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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 25. Juni 2017 | 12:33

    Marijpol: Trommelfels

    22.09.2011

    Leichte Kost, schwer verdaulich

    Trommelfels, das Debüt einer deutschen Comic-Zeichnerin, das weder autobiographischen Inhalts ist noch eine Coming-of-Age-Geschichte erzählt: CHRISTIAN NEUBERT ist begeistert – doch leider nur zunächst ...

     

    Trommelfels ist, wie es aktuell häufig geschieht, als Abschlussarbeit für eine Hochschule entstanden. Ausnahmsweise hält man hier aber weder ein autobiographisches Werk noch eine Coming-of-Age-Geschichte in den Händen. Die Zeichnerin Marijpol erzählt vielmehr u.a. von einem alternden Archäologen-Ehepaar in der Sinnkrise.

     

    Dass die Hamburger Künstlerin über eine gehörige Portion Phantasie verfügt, stellt sie eindrucksvoll unter Beweis. Dennoch ist Trommelfels nicht wirklich gelungen. Denn leider muss man diesem Debüt attestieren, dass der Ideenreichtum, der sich hier findet, den Aufbau einer stringenten Handlung verhindert.

     

    Dabei fängt der Band recht vielversprechend an: Ein fremdartiges Geschöpf trommelt unentwegt auf eine sich in einer Höhle befindlichen Pauke ein. Mit dem Nachlassen der Trommelschläge ziehen sich die Wände der Höhle zusammen – sie beginnen sich um das Wesen zu schließen, weswegen ein anderes zur Unterstützung herbeieilt. Es kann zwar verhindern, dass sich die Höhle komplett schließt, aber für das erste Geschöpf kam die Ablöse zu spät: Es wurde zerquetscht. Ist diese unterirdische Höhle das Herz der Welt, in dem gegen einen drohenden Infarkt angetrommelt werden muss?

     

    Archäologie und Erdinfarkt

    Auf die Spur dieser merkwürdigen, unterirdisch lebenden Zivilisation gerät bald ein alterndes Archäologen-Ehepaar, das sich, da es die Bedeutung seines Schaffens in Frage stellt, in einer Sinnkrise befindet. Daher kommt ihnen diese zufällige Entdeckung auch wie gerufen: Die Erforschung jener unbekannten Rasse soll das ersehnte Glanzstück ihrer Karriere werden. Da passt es ihnen natürlich gut in den Kram, dass innerhalb ihrer Ausgrabungsstätte ein Experiment zur Erforschung der Körperfunktionen eines Menschen, der unter Tage in kompletter Abgeschiedenheit leben muss, stattfinden soll. Sie planen, die Altenpflegerin Miriam, die sich hierfür als Proband zur Verfügung stellt, für ihre Zwecke als Lockvogel zu missbrauchen.

     

    Am Anfang erzeugt der Comic durchaus eine spannende Sogwirkung. Man meint es mit einer Art Ökothriller zu tun zu haben, dessen groteskes Figureninventar und offenkundige Kritik am wissenschaftlichen Betrieb eine surreale Stimmung erzeugen. Die zwischendurch eingestreuten, ganzseitigen Zeichnungen, die kryptisch etwas bereits Geschehenes und etwas sich womöglich Anbahnendes andeuten sollen, tun ein Übriges. Doch die Fässer an Ideen, die von der Autorin aufgerissen werden, ertränken einen homogenen Handlungsverlauf. Keiner der Handlungsstränge wird zu Ende verfolgt. Was gut rein gehen und dabei gewichtig sein will, entpuppt sich als leichte Kost und schwer verdaulich.

     

    Insgesamt fragwürdig

    Doch nicht nur bei der Handlung fragt man sich, was das alles soll – die Frage nach dem Warum setzt sich auch auf der graphischen Ebene des Comics fort. Der Akribie, die von der Archäologie verlangt wird, werden unfertig wirkende Zeichnungen gegenübergestellt. Den Bleistiftskizzen, die den Comic in der Rohfassung darstellen, wurden Outlines mit Tusche verliehen, die Hilfslinien in den Panels aber nicht entfernt. Stand die Autorin vielleicht unter Zeitdruck, da der Abgabetermin ihres Comics als Diplomarbeit bevorstand? Oder sind diese schludrig wirkenden Linien gewollt, um ihren ziemlich statisch wirkenden Bildern eine unruhige Dynamik zu verleihen?

     

    Insgesamt meint man, dass Marijpol die im Ansatz guten Ideen ihres Comics nicht zu Ende gedacht und stattdessen, um die Geschichte weiter zu spinnen, ihren Fokus auf immer neue Details gerichtet hat, die schließlich mehr schlecht als recht auf ein Ende hinauslaufen, das in Anbetracht der am Anfang geweckten Erwartungshaltung den Leser ratlos und unbefriedigt zurücklässt. Falls dies als Stilmittel gedacht sein sollte, dann geht dieser Schuss nach hinten los, denn derart von Handlungsfetzen erschlagen, hat der Leser längst aufgehört, Interpretationsversuche anzustellen.

     

    So sind das Beste an diesem Comic die bereits erwähnten ganzseitigen Zeichnungen, die zwischenzeitlich eingestreut werden. Diese sind interessant in ihrer Eigenwilligkeit, symbolträchtig und mitunter komisch; letzteres nicht nur im Sinne von merkwürdig. Sie sind all das, was auch der ganze Comic sein will, aber aufgrund einer mangelhaften Erzählstruktur leider nicht kann. Und sequenzielle Kunst, die am Sequenziellen scheitert, kann nicht plötzlich »einfach nur« Kunst sein. 

     

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