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    Samstag, 29. April 2017 | 05:42

    Dupuy / Berberian: Monsieur Jean - Vom Wahren des Gleichgewichts

    29.09.2011

    Socken, Singles und Schimpfwörter

    »Die Welt ist eine Waschmaschine, sie trennt jene, die sich lieben.« Dies ist nur eine der Einsichten in die Abgründe des Alltags, die ALEXANDER FRANK aus dem neuen Monsieur Jean-Band von Dupuy und Berberian gewonnen hat.

     

    Für alle Freunde und Bekannte von Monsieur Jean ist natürlich jeder neue Band eine lustvolle Pflicht, außerdem so etwas wie die Bestätigung der Hoffnung, dass es Konstanten im Leben gibt, vergleichbar mit dem jährlichen Woody Allen. Aber auch wer die mittlerweile seit über 20 Jahren erscheinende Reihe noch nicht kennt, wird sich in Vom Wahren des Gleichgewichts, dem siebten Album, sofort zu Hause fühlen. Schließlich geht es - noch so ein tröstlicher Aspekt - meist um die wirklich zentralen Probleme des Lebens, die da wären: das Leben in einer Beziehung, das Leben ohne eine Beziehung, Tagesmütter (OK, über die Reihenfolge kann man vielleicht streiten).

     

    Die Einzelsocke

    Wobei das Leben ohne eine Beziehung - also vor oder nach ihr - offenbar mehr Stoff abgibt. Denn Monsieur Jean, der inzwischen verheiratet ist und eine Tochter hat, überlässt viele Seiten anderen Figuren: Seinem altem Freund Felix, der gerade verlassen wurde, und Agnes, einer Freundin seiner Frau, die sich im Kampf gegen ihr Single-Dasein mit Anti-Depressiva dopt, allerdings nicht ohne Nebenwirkungen. Sie kann nicht verhindern, dass sie in äußerst unpassenden Situationen obszöne Schimpfwörter herausschreit. Felix hat dagegen zumindest eine Idee, um das Single-Problem im Bereich der vom Waschmaschinen-Schicksal gebeutelten Socken zu lösen: eine völlig neuartige Produktlinie, in der es ausschließlich Einzelsocken gibt.

     

    Schon in früheren Bänden war die Handlung in längere und kürzere Episoden gegliedert, aber im Unterschied dazu ist Vom Wahren des Gleichgewichts eine Sammlung von einseitigen (manchmal auch zweiseitigen) Szenen, die zwar gemeinsam eine Geschichte ergeben, am Ende jeder Seite aber mit einer Pointe enden, also nach klassischem Comic-Strip-Muster funktionieren. Das führt zu einer gewissen Kurzatmigkeit, auch haben manche Witze etwas Zwanghaftes.

     

    In den besten Fällen ergeben sich aber wunderbare kleine Minidramen. Hier ein Monolog von Cathy, Monsieur Jeans Frau:

     

    Die Schuhe

    „Heute Morgen saß mir in der Metro eine Frau gegenüber, die sich geschminkt hat. Das Gerüttel und Geschüttel des Wagens störte sie kein bisschen. Vermutlich macht sie diese Verrenkungen jeden Morgen. Ich dachte mir: „In ihrem Alter kann sie sich wohl kaum erlauben, ungeschminkt im Büro aufzukreuzen. Ihr Chef wäre nicht erfreut…“ Daraufhin sagte ich mir: „Eines Tages werde ich auch Stunden brauchen, um mich so zurecht zu machen, dass niemand gleich bemerkt, wie alt ich bin. Und das wird dann so viel Zeit in Anspruch nehmen, dass ich wie sie gezwungen bin, mich in der Metro fertig zu schminken.“ Und in der Metro stinkt’s. Schließlich dachte ich: „Wenn früher irgendein Idiot einen Spruch über meinen Hintern oder meine Brüste gemacht hat, hätte ich ihn am liebsten erwürgt…“ Aber heute sagt niemand mehr irgendetwas über mich. Und das hat mir plötzlich Angst gemacht. Also habe ich mir diese Schuhe gekauft. Und sie haben ein Vermögen gekostet!“

     

    Monsieur Jean sieht jedenfalls noch nicht alt aus und kostet nicht mal ein Vermögen. Reprodukt hat seit dem vierten Band die deutsche Version der Reihe von Salleck Publications übernommen und legt auch nach und nach die früheren Bände wieder auf – zum gleichen Preis wie vor 20 Jahren. An den neuen Bänden kann man auch gut sehen, wie die Schrift in den Sprechblasen zum graphischen Gesamteindruck beiträgt. Im Vergleich zu dem schönen neuen Lettering von Dirk Rehm wirkt der Computersatz der früheren Ausgaben fast wie ein Fremdkörper im Panel.

     

    Die Schöpfer von Monsieur Jean,  Philippe Dupuy und Charles Berberian, sind übrigens beide sowohl Szenaristen wie Zeichner. Das heißt, dass die Zeichnungen wohl mal von dem einen, mal von dem anderen stammen, ohne dass allerdings ein Unterschied zu erkennen wäre. Wie die Zusammenarbeit genau funktioniert, wird vermutlich ihr Geheimnis bleiben. Genauso wie der wirkliche Name ihres Helden. Oder heißt er tatsächlich Monsieur mit Vornamen?

     

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