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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 19:25

    Chew - Bulle mit Biss: Leichenschmaus

    07.12.2011

    Kannibalismus, Federvieh und rote Beete

    Hätten John Layman und Rob Guillory nicht Chew – Bulle mit Biss ins Leben gerufen, wären sie vermutlich mit einem Schlauchboot, wild Wunderkerzen schwenkend, drei Mal über die Niagarafälle gefahren und hätten es überlebt. PETER KLEMENT über eine komische Kannibalen-und-Vogelgrippe-Idee, die Genie mit einer wohldosierten Prise an Wahnsinn grenzenden Wagemut verbindet.

     

    In Chew kostet eine weltweite Vogelgrippe hunderte von Millionen Menschen das Leben und führt zu einer weltweiten Ächtung der Haltung und des Verzehrs von Geflügel. Die Folge ist natürlich, dass Vogelfleisch sofort von kriminellen Elementen aller Art als Einnahmequelle entdeckt wird und in schummrigen Hinterhofkneipen Broiler als heiße Ware über die Theke wandern. So viel zum Vogelgrippen-Teil der komischen Idee.

     

    Auf zum Kannibalismus: Tony Chu ist Ermittler bei der Polizei in Philadelphia und damit beauftragt, Hünchenschmuggelringe zu überwachen. Außerdem ist er Cibopath, was zur Folge hat, dass er immer hungrig ist, aber fast nie isst. Denn als Cibopath kann er beispielsweise in einen Apfel beißen und so die Lebensgeschichte des Apfels erschmecken: Wo er angebaut wurde, wann er geerntet wurde und mit welchen Pestiziden er besprüht wurde. Wenn er in ein Stück Schweinefleisch aus dem Supermark beißt, ist die Erfahrung entsprechend ›unangenehm‹.

     

    Richtig unappetitlich wird es jedoch, als Chu bei einem Undercover-Einsatz in einem illegalen Hühnerrestaurant Suppe vorgesetzt bekommt, die mit dem Fleisch von 13 Menschen gestreckt wurde. Eine wilde Verfolgungsjagd später müssen Polizeibeamte Chu gewaltsam von der Leiche des serienmordenden Kochs trennen, aus der er mehrere Fetzen gebissen hat, um alle Namen der Opfer zu erfahren. Er entgeht knapp der Entlassung, in dem er von einem Agenten der Lebensmittelaufsicht – die inzwischen über ähnliche Befugnisse wie FBI und CIA verfügt – abgeworben wird, mit der Aussicht noch so einige Widerlichkeiten in den Mund nehmen zu müssen. So viel zum Kannibalen-Teil der komischen Idee.

     

    Narrative Tour de Force, tote Lamas inklusive ...

    Freunde klarer Erzählstrukturen werden mit Chew nicht sonderlich glücklich werden, denn die Graphic Novel zieht in narrativer Hinsicht so ziemlich alle Register: Vor- und Rückblenden, in die Haupthandlung eingeschobene Ausflüge ins All und – für Graphic Novels recht untypisch – einen Erzähler, der immer wieder Figuren etabliert und Dinge vorwegnimmt.

     

    Um ein kurzes Beispiel zu geben: Das dritte Kapitel beginnt mit einem doppelseitigen Panel, das eine verwüstete Sternwarte zeigt, in der – unter anderem – ein erschossenes Lama liegt. Einige Panels später explodiert vierundzwanzig Lichtjahre entfernt ein Planet. Was es mit dem Lama in der Sternwarte auf sich hat, wird über eine Rückblende aufgelöst. Doch der detonierte Himmelskörper bleibt ein Einschub der Kategorie »and now for something completely different«.

     

    Insgesamt ist die Erzähltechnik zwar expressiv und sprunghaft, bleibt aber gerade so auf dem Teppich. Chew – Bulle mit Biss ist nicht Berlin Alexanderplatz, fordert aber trotzdem aufmerksames Lesen, was mit vielen versteckten Witzigkeiten und Hinweisen belohnt wird.

     

    Herzchen und Kotzstrahlen

    Auch Zeichenstil und Farbgebung von Rob Guillorysind extrem expressiv und überzeichnet. Münder werden bis zum Gaumenzäpfchen aufgesperrt und es kommt durchaus vor, dass der Protagonist Tony Chu innerhalb von vier aufeinanderfolgenden Panels Gesichtsausdrücke aus unterschiedlichen Extremen des Gefühlspektrums zur Schau stellt. Besonders die großen und kleinen Ekligkeiten werden hervorragend visualisiert, was die zahlreichen Seitenhiebe auf die Nahrungsmittelindustrie bestens zur Geltung bringt.

     

    Wenn Blut spritzt, dann spritzt es richtig. Wenn Tony Chu sich frisch verliebt, dann steigen Herzchen über seinem Kopf auf, auch wenn er gleichzeitig von einem Schwall Erbrochenem mit biblischen Ausmaßen getroffen wird. Guillory erweckt mit seinem Stil die abgefahrene Geschichte glaubhaft zum Leben und jongliert gekonnt mit den Möglichkeiten und den Beschränkungen des Mediums. Die Sechs-Panels-pro-Seite-Standardkost wird in Chew bestenfalls als Lückenfüller serviert. Guillory und Layman vollbringen mit der Graphic Novel, ähnlich wie die Macher von Umbrella Academy, einen gekonnten Drahtseilakt zwischen Struktur und Verspieltheit, der jeden Augenblick an seinem halsbrecherischen Tempo zu scheitern droht, aber doch immer wieder sicheren Halt findet.

     

    Chew – Bulle mit Biss ist eine großartige Graphic Novel, die sich die zahlreichen Auszeichnungen, wie den Eisner und den Harvey Award, redlich verdient hat. Die wilde Mischung macht Lust auf mehr. Trotz oder gerade wegen der ganzseitigen Panele, auf denen Herzchen und Erbrochenes gleichberechtigt nebeneinanderstehen.

     

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