In Luftschächten und Korsetts
Der Comic erzählt uns von den ersten Jahren, in denen McClane als Streifenpolizist in New York unterwegs war: die beiden Geschichten, die der erste Band vereint, spielen in den Sommern ´76 und ´77. Auch sie finden jeweils an einem Tag statt, aber hier enden die Gemeinsamkeiten mit den Filmen – zunächst.
Als Leser begleiten wir verschiedene Figuren durch New York, dessen unterschiedliche Gesichter wir dadurch kennen lernen. Auch in den Offtexten McClanes und des Erzählers - leider nicht sauber voneinander zu unterscheidenden - wird das damalige Lebensgefühl ausführlich beschrieben. Anstatt dass McClane, wie sonst üblich, gegen seinen Willen in eine Terroraktion verwickelt wird, bemerkt er hier lange Zeit überhaupt nichts von den Verbrechen, die sich um ihn herum abspielen. Zwar kreuzen sich seine Wege mit denen einer vor zwei korrupten Bullen fliehenden Augenzeugin mehrfach, aber bis dann einmal eine handfeste Actiongeschichte daraus wird, sind drei der vier Kapitel, die so eine Storyline umfasst, bereits gefüllt.
In den Passagen, in denen Chaykin sich nun darum bemüht, das Die Hard-Feeling zu erreichen, wirkt die Handlung relativ einfallslos abgehandelt. McClane als einziger Cop auf einem von Terroristen besetzten Schiff bzw. in der zweiten Geschichte: McClane im Luftschacht eines Massagesalons, in dem eine Geiselnahme stattfindet, als plötzlich der Strom in New York ausfällt - das ist wohl das, was die Leser von einem Die Hard-Comic erwarten. Aber genau das- und man hat das dumpfe Gefühl, dass Chaykin das auch weiß – hat man in den Filmen schon wesentlich besser gesehen.
Das ist das Vermaledeite an den Klappentexten und der durch sie geschürten Erwartung: Anstatt nun ungeduldig darauf zu warten, wann die versprochene Action endlich losgeht, und enttäuscht davon zu sein, wie schnell sie dann schon wieder vorbei ist, könnte man sein Augenmerk auf etwas anders richten: nämlich darauf, dass es Chaykin und seinen Zeichnern wunderbar gelungen ist, die damalige Zeit lebendig werden zu lassen. Eigentlich ist der Comic ein Stadt- und Zeitportrait. Die Story ist dann besonders gelungen, wenn sie vermittels der auftretenden Figuren die verschiedenen sozialen Schichten New Yorks unter die Lupe nimmt, die Zeichnungen brillieren viel mehr durch die Frisuren, Klamotten, die Autos und Straßenportraits als durch Schlägereien und Action.
Man fühlt sich bei der Lektüre viel eher an die ersten Dirty Harry-Filme erinnert (oder an neuere Krimis wie Zodiac, die ebenfalls zur gleichen Zeit spielen) als an irgendeinen der rasanten „Stirb Langsam“-Teile. Auch wenn vor allem Gabriel Andrade Jr., dem Zeichner der (generell weitaus gelungeneren) zweiten Geschichte, einen McClane hinbekommt, der tatsächlich wie ein junger Bruce Willis mit Siebziger-Scheitel aussieht, könnte es möglicherweise sein, dass Chaykin sich für die Art von Geschichten, die er offenbar eigentlich erzählen will, den falschen Filmhelden ausgesucht hat.
Wenn das jetzt statt der „offiziellen Vorgeschichte zu Die Hard“ einfach die inoffiziellen weiteren Abenteuer von Dirty Harry gewesen wären, bei dem es nicht unbedingt notwendig ist, ihn in Luftschächte zu stecken – vielleicht wären Chaykin dann bessere Geschichten gelungen. Jetzt hat man leider ein wenig das Gefühl, sie stecken in einem Korsett, in das sie nicht hineingehören.
