa auch in Frankreich ihre Erinnerungen an Meret. Die konkreten Reiseerlebnisse, die Böttcher aufeinander folgen lässt, sind jedoch völlig kontrastiv angelegt, zum Teil äußerst kurios, wenn nicht sogar überzogen zu nennen. Die Häufung auf jeden Fall unerträglich! So wird von Frankreich aus spontan ein Konzert auf spanischer Seite organisiert. Dort gibt der Kult-Bus der Band den Geist auf. Damit katapultiert Böttcher das Unvorhergesehene, Wilde (?) in seine Epik. Die Truppe schafft es zurück nach Frankreich bis in ein Chateau. Wein, endlose Reden über Philosophie und Lebensübermut sind angesagt. Der Bus wird schließlich gegen einen Pferdewagen eingetauscht. Filme von Jean-Pierre Jeunet lassen grüßen! Clarissa flüchtet aus diesem Dauer-Pubertäts-Happening in die Einsamkeit auf einen Leuchtturm. Meret ist ständige Begleiterin.

 

Paris muss es schließlich auch noch sein. Am Ende gibt Clarissa auf und kehrt als Erste in den Ferien nach Hause zurück. Mauss ist über das Netz immer zeitnah mit in Clarissas Gedanken- und Erlebniswelt. Eine chronologische Fortsetzung des Romans ist dann der erste Teil des Triptychons, beginnend mit dem ersten Satz von Immanuel Mauss: »Sie war früher zurückgekehrt als die anderen. Am dritten Tag stand Clarissa Winterhoff in meiner Küche, ich versuchte gerade…«

 

Jan Böttcher schreibt in seinem sehr eigenen Stil, der für das Bewusstsein der heute Enddreißiger typisch ist. Das Thema nicht ganz neu. Mit Skippy sitrbt hat der Wahldubliner Paul Murray bereits 2010 einen tragikomischen Schulroman vorgelegt. – Was bei Böttcher zunächst einen sehr überzeugenden Roman verheißt, stellt sich am Ende als strapazenreicher Gewaltmarsch durch Abiturientenklischees heraus! Der Leser ist spätestens in Teil 3 überfordert.

 

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"Jan Böttcher schreibt in seinem sehr eigenen Stil, der für das Bewusstsein der heute Enddreißiger typisch ist." Bitte erklären, was das heißen soll.
| von wollgespinst, 15.11.2011
O.k. Mein Satz reißt vielleicht zu Vieles gleichzeitig an und das Problem bleibt zu ungenau formuliert. Ich versuche damit vor allem zwei Dinge von Böttchers Schreibstil zu fassen: - Einmal hat seine Sprache einen unglaublichen "drive" und sie ist voller Impetus und Kraft. - Zugleich kommt aber durchaus etwas "Moralinsaures" hinzu, wenn er z.B. in Englers Resümee-Song "Ein Loch gegraben" (Ende II. Teil) große "Vokabeln" (Handlung, Denken...) benutzt um Englers Idee von Überleben, Weiterleben auszudrücken. Dieser Rückgriff auf die Liedermacher-Tradition & noch weiter Richtung Brecht bleibt flach. Das sehe ich als Mittel doch eher überholt an.
| von Hubert Holzmann, 15.11.2011
Zu der Kritik an den Absonderlichkeiten der "Tournee" sollte man vielleicht sagen, dass die Erlebnisse ganz klar als nicht real gekennzeichnet sind - es gibt "in Wirklichkeit" ja keine Band, Clarissa kann nicht singen und Mauss ist nicht der Manager (in Johannes Teil wird das deutlich). Man erkennt in den Reiseerlebnissen Clarissas Kleinmädchenvorstellungen. Der Blog ist ihre Art der Verarbeitung, keine Beschreibung realen Geschehens.
| von Thomas, 07.01.2012

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