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Antonio Lobo Antunes: An den Flüssen die strömen

28.11.2011

Die igelige Frucht eines Kastanienbaums

Der bisheriger Kampf in seinen vorangegangenen Romanen gegen die Dämonen der Gesellschaft Portugals ist dem Kampf eines inneren Dämons gewichen: Darmkrebs. Antunes beschwört in seinem neuesten Buch An den Flüssen die strömen mit seiner Stimmenvielfalt die Toten aus vergangenen Tagen und lässt den Leser beunruhigend nahe an die Angst vor der Endlichkeit des Lebens kommen. Von SVENJA BRÜCK

 

Die Beschwörung der Geister aus vergangenen Tagen in der heutigen Gesellschaft Portugals und seine Zwangsverpflichtung als Militärarzt in Angola haben ihn in seinem Schriftstellerleben nie zur Ruhe kommen lassen. In seinen vorherigen Romanen, aber auch in seinen Kolumnen in einer Lissabonner Tageszeitung klagt er immer wieder emphatisch die Kolonialpolitik Salazars an und die Unfähigkeit der portugiesischen Mittelschicht, sich zukunftsorientiert zu entwickeln.

 

Ebenso war der Tod, entweder von Familienmitgliedern oder auch sein eigener, Thema seiner Kolumnen. Mit der Feigheit vor dem Tod muss er sich nun selbst auseinandersetzen und ihn mit Furchtlosigkeit vertreiben.

 

»Senhor Antunes« wie sich Lobo Antunes Alter Ego in diesem Roman nennt, vermischt in den Momentaufnahmen seines Lebens die Erinnerungen des Erwachsenen mit denen des Kindes »Antoninho« und schreibt sich mit jeder Zeile an den Rand des Daseins. Getragen von Schmerzen und starken Medikamenten evoziert das Erzählte ein Trauma einer lebensgefährlichen Krankheit, einer »igeligen Frucht eines Kastanienbaums« in seinem Körper. In atmosphärischer Dichte notiert Antunes in Tagebuchform seinen Aufenthalt in einem Krankenhaus.

 

Als schwerkranker Patient erlebt der Mediziner Antunes nun den Krankenhausalltag in all seinen ungeheuerlichen Facetten, vom respektlosen Verhalten der Pfleger bis hin zu Gesprächen der Ärzte über seinen Kopf hinweg, in dem Glauben, er höre sie ohnehin nicht. Er driftet in seiner elementaren Abgeschiedenheit des Krankenzimmers hin und her zwischen der realen und der vergangenen Welt. Es sind nicht nur die Erinnerungen an die geliebten Großeltern und die Mutter, sondern es ist auch eine mitleidlose Abrechnung mit dem Vater, der weder mit seinem jungen Sohn an die Quelle des Flusses Mondrego gegangen ist noch daran denkt, seine außerehelichen sexuellen Eskapaden vor dem Sohn geheim zu halten. Dennoch bringt ihn dieser unendliche Bewusstseinsstrom seiner Familie näher.

 

Der Quell der Hoffnung

Die immerwährende Wiedekehr der Erwähnung des Flusses Mondego, dessen Besuch ihn in jungen Jahren verwehrt blieb, ist für den Erkrankten ein wichtiger Ankerpunkt. Die Quelle des Flusses als Sinnbild des Lebens, das noch nicht vorüber sein darf. Die Erinnerung taucht immer wieder in den Momenten auf, in denen er auf die Schattenseite des Lebens zu kippen droht. Er träumt sich mit schlafwandlerischer Sicherheit zurück an die Orte, an denen sein Leben begann, unterbrochen von dem Kampf der Ärzte um sein Leben.

 

Lobo Antunes beschreibt in seiner Rückbesinnung auf das Leben von der Gesellschaft der toten Familienmitglieder und evolviert konzise die differenzierten Zustandsbilder seiner Krankheit. Er halluziniert die Bühne des Lebens herbei, zählt das Vergangene auf und beschwört die Lebendigen, den Tod nicht hereinzulassen.

 

Ein Buch, das Mut macht, ein intensives Einatmen von Leben, Besinnung und einer Begegnung des Unabwendbaren. Lobo Antunes macht es auch in diesem sehr persönlichen Buch dem Leser nicht einfach, denn der renommierte Autor ist ein ausgewiesener Könner des assoziativen Schreibens. Seine Rückblenden, das erbarmungslose Zoomen an ein einziges, immer wiederkehrendes Detail, das eine Chronologie des epischen Erzählens unmöglich macht, verursacht beim Leser oft ein Gefühl der Verwirrtheit. Gleichwohl nimmt es einen sofort gefangen, die Emphase seiner Sprache, die wohldosierte Redundanz, offenbaren einen Wirbel des Existenziellen, der einen tiefen Eindruck hinterlässt.

 

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