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Freitag, 24. März 2017 | 18:47

Georg Haderer: Der bessere Mensch

05.12.2011

Scheint alles möglich

Dass man in Wien nicht nur bei Melange im Kaffeehaus sitzt, sondern zumindest als Polizist auch mit Ekligerem konfrontiert werden kann, schildert Georg Haderer in seinem bereits dritten, wiederum beim – gerade im Krimibereich – hervorragend aufgestellten Haymon-Verlag erschienenen Kriminalroman Der bessere Mensch. Von STEFAN HEUER

 

Prunkbauten aus der Kaiserzeit, die Frauen in Reif und Rock, der Herr Professor im Frack. Fiaker, die selbstverständlich wie Hans Moser auszusehen haben, kutschieren die Gäste aus aller Welt durch die Altstadt, vorbei an Stephansdom, Staatsoper und Albertina. Alles glänzend und sauber; eine Stadt, die ausschließlich gegründet wurde, um ihren Einwohnern und den zahlreichen Touristen eine schöne, sorglose Zeit zu kredenzen ...

 

... – so zumindest das Bild, das wir Westdeutschen von der österreichischen Hauptstadt im Kopf hatten, bis uns Johann Hölzel 1985 auf Falco 3 anhand des Verkaufsgesprächs eines Wiener Würstchenverkäufers mit einem amerikanischen Touristen (Des macht 100, na na, Schilling, net Dollar, übertreiben woll'n mer's net ...) endgültig von der Verschlagenheit der dortigen Geschäftsleute überzeugte.

 

Der Blick in den Pistolenlauf

Schneller Einstieg: Major Schäfer und seine Kollegen treffen sich am Tatort eines Mordes, einer Villa im exklusivsten Viertel, in deren Wohnzimmer eine Männerleiche liegt, von der dank Phosphorsäure nur noch anzunehmen ist, dass sie einmal einen Kopf besessen haben mag. Der Tote: Hermann Born, ehemaliger Vorsitzender der rechtsextremen Nationalpartei, der sich erst kurz zuvor aus der ersten Reihe zurückgezogen hatte.

 

Mögliche Feinde müssen nicht lange gesucht werden, finden sich im Haus doch zahllose Devotionalien rechter Gesinnung, abgerundet von Zeitungsartikeln, die Born so ziemlich jeder mit Rassismus und Antisemitismus in Verbindung stehenden Straftat bezichtigen – von Aktivisten der Linken über frühere Drohbriefschreiber bis hin zum israelischen Geheimdienst scheint also alles möglich. Die deaktivierte Alarmanlage sowie das Fehlen jeder Kampfesspuren weisen darauf hin, dass der Tote seinen Mörder gekannt haben könnte.

 

Wenige Spuren zunächst, aufgrund der politischen Brisanz sind schnelle Ergebnisse ebenso angesagt wie kleinteilige Basisarbeit: Kontakte überprüfen, Personal, Freunde, Nachbarn und Geschäftspartner, dazu die Überprüfung von Telefonaten, Kontenbewegungen und möglichen außerehelichen Aktivitäten. Und eben die finden sich, und zwar immer dann, wenn seine Frau allmonatlich die Villa verließ, um ein paar Tage im Ferienhaus zu verbringen. Dass Born auf seinem PC nicht nur eine umfangreiche Sammlung entsprechender Filme und Bilder besaß, sondern sich bei Abwesenheit seiner Frau von einem Escort-Service regelmäßig mit schwarzafrikanischen Nutten versorgen ließ, überrascht die Ermittler dann aber doch.

 

Bei der Recherche einer Telefonnummer, von der Born kurz vor seinem Tod einen Anruf erhielt, stoßen sie auf einen kroatischen Kriminellen, der für den Escort-Service als Chauffeur gearbeitet hat – bedauerlicherweise erhält auch er kurz darauf eine lebensbeendende Säurebehandlung. Schäfer und Assistent Bergmann können die Beseitigung ihres wichtigen Zeugen nicht verhindern, sind dem Täter aber immerhin so dicht auf den Fersen, dass Bergmann sich Schussverletzungen einhandelt und Schäfer beim Blick in einen Pistolenlauf Glück hat, dass der Unbekannte die Flucht vorzieht. Ein am Tatort zurückgelassenes Haar führt die Ermittler schnell zum Flüchtigen, bei dem es sich nach DNS-Analyse jedoch um einen bereits vor Jahren umgekommenen Schwerverbrecher handelt, mit dem Major Schäfer ganz spezielle Erinnerungen verbindet.

 

Parallel zu diesem Fall beschäftigen drei weitere Ermittlungen Schäfers Team: der Mord an einem auf einem Autorasthof pausierenden LKW-Fahrer, der Mord an einem türkischen Mädchen sowie ein Einbruch, bei dem die Kollegen von der Spurensicherung ebenfalls auf Säurespuren stoßen – ob und wie diese vier Fälle zusammenhängen, soll an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden. Gesagt sei nur: ein spannendes, dramatisches, minutiös dokumentiertes Ende!

 

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Das ist eine schöne und ausführliche Inhaltsangabe, für die sich der Verlag bedanken wird. Wird die Kritik noch nachgeliefert?
| von Bohnenbluescht, 05.12.2011

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