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Montag, 20. Mai 2013 | 23:51

Sokal: Canardo - Eine schöne Flasche / Kraa - Das verlorene Tal

02.06.2011

Der Meister der Fabel

Schaurige, bösartige, phantasievolle Abenteuer eines Bogart in Entengestalt: Ein Fall für Inpektor Canardo war früher eine der originellsten Comic-Reihen. Inzwischen hat sie einiges von ihrem Biss und viel von ihrem Abwechslungsreichtum verloren. BORIS KUNZ hat sich alte und neue Arbeiten des Canardo-Erfinders Sokal angeschaut und entdeckt, wie vielseitig der ornithophile Comic-Zeichner war und ist.

 

Über 30 Jahre ist es her, dass Sokal in dem Comic-Magazin (A SUIVRE) in jeder Ausgabe 4 Seiten Humor zugestanden wurden. Er füllte sie mit einer etwas überdrehten und eigentümlich düsteren Film-Noir Parodie, in der er die Ente Canardo als Möchtegern-Ermittler auf einem Bauernhof auftreten ließ. Dass dies die Geburtsstunde einer bis heute populären Figur werden sollte, damit schien Sokal am allerwenigsten gerechnet zu haben. Diesen Eindruck vermitteln zumindest die 15 Kurzgeschichten, die gemeinsam mit ein paar kurzen Interviewhäppchen und Skizzen in dem Canardo-Sonderband Eine schöne Flasche neu aufgelegt worden sind.

 

Foto: ©Pymouss Foto: ©Pymouss

Visuell in Entenhausen angekommen

Sokal springt mit dem jungen Canardo um, als hätte er bei jeder Story damit gerechnet, sie wäre die letzte – um sich selbst und die Leser in der nächsten Ausgabe damit zu überraschen, dass man doch noch eins draufsetzen kann. Zu Anfang war Canardo nicht mehr als das parodistische Zerrbild einer Tierfabel. Anstatt disneyhaft zu verniedlichen, betont Sokal mit seinem filigranen Strich das Hässliche und Abstoßende. Die Figuren stapfen mit den großen Gesten von Hard-Boiled- Ermittlern durch den Hühnerdreck und sagen beim Anblick eines fachgerecht zerlegten Mastschweins Sätze wie: »Wer hat den Toten so brutal verstümmelt?«

 

Bald darauf entwachsen die Tiere dem Bauernhof und bevölkern eine Welt ganz für sich und ohne Menschen – Freddos Bar ist irgendwann nicht mehr die Bar in einem Hühnerstall, sondern eine Bar in einer Stadt irgendwo in Frankreich. Obwohl die Geschichten dezidiert aufeinander aufbauen, sind solche Brüche in der Kontinuität an der Tagesordnung. Die Comics werden zur überdrehten Satire auf totalitäre Staatssysteme oder die allgegenwertige Präsenz der Werbung, nehmen aber sich selbst und ihre eigenen orwellschen Szenarien an keiner Stelle wirklich ernst. Sokal macht vor keinem Setting halt, wenn es sich nur in ausreichend düsteren Farben malen lässt, und er scheut nicht davor zurück, mit seinem Antihelden Canardo alles anzustellen, was ein Autor nur anstellen kann. Canardo mutiert vom unfähigen Clouseau in Entengestalt zum gleichgültigen Zyniker, wird zum Outlaw, zum Sträfling, in Rente geschickt, getötet und neu geboren.

 

Es scheint fast, als habe Sokal damals in hemmungsloser Experimentierfreude alles tun wollen, um zu vermeiden, was inzwischen eingetreten ist: Canardo ist eine eher eintönige Seriengestalt. Der Kontrast zwischen dem »modernen« Canardo auf dem Buchdeckel und der zerzausten, zerfaserten Gestalt auf den ersten Seiten macht das deutlich. Die ersten langen Canardo-Bände (damals auf deutsch bei Carlsen erschienen) waren grausame Fabelgeschichten, in denen die Tiere in einer Parallelgesellschaft neben den Menschen existierten. In denen das Abgefuckte nicht nur Masche, sondern Teil der Erzählung war, und in denen die Hauptfigur ambivalent blieb – in ihren Handlungen und ihrer Kontinuität.

 

Nach etwa 10 Bänden aber hat sich ein Status quo etabliert. Die Menschen sind raus und Canardo in seinem Entenhausen angekommen. Vor allem visuell. Die inzwischen hauptsächlich von Pascal Regnauld gestalteten und großteils am Computer entworfenen Zeichnungen haben sich seither nicht mehr verändert. Die Plots warten zwar hin und wieder noch mit Überraschungen voll erzählerischer Chuzpe auf (in einer Episode etwa hat Canardo plötzlich eine Zeitmaschine), bieten aber meistens nur humorvolle, nette Krimiunterhaltung, die nicht mehr wirklich weh tut.

 

Kraa, kraa

Mit seinem Comic Kraa ist Sokal jetzt, so könnte man sagen, zum Ausgangspunkt des Genres »Tierfabel« zurückgekehrt, schlägt aber eine neue Richtung ein: Diesmal verlegt er sie in ein realistischeres Setting, erzählt mit Ernsthaftigkeit, Poesie aber auch mit seiner guten, alten Blutrünstigkeit.

 

Im Zentrum der Geschichte stehen einerseits der junge Adler Kraa, der nach dem Tod seiner Eltern auf eigene Faust das Nest verlassen und sich zum König der Lüfte und Herrscher über das Tal aufschwingen muss, und andererseits der Indianerjunge Yuma, der in die Schule der Weißen geht, den Sommer aber bei seinem Großvater, einem alten Fallensteller, verbringt. Auch Yuma wird im Verlauf der Geschichte auf tragische Weise entwurzelt und schließt mit dem Adler Kraa eine merkwürdige Freundschaft, die so weit geht, dass die Beiden imstande sind, die Gefühle und Gedanken des anderen grob zu erfassen. Der erste Band erzählt die bittere Entstehungsgeschichte dieser Freundschaft, und der Erzählton lässt schon ahnen, dass der zweite Band mit einem eher scharlach- als rosaroten Ende aufwarten wird.

 

In einer modernen Fabel vom Kampf der Menschen gegen die Natur und umgekehrt dürfen natürlich jene Bösewichte nicht fehlen, die in die unberührte Wildnis Alaskas vordringen, um diese durch die Expansion von Städten und den Bau eines Staudammes für immer zu zerstören. Den ignoranten Spätwestern-Pionieren stehen die naturliebenden Indianer und die Tierwelt in Gestalt des Adlers entgegen. Thematisch wird hier also kein neuer Grund erschlossen, aber Sokal punktet  durch den spannenden erzählerischen Kniff, den Adler zum Voice-Over Erzähler der Handlung zu machen und dabei dessen Raubtierperspektive ernst zu nehmen. Kraa wird nicht vermenschlicht, sondern bleibt ein Tier, dessen mögliche Gefühlswelten Sokal für uns in die Menschensprache übersetzt hat.

 

Zweiter Pluspunkt sind die stimmungsvollen Zeichnungen, mit denen Sokal die raue Schönheit des Northern Territory heraufbeschwört. Die nebelverhangenen Bergwälder und Felsschluchten, vor allem aber die Darstellung der Tierwelt, allen voran des gefiederten Protagonisten, erinnern einen daran, dass Sokal auch ein sehr guter Zeichner ist, der hier endlich wieder ein Sujet gefunden hat, in dem er seine Stärken ausspielen kann. Dass er mit Tieren dabei deutlich besser klarkommt als mit Menschen, die sich alle doch sehr ähnlich sehen (es gibt zum Beispiel außer der Kleidung kaum einen graphischen Unterschied zwischen Yuma und seiner Schwester), mag an der seiner jahrelangen Beschäftigung mit Vögeln im Trenchcoat liegen…

 

Man kann beide Bände also jedem Fan von Sokal ans Herz legen - und allen, die es werden wollen.

 

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