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Montag, 27. März 2017 | 00:53

Jodorowsky / Manara: Borgia

27.10.2011

Denn sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit ...

... zumindest vorläufig, Amen: In der neu aufgelegten, vierteiligen Reihe Borgia rechnet Alejandro Jodorowsky mit Papst Alexander VI. ab. Unterstützt wird er dabei von Milo Manara, der die skandalträchtige Geschichte in schönen, aber auch drastischen Bilder einfängt. CHRISTIAN NEUBERT hat hohe Erwartungen an dieses Dream-Team.

 

Die Borgia waren ein spanisches Adelsgeschlecht, das in Italien während der Renaissance zu großem Einfluss und Reichtum gelangte. Vor allem Rodrigo Borgia, der als Papst Alexander VI. in die Geschichte einging, hat die Vormachtstellung seiner Familie gesichert – durch Skrupellosigkeit und auf die Spitze getriebenen Nepotismus, der einen Vergleich mit mafiösen Strukturen standhält. Dass er währenddessen, in seiner Funktion als Papst, auf ausschweifende sexuelle Eskapaden nicht verzichten wollte und zur Durchsetzung seiner Ziele nicht vor Gewalt und Erpressung zurückschreckte, tut ein Übriges dazu, ihn als Hauptfigur einer auf historischen Tatsachen beruhenden Erzählung geeignet erscheinen zu lassen. Vor allem, wenn ihn darüber hinaus ein Ende in Form eines Giftmords ereilt.

 

Unter Historikern ist man sich mittlerweile zwar weitgehend darüber einig, dass Alexander VI. ein Opfer der Malaria und nicht etwa eines Giftanschlags wurde. Aber sei´s drum: Wenn Alejandro Jodorowsky ins Spiel kommt, dürfte es wohl keinen Comic-Kenner wundern, dass kein gutes Haar an dem Borgia gelassen wird. Dies geschieht auch mit einiger Berechtigung: Nicht nur bei seinen Widersachern galt Alexander VI. als Antichrist auf dem Papstthron – und Jodorowsky, für den die Fehlleistungen der katholischen Kirche ein Lieblingsthema darstellen, gibt sich alle Mühe, diesen Eindruck in aller Deutlichkeit nachvollziehbar zu machen.

 

Um an dieser Stelle eine kurze Zwischenbilanz zu ziehen: Die Geschichte von Alexander VI., als Comic umgesetzt von Alejandro Jodorowsky – man muss kein Kirchenhasser sein, um bereits im Vorfeld in Stürme der Begeisterung auszubrechen. Wenn sich für die zeichnerische Umsetzung auch noch Milo Manara verantwortlich zeigt, dann ist das mehr als nur eine kleine Sensation. Immerhin kann man sich unter den gegebenen Voraussetzungen bereits im Vorfeld ausmalen, wie die auf vier Bände angelegte Reihe inszeniert ist. Man erahnt, dass der Plot sich in die Richtung einer zynischen Abrechnung bewegen und mit dem Einsatz von Sex und Gewalt nicht gespart wird. Und man glaubt zu wissen, es mit etwas Großartigem zu tun zu haben.

 

Zwei Meister - aber auch ein Meisterwerk?

Jodorowsky hat den historischen Background radikal begradigt. Sein Papst Alexander VI. ist ein eiskaltes Scheusal, immer auf den eigenen Vorteil bedacht und verdammenswert anmaßend. Daneben ist er mehr Superheld bzw. -schurke als bloßer Unsympath. Seine Super-Fähigkeit besteht darin, alle Pläne, die er ersinnt, von seinen Untergebenen im Nullkommanix, scheinbar ohne große Mühe und stets mit Erfolg, umsetzen zu lassen.

 

Ob er nun an die nötigen Stimmen für die Papstwahl dadurch gelangen will, dass er einem Kontrahenten die abgeschnittenen Penisse seiner 150 Liebhaber präsentieren lässt oder seine Macht durch Siege auf weltlichen Schlachtfeldern vergrößern will, ist ganz egal. Stets hat er den Erfolg auf seiner Seite. Doch auch ein Erzbösewicht wie Alexander VI. kennt sein Kryptonit, nämlich seine eigene Familie. Die Intrigen, die er mithilfe seiner Familie schürt, um eben jene in Macht und Einfluss zu stärken, gedeihen in ihr selbst am stärksten.

 

Die vier Bände der Reihe sind durch recht große Panels konstruiert, die Manaras realistischen Zeichenstil schön zur Geltung bringen. Opulente Kulissen sakraler Bauten unterstreichen den dekadenten Lebensstil der katholischen Würdenträger, während Ausflüge in die Welt jenseits der Mauern des Vatikans expressive Landschaftsbilder zeigen – in bunter, in ihrer Strahlkraft aber eher zurückhaltender Kolorierung.

 

Ein gefühltes Viertel der Panels sind dabei durch diverse Körpersäfte eingefärbt, weswegen wohl keiner der vier Bände den Einzug in den Schulunterricht finden wird – auch wenn sich die eine oder andere lateinischen Redewendung in die Bände eingeschlichen hat, das hier ist nicht Asterix. Mal ganz abgesehen davon, dass Manara in den Comics des öfteren die Gelegenheit bekommen hat, seiner Meisterschaft – der Darstellung weiblicher Kurven – zu frönen.

 

Skandal auf Skandal

Die skandalträchtige Geschichte der Borgia sind für ein Künstlergespann wie Jodorowsy und Manara natürlich ein gefundenes Fressen. Was die beiden Koryphäen aus ihr gemacht haben, garantiert allerdings keinen sehr nachhaltigen Genuss. Man verschlingt die vier Bände schnell und mit Freude, gerne auch in einem Happen, aber die Vorschusslorbeeren, die man der Reihe allein aufgrund seiner Macher zukommen lassen möchte, werden nicht eingelöst. Dazu fehlt es ihr einfach an Substanz.

 

Die Bände hangeln sich an Gewalttaten und sexuellen Ausschweifungen entlang, ohne jemals einen tiefen Blick hinter die gierige, gotteslästerliche Fassade zuzulassen. Dadurch steht die erzählerische Dichte der gebotenen Wucht auf graphischer Seite eindeutig nach. Ein kurzweiliges Lesevergnügen bietet Borgia aber allemal – man darf sich nur nicht an den drastischen Sex- und Gewaltexzessen stören. Denn die machen den Reiz, den die Miniserie trotz ihrer etwas vernachlässigten narrativen Ebene hat, letzten Endes aus.

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