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Roberto Bolaño: Das Dritte Reich

07.11.2011

Skurrile Urlaubsreisen oder Obsessionen heutiger Conquistadores

Roberto Bolaños Erstling Das Dritte Reich aus dem Jahr 1969 ist erstmals auf Deutsch im Münchner Carl Hanser Verlag erstmals erschienen. Von der faszinierenden und zugleich unheimlichen Sogkraft des in Tagebuchform verfassten Romans gefangen genommen wurde HUBERT HOLZMANN.

 

Die Story von Bolaños Roman Das Dritte Reich ist im Grunde simpel. Ein Pärchen aus Deutschland reist in den Ferien nach Spanien an die Costa Brava: Sie sucht Erholung beim Sonnenbaden. Er zieht es vor, die meiste Zeit des Tages im Hotelzimmer zu verbringen und sich seiner Spielleidenschaft zu widmen, seiner Leidenschaft für das Wargame Das Dritte Reich. In diesem Strategie- und Brettspiel – heute würden sich die Spieler virtuell im Netz zusammenfinden – ist der Erzähler der Geschichte, Udo Berger Landesmeister, auch schreibe er für Spezialzeitschriften Fachartikel über Strategien und Spielzüge.

 

Bolaños Plot ist zunächst eher harmlos zu nennen, vielleicht ein bisschen abwegig und skurril. Einer Liebesbeziehung eher abträglich. Udos Freundin Ingeborg ist daher zu bedauern, vielleicht will sie es aber nicht anders. Sie hat sich auf Udo eingelassen, weiß um sein Faible und der Ich-Erzähler und Tagebuchschreiber Udo selbst notiert über Ingeborg: SIe sei »das Beste, was mir passieren konnte. Ihr sanftes Wesen, ihr Charme, die zärtliche Art, mit der sie mich anschaut, bewirken, dass alles andere, die täglichen Anstrengungen, die Steine, die mir meine Neider in den Weg legen, den Stellenwert bekommen, ..., der es mir erlaubt, ... mich den Tatsachen zu stellen und mit ihnen fertig zu werden.«

 

Ingeborg ist es aber auch aus der Zwei- und Einsamkeit des Urlaubs ausbricht. Sie schleppt Charly und Hanna mit an – eine mehr oder weniger geduldete Urlaubsbekanntschaft –, mit denen das Paar gemeinsam die Tage am Strand verbringt, abends in Discotheken zum Tanzen geht und in Szenekneipen versumpft. Udo Berger ist in diesem Quartett natürlich der Außenseiter. Tanzen, Alkohol, Gespräche über Sex und Erfolg interessieren ihn nicht. In seinen Gedanken probiert er eine neue Strategie für sein Game aus, über die er in einem Szenemagazin einen Aufsatz schreiben will. Eigentlich harmlos. Oder? Handelt es sich hier doch um ein Szenarium, in dem der Angriffskrieg der Nazis neuartig und erfolgversprechend geführt wird.

 

Im Nachlass ein »Tagebuch«

Der chilenische Autor Roberto Bolaño, der 2003 fünfzigjährig in Barcelona starb, überrascht hier wiederum mit seinem Nachlass. Bereits 2009 wurde posthum der 1100-Seiten-Torso 2666 veröffentlicht. Nun bringt der Hanser-Verlag wieder einen Roman Bolaños heraus, den dieser in einer abgeschlossenen Schreibmaschinenfassung in seinem spanischen Exil geschrieben hat. Auch diesmal fesselt seine absolut besitzergreifende, manische Erzählweise.

 

Chronologisch reiht der Autor einzelne Tagebucheinträge von Udo Berger aneinander und schildert so die Urlaubserlebnisse des Pärchens aus der Perspektive von des Mannes. Die Eindrücke und Erlebnisse der einzelnen Tage mischen sich mit Erinnerungen, Rückblenden, Udo hält seine Gedanken, Träume fest, und immer wieder blendet er hinüber zum Spieltisch, auf dem er die Geschichte des Zweiten Weltkriegs nachspielt, neu spielt und dadurch – je nach Würfelglück – variiert, umschreibt, manipuliert.

 

In einem anderen Leben

In den Blick von Udo Berger gerät schon relativ bald der »Verbrannte«, das ist ein Tretbootvermieter, der am Strand lebt: Der Mann war braun gebrannt, hatte lange Haare und einen muskulären Körper, aber das bei weitem Auffälligste an seiner Person waren die Verbrennungen – von Feuer, nicht von der Sonne –, die einen Großteil seines Gesichts, des Halses und der Brust bedeckten... Ich muss gestehen, dass ich für einen Moment wie hypnotisiert fühlte, bis ich gewahr wurde, dass auch er uns ansah und in seinem Gesicht Gleichgültigkeit überwog, eine Art Kaltblütigkeit, die mir sofort zuwider war.

 

Der »Verbrannte« ist eine merkwürdige Figur, er lebt zurückgezogen am Strand, vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, isoliert, ausgegrenzt, er bleibt namenslos. Man erfährt später, dass er aus Südamerika stammt und selbst persönliche Erinnerungen ans Dritte Reich hat. Dieser Fremdling schreibt selbst, hat ein Faible für Lyrik – so zitiert der »Verbrannte« Goethes Selige Sehnsucht – tauscht später jedoch diese Leidenschaft mit dem absoluten Eintauchen in die Welt des Kriegsspiels. In den Unterhaltungen mit dem »Verbrannten« wird Udo ganz in dessen Bann gezogen. Aus Udos Träumen spricht Angst. Er träumt von Warnungen, Todesdrohungen, hat Todesahnungen. Das Wargame wird mehr und mehr zum Spiel um Leben und Tod.

 

An einem Nachmittag wird Charly mit seinem Surfbrett vermisst. Er kehrt von einem Ausflug aufs Meer nicht zurück. Alle sind schockiert. Die Suche bleibt erfolglos. Nach einigen Tagen reisen Hanna und auch Udos Freundin Ingeborg nach Deutschland zurück. Udo bleibt jedoch. Denn mit diesem ungeklärten Todesfall beginnt das Spiel zwischen Udo und dem »Verbrannten«. Udo gibt vor, so lange zu warten, bis Charlys Leichnam gefunden wurde. In Wirklichkeit spielt er die Partie mit dem »Verbrannten« bis zum bitteren Ende durch. Udo befehligt die deutschen Truppen, der »Verbrannte« reagiert mit den alliierten Mächten auf den Angriffskrieg von Udo.

 

Von diesem Punkt an spielt sich die Geschichte in einer scheinbar künstlichen, hermetisch geschlossenen Welt ab. Das Hotel wird zum geheimen Führerhauptquartier, in dem alle Personen – die Hotelbesitzerin Frau Else, ihr schwerkranker Mann, der Nachtportier, das Zimmermädchen – in Beziehung zu Udo und dem Spiel treten.

 

Spiel - Wette - Pakt?

Das Würfelspiel Das Dritte Reich (aus dem Jahr 1973) ist ein Strategiespiel, mit dem die Geschichte der Kriegsführung des NS-Systems nachgespielt wird: die einzelnen Offensiven der Generäle in Ost und West, die Afrika-Schlachten, die Einkesselungen im Russlandfeldzug. Durch neue Überlegungen lässt sich Geschichte von 1939-1945 und auch darüber hinaus neu schreiben. Udo Berger marschiert so nach erfolgter Eroberung Frankreichs und Russlands ebenfalls in England ein. Parallel hierzu erobert Udo – ganz real – die Hotelchefin Frau Else und das Zimmermädchen Clarissa.

 

Erst nach langen Spielabenden, in denen der »Verbrannte« zunächst nichts gegen die Übermacht Udos auszurichten scheint, kommt Bewegung in die Partie. Der »Verbrannte« wird nämlich – so erfährt man nach und nach – vom Mann der Hotelchefin in Spieltaktik und Kriegsführung gecoacht. So kann Udo mehr und mehr in die Enge getrieben werden. Der deutsche Vormarsch wird gestoppt, einzelne Armeen der deutschen Wehrmacht werden vernichtet, der Untergang von Berlin droht bereits Ende 1944.

 

Auflösung der Grenzen

Die Figur des »Verbrannten« erschient im Verlauf des Spiels in Udos Aufzeichnungen merkwürdig verändert. Er wird zu einem unberechenbaren Gegenspieler. Er erhält diabolische Züge, das Spiel wird zur Wette stilisiert. Der Einsatz – unklar. Nur eines ist sicher: Dem Verlierer droht die Rache des Siegers. Einzig der Tod scheint mögliche Sühne zu sein. Denken Sie nach, was tut der Sieger? ... Den Kriegsverbrechern den Prozess machen... Nazis aufhängen! Roberto Bolaño gelingt es hier, den Leser absolut in den Bann des Bösen zu ziehen. Vertrauen in den Mitmenschen wird zerstört, die Gedanken um Rache und Tod verselbstständigen sich. Aufgehoben sind die Grenzen von Spiel und Wirklichkeit. Das Böse hat sich eingenistet – nicht nur in den Gedanken und Planspielen.

 

Nachdem Udo vor der letzten Schlacht um Berlin, fasziniert von den Leiden der deutschen Soldaten, noch einen hymnischen Abgesang auf die Opferbereitschaft der deutschen Generäle singt, hat er den Abgrund des Bösen erreicht. Wie unendlich viele Kampfeinheiten haben sich geopfert, um den Feind an allen Fronten aufzuhalten? Niemand erinnert das. Nur die spielende Erinnerung weiß es. Wenn ich den Strand entlanglaufe oder in meinem Zimmer hocke, rufe ich mir die Namen ins Gedächtnis... Bei solchen Worten wird es dem Leser Angst und Bang. Denn allein die Distanz des im Nachlass Bolaños Stöbernden sichert ihn nicht vor der vereinnahmenden Sprache des Südamerikaners.

 

Und die Story geht weiter: Nach der letzten entscheidenden Kesselschlacht, die er verliert, kommt es in der Tretbootbehausung des »Verbrannten« zur letzten Begegnung zwischen Udo mit dem Sonderling. Udo findet hier seinen Meister und harrt seiner eigenen Vernichtung. Am Ende bleibt ein schaler Beigeschmack. Der Leser distanziert sich völlig von dieser plumpen Überhöhung, von Geschichtsverzerrung. Das Ende klärt sich diese Verwirrung dann doch. Udo Berger kehrt zurück nach Deutschland. Einiges hat sich für ihn verändert. Er gibt auf.

 

Dank gebührt dem großartigen Übersetzer Christian Hansen, der Bolaños Erstling meisterhaft ins Deutsche übertragen hat. Kurz, aber pointiert auch seine Anmerkungen zum Roman. Bolaño versteht es wie kein Zweiter, mit dem Leser in den Abgrund des Bösen hinabzusteigen. Wolfram Schütte schreibt von »Vexierbildern der Wirklichkeit, hilf- und hoffnungslos«. Das Dritte Reich – ein doppelbödiges, beeindruckendes, tief bohrendes Buch.

 

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