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Spider-Man Blue

25.08.2011

Untersuchungen am Fundament

Ebenso wie beim Film gibt es auch bei Comics Remakes. Spider-Man:Blue ist eines, eine Nacherzählung klassischer Spider-Man-Abenteuer aus den Jahren 1966 und 67. ANDREAS ALT findet, dass die Neufassung gar nicht so schlecht abschneidet.

 

Das Erfolgsduo Loeb / Sale nimmt sich in einer sechsbändigen Miniserie die klassischen Ausgaben Amazing Spider-Man-Nummern 39/40 bis 49 vor und erzählt sie neu als den Beginn der Romanze zwischen Peter Parker und seiner College-Liebe Gwen Stacy. Dabei erlauben sich Autor und Zeichner gleich eine größere Abweichung von der Überlieferung: Peter und Gwen hatten sich tatsächlich schon früher kennengelernt. Doch bevor wir anfangen, Fehler zu suchen und aufzulisten, ist von Interesse, warum Loeb und Sale diese etwa zehn Ausgaben der erfolgreichsten Marvel-Superhelden-Serie ausgesucht haben und ob das ein guter Griff war.

 

Seit der ersten Ausgabe von 1962 (Serienerfinder und Autor: Stan Lee, Zeichner und Co-Autor: Steve Ditko) hat sich der Spider-Man-Kosmos in zahlreichen Serien entwickelt, ist gewuchert und schier unüberblickbar geworden. Inzwischen gibt es mehrere Spider-Men mit verschiedenen Geheimidentitäten, mit Storysträngen, die ins Absurde drifteten und wieder aufgegeben wurden. Ein Heer von Autoren und Künstlern hat sich in fast 50 Jahren an dem Stoff versucht.

 

Von Ditko zu Romita

Die rund zehn Hefte, die Spider-Man: Blue zugrunde liegen, stellen eine wichtige Wegmarke dar. Der Verlag hatte sich gerade von Ditko getrennt, der vor allem am Ende auf den Fortgang der Story enormen Einfluss genommen hatte, darüber aber mit dem überlasteten Redakteur Lee nicht mehr einig werden konnte. Ditko hatte große Verdienste um die Ikonografie der Serie. Er hatte Spider-Man zu einem Superhelden neuen Typs gemacht: ein eigentlich eher schmächtiger Teenager, als netzversprühender Wandkletterer gelenkig und flink und nicht besonders eindrucksvoll, ein ironischer Antiheld.

 

Ditko war also nicht leicht zu ersetzen, ohne einen Bruch in der Serie und einen Absturz in der Lesergunst zu riskieren. Der Verlag wählte John Romita (Vater des heute bekannteren John Romita jr.) aus, einen Veteranen, der auf Romance Comics spezialisiert war. Damit blieb Spider-Man ein Superheld ohne Muskelpakete, sein verwickeltes Liebesleben blieb im Fokus, und Romita glückte noch etwas: Ditkos Ikonografie fortzuführen, aber die Serie zugleich optisch auf den Stand der poppigen 60er Jahre zu bringen.

 

Romita betreute Spider-Man ununterbrochen etwa vier Jahre lang bis fast zur Nummer 90. In Nummer 122 ließen die Macher Gwen Stacy bei einem Zweikampf Spider-Mans mit seinem Erzfeind Green Goblin sterben. Es war ein gewöhnlicher Serientod, weil die Macher zu dem Schluss gekommen waren, dass das Potenzial der Figur ausgereizt war. Wichtige Serienfiguren sterben zu lassen, war allerdings damals noch ganz und gar nicht üblich. Gwens dramatisches Ende wurde zu einem Dreh- und Angelpunkt des Spider-Man-Universums, einem zentralen Ereignis, ab dem immer neue Handlungsvarianten starteten.

 

Trauriger Valentinstag

Spider-Man kommt zur George Washington Bridge, von der Gwen einst in den Tod stürzte. Immer am Valentinstag trauert er, widmet sich der Erinnerung an sie. Das ist der Rahmen von Spider-Man: Blue (ein letztlich unübersetzbarer Titel). Dann werden die Episoden von 1966/67 neu erzählt. Dabei werden die Begegnungen mit Superschurken wie der Echse und dem Geier hauptsächlich mit mehr Action aufgeladen – das spiegelt die Entwicklung der Superheldencomics in den vergangenen 45 Jahren wider. Sale zeichnet flächig wie in den alten Comics, aber bezieht auch Einflüsse von neueren Künstlern wie Frank Miller ein.

 

Die Ereignisse in Peters Privatleben erzählt Jeph Loeb teilweise grundlegend neu. Für ihn ist er nun ein Jugendlicher, der fast zeitgleich mit zwei Traumfrauen – seiner großen Liebe Gwen und seiner späteren Ehefrau Mary Jane Watson – konfrontiert ist und zwischen beiden hin und her schwankt. In den Originalausgaben ist MJ ein unsichtbarer Störfaktor: Peters Tante May arbeitet beharrlich daran, ihn mit ihr zusammenzubringen; Peters Gedanken kreisen nur um Gwen, und Lee /Romita gelingt eine sehr effektvolle Überraschung, als er das umwerfende Mädchen schließlich erstmals zu Gesicht bekommt. MJ wird allerdings dann zunächst die Freundin eines Bekannten von Peter.

 

Loeb sah sich wohl gezwungen, von diesem Plot abzuweichen, weil jüngere Leser wie auch das Kinopublikum nur Mary Jane kennen dürften. Also muss sie gleichrangig mit Gwen auftreten. Wie er die Dynamik in Peters Clique entfaltet, gelingt es dem Autor jedoch, die Stimmung der alten Hefte zu treffen. Nur ein Problem kann Loeb nicht lösen: Die Miniserie endet nach sechs Ausgaben. Also muss er die Geschichte von Peter und Gwen zu Ende erzählen. Er entscheidet sich dafür, auf zwei Seiten zu inszenieren, wie es zwischen den beiden endgültig funkt. In der Urserie in 1967 war diese Liebesbeziehung für jegliche Veränderung offen – bis Gwen von der Brücke gestoßen wurde. Das ließe sich nur auf einem Weg erreichen: durch eine neue Serie.

 

Spider-Man Blue bietet einiges: dem Nostalgiker ein Wiedererkennungsgefühl und jüngeren Lesern einen Zugang zu Wurzeln der Comicserie. Für die Macher ist es ein Experiment, wie tragfähig die Fundamente des Spider-Man-Epos noch sind (nach Ansicht des Kritikers ein erfolgreiches Experiment). Eine solche Rückbesinnung wird jedoch das heftig kriselnde Superhelden-Geschäft nicht retten – damit wären die Helden von gestern und vorgestern überfordert.

 

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