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Samstag, 25. Mai 2013 | 09:29

Andreas Michalke: Bigbeatland 2 / Bringmann & Kopetzki: Wild Life - Body Language

16.06.2011

Jedem Tierchen sein Pläsierchen

Bigbeatland in der Jungle World, Wild Life in der Raveline: CHRISTIAN NEUBERT hat sich Zeitungscomics angeschaut, ohne die entsprechenden Zeitungen/Magazine gelesen zu haben – »Reprodukt« und »Ehapa« sei dank.

 

Strizz, Faust, Archetyp, Im Museum, Touché – für deutsche Comic-Autoren sind Zeitungscomics ein willkommenes Zubrot zu ihrer eigentlichen Arbeit, die sie in den meisten Fällen als Illustrator leisten müssen. Doch mit dem wachsenden Interesse an deutschen Comic-Veröffentlichungen steigt auch der Stellenwert der Zeitungs-Strips für das jeweilige Blatt, das sie veröffentlicht.

 

So werden einzelne Zeichner für die Printmedien mitunter zum Prestigeobjekt. Für einige Blätter geht es jedoch nicht nur um bloßes Name-Dropping bei der Wahl des Künstlers: Zeitungen und Magazine, die sich an ein spezielles Nischenpublikum richten, wollen die mit ihnen verbundene Gesinnung oder Vorliebe durch ihren hauseigenen Comic-Helden vertreten wissen. Da die jeweiligen Ideale  sich allerdings allzu oft in Klischees erschöpfen, versuchen viele Zeichner vor der eigenen Haustür zu kehren und durch Selbstironie zu punkten. Oft bleibt ihnen auch gar nichts anderes übrig – immerhin sollen sich ihre Strips nicht schon nach wenigen Wochen abgenutzt haben.

 

Für die linke Fraktion

Ein Beispiel dafür, wie so etwas gelingen kann, bietet Andreas Michalke. Seine gesammelten Strips, die er unter dem Namen Bigbeatland für die linksgerichtete Wochenzeitung Jungle World kreiert, wissen nachhaltig zu begeistern. Michalke gelingt das Kunststück, dass die Qualität seiner Serie sich mit der Zeit nicht erschöpft, sondern im Gegenteil sogar wächst. Bei Reprodukt ist nun der zweite Band von Michalkes Bigbeatland-Strips unter dem Titel Der Kampf geht weiter erschienen. Dieser beinhaltet alle Veröffentlichungen des Zeitraums November 2006 bis Januar 2010.

 

Die Geschichten von Bigbeatland kreisen um eine linke WG in Berlin und um die klassenkämpferischen Ambitionen ihrer Bewohner – allen voran die frischgebackenen Eltern »Subkommandante« Markus und seine Freundin Fricka. Ihre Mitbewohner Ini, Tini und Bini sind in diesem durchaus fest in der Realität verankerten Gegenentwurf von Entenhausen so etwas wie die sozialistisch gesinnten Pendants von Tick, Trick und Track.

 

In den einzelnen Episoden treffen die Versuche basisdemokratischer Entscheidungsfindungen auf No Future/Null Bock-Attitüden, schwäbische Pauschaltouristen auf vermeintliche Islamisten, geplante Luxussanierungen auf Hausbesetzer und Utopien der Gleichheit auf die real existierenden Probleme von Elternschaft und Erwerbstätigkeit. Dabei wird in den bunten, im Funny-Stil gehaltenen Strips, die jeweils in einer Pointe aufgelöst werden oder durch Cliffhanger verbunden sind, nach und nach ein erstaunlicher Tiefgang erzeugt, den man anfangs in keiner Weise erahnt. So passiert es einem bei der Lektüre von Bigbeatland schon mal, dass man Tränen vergießen möchte – vor Lachen, aber auch solche der Trauer und Rührung.

 

Für die Feiernation

Im Gegensatz zu Michalkes »linker Lindenstraße« persiflieren die Arbeiten des Illustratoren-Teams Bringmann & Kopetzki eine weitestgehend unpolitische Zielgruppe, nämlich die der Rave-Nation. Bei diesen ursprünglich in dem monatlich erscheinenden Magazin Raveline abgedruckten Werken handelt es sich allerdings nicht um Comics, sondern um Cartoons – also um humorvoll kommentierte Zeichnungen, die in keinem sequenziellen Zusammenhang, sondern jeweils für sich stehen.

 

Von diesen Cartoons, die unter dem Namen Wild Life zusammengefasst sind, wurde bei Ehapa vor kurzem der dritte Band veröffentlicht: Body Language. Im Vergleich zu Bigbeatland sind die Bilder hier nicht von Hand gezeichnet und koloriert, sondern computergeneriert – also synthetisch, wie die Musik und die Drogen der angepeilten Zielgruppe.

 

Wild Life ist bunt und knallig wie ein Kameraschwenk über die Love Parade, aber niemals überbordend – und macht auch Spaß, wenn man sich darauf einlässt und der Stoff noch wirkt. Doch bei Bringmanns und Kopetzkis neuen Streichen lässt die Wirkung leider rasch nach. Die Klischees über Türsteher und Techno-Jünger sind halt doch zu ausgelutscht, die Gags daher oft platt wie nach drei Schnäpsen zu viel – was aber bei einem dritten Band angesichts der Thematik nicht weiter verwundert. Die Cartoons des ersten Bandes (Welcome to the Club) bieten einem da schon mehr – da war der Stoff einfach noch nicht so sehr gestreckt.

 

Am Besten greift man allerdings gleich zu den ebenfalls im durchgefeierten Nachtleben angesiedelten Hotze-Comics des Zeichner-Teams. Als Auftragsarbeit erscheinen sie monatlich im groove-Magazin – oder, zusammengefasst, ebenfalls bei Ehapa. Denn diese besitzen, im Gegensatz zu ihren Cartoons, genau das, was auch Michalkes Bigbeatland zu einer guten Lektüre macht: Entwicklung und Tiefe.

 

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