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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 13:53

     

    Nelly Arcan: Hure

    20.02.2004


    Pathologische Fallstudie


    Die Namen Angot und Millet fallen in nahezu jedem Artikel über Nelly Arcan, obwohl ihr Buch doch eigentlich das Gegenstück zu Michel Houllebecq bildet, dem letzten Apologeten der käuflichen Liebe. Dass es dennoch literarisch minderwertig ist, fällt bei soviel Skandalträchtigkeit nicht weiter ins Gewicht.


     

    Es verheißt selten Gutes, wenn ein Roman versucht, sich zu rechtfertigen. Derlei Selbstreflexivität ist höchstens als Kunstmittel unverdächtig, das im Handumdrehen einen ganzen Text zu ironisieren vermag. Sobald sich allerdings eine Meta-Stimme einschaltet, die der anstelligen Leserin ernsthaft nahe bringt, dass und warum das vorliegende Buch eine Daseinsberechtigung hat, geht es normalerweise dahin mit der Literatur. Was man dann noch zu erwarten hat, ist bestenfalls eine Fallstudie.

    Genau darum handelt es sich bei Nelly Arcans bereits mit viel Lob bedachtem Erstling Hure. Ganz der wissenschaftlichen Konvention entsprechend erklärt uns die Franko-Kanadierin zunächst Motivation, Methode und Berechtigung ihrer Schrift. Im schräg gedruckten Prolog lesen wir von einem ihr eigenen "Knoten, der sich auflösen sollte" und aus dem "das unerschöpfliche und entäußerbare Rohmaterial meines Schreibens" stamme; sodann vom rein assoziativen Stil des Buchs, in dem sich nichts weiter als ihr Kampf ums Überleben abbilde, "daher die immer neuen Wiederholungen und das Fehlen einer fortschreitenden Handlung"; und schließlich, uns schwant inzwischen Böses, von seiner anthropologischen Relevanz: "Weil dieses Buch an die intimsten Dinge von mir rührt, rührt es auch an das Universelle."

    Hier fühlt sich jemand offensichtlich nicht ganz wohl. Arcan, 27, studiert Literatur und wird daher wissen, dass lange Sätze und ein garstiges Leben noch keinen Roman machen. Es mag zwar von gut verkäuflichem Interesse sein, dass die Autorin selbst vom traumatisierten Kind zur Prostituierten wurde, wie sie in Interviews werbewirksam eingesteht - viel mehr als die etwas schmierige Frage nach der Authentizität ihrer Ich-Erzählerin ergibt sich daraus aber nicht.

    Denn, man muss es endlos wiederholen, das Wie, nicht das Was schafft die Literatur. Wenn Arcans Rohmaterial doch nur nicht roh bliebe. Wenn sie es doch nur erschöpfte. Dann könnten wir wirklich einen Roman lesen, und nicht nur den repetitiven Bericht für einen Psychotherapeuten, als der Hure eigentlich gedacht war.

    So aber wird die Autorin zur Patientin, die ungefragt unsere Couch besetzt. Das hat solange eine gewisse Faszination, bis sich der erste Satz wiederholt. Mit zugegebenermaßen schockierender Eindringlichkeit präsentiert Arcan ihre Anamnese: den Weg in die Prostitution als Befreiung zur Unfreiheit, als Schlag sowohl gegen die Bigotterie des Vaters wie auch die paralysierte Lebensverneinung der Mutter. Manisch beschreibt sie den Terror des Blicks, in dem sich weibliche Identität konstituieren muss; die Ohnmacht der Hure, deren selbstbewusst postulierte Macht sie als dekorative Dialektik entlarvt; die Projektionen der Freier, die immer eine andere meinen, so wie sie selbst im geleisteten Koitus immer einen anderen meint, nämlich den Vater, vor dem sie das Inzestverbot schützt. Sie habe, so kokettiert Arcan, die Theoreme der Psychoanalyse erst nach der Niederschrift wahrgenommen. Umso mehr scheinen Freud und Lacan hier Recht zu behalten.

    Dabei bleibt es aber auch. Über eine Krankengeschichte kommt das Buch nie hinaus, weil ihm jegliche Sublimation fehlt. Die Formlosigkeit, die sie anfangs noch zu rechtfertigen sucht, erscheint der Autorin bald selbst als Defizit. "Es stimmt, ich rede viel, ich rede zuviel" entschuldigt sie sich beim Leser, und gleich mehrfach fällt die Bemerkung: "das habe ich auch schon einmal gesagt." Irgendwann kann man nur noch enerviert nicken.

    Trotzdem wirkt die Litanei verstörend. Denn die unablässige Wiederholung der Selbstanalyse hinterlässt tatsächlich einen Eindruck pathologischer Besessenheit. Dazu kommt, dass das monologisierende Ich eine extrem reduzierte Weltsicht offenbart. Leben ist ihm nichts, aber auch gar nichts anderes als Ficken und Gefickt werden. Frauen definieren sich dementsprechend allein durch das Begehren, das sie zu wecken vermögen, sind entweder "Schlumpfinen" oder "Larven"; Männer dagegen sind wüst oder Gelehrte. Darüber hinaus gibt es noch Geld, mit dem man sich Schuhe kaufen kann und Sushi essen.

    Das alles passt ins Bild der neuerdings wieder schockierenden französischsprachigen Literatur. Die Namen Angot und Millet fallen in nahezu jedem Artikel über Nelly Arcan, obwohl ihr Buch doch eigentlich das Gegenstück zu Michel Houllebecq bildet, dem letzten Apologeten der käuflichen Liebe. Dass es dennoch literarisch minderwertig ist, fällt bei soviel Skandalträchtigkeit nicht weiter ins Gewicht; erst recht nicht bei einer Kritik, die schon über Differenziertheit jubelt, wenn sich ein Buch über Sex nicht voyeuristisch ausschlachten lässt, nach der Devise: Kein Porno! - dann muss es Literatur sein. Aber so ist das eben in einer Zeit, in der das Bilden ganzer Sätze zum Kanzleramt qualifiziert.

    Mathias Tretter


    Nelly Arcan: Hure. Roman. C.H. Beck, 208 S., 19,90¤. ISBN 3-406-49318-1

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