Kraa, kraa
Mit seinem Comic Kraa ist Sokal jetzt, so könnte man sagen, zum Ausgangspunkt des Genres »Tierfabel« zurückgekehrt, schlägt aber eine neue Richtung ein: Diesmal verlegt er sie in ein realistischeres Setting, erzählt mit Ernsthaftigkeit, Poesie aber auch mit seiner guten, alten Blutrünstigkeit.
Im Zentrum der Geschichte stehen einerseits der junge Adler Kraa, der nach dem Tod seiner Eltern auf eigene Faust das Nest verlassen und sich zum König der Lüfte und Herrscher über das Tal aufschwingen muss, und andererseits der Indianerjunge Yuma, der in die Schule der Weißen geht, den Sommer aber bei seinem Großvater, einem alten Fallensteller, verbringt. Auch Yuma wird im Verlauf der Geschichte auf tragische Weise entwurzelt und schließt mit dem Adler Kraa eine merkwürdige Freundschaft, die so weit geht, dass die Beiden imstande sind, die Gefühle und Gedanken des anderen grob zu erfassen. Der erste Band erzählt die bittere Entstehungsgeschichte dieser Freundschaft, und der Erzählton lässt schon ahnen, dass der zweite Band mit einem eher scharlach- als rosaroten Ende aufwarten wird.
In einer modernen Fabel vom Kampf der Menschen gegen die Natur und umgekehrt dürfen natürlich jene Bösewichte nicht fehlen, die in die unberührte Wildnis Alaskas vordringen, um diese durch die Expansion von Städten und den Bau eines Staudammes für immer zu zerstören. Den ignoranten Spätwestern-Pionieren stehen die naturliebenden Indianer und die Tierwelt in Gestalt des Adlers entgegen. Thematisch wird hier also kein neuer Grund erschlossen, aber Sokal punktet durch den spannenden erzählerischen Kniff, den Adler zum Voice-Over Erzähler der Handlung zu machen und dabei dessen Raubtierperspektive ernst zu nehmen. Kraa wird nicht vermenschlicht, sondern bleibt ein Tier, dessen mögliche Gefühlswelten Sokal für uns in die Menschensprache übersetzt hat.
Zweiter Pluspunkt sind die stimmungsvollen Zeichnungen, mit denen Sokal die raue Schönheit des Northern Territory heraufbeschwört. Die nebelverhangenen Bergwälder und Felsschluchten, vor allem aber die Darstellung der Tierwelt, allen voran des gefiederten Protagonisten, erinnern einen daran, dass Sokal auch ein sehr guter Zeichner ist, der hier endlich wieder ein Sujet gefunden hat, in dem er seine Stärken ausspielen kann. Dass er mit Tieren dabei deutlich besser klarkommt als mit Menschen, die sich alle doch sehr ähnlich sehen (es gibt zum Beispiel außer der Kleidung kaum einen graphischen Unterschied zwischen Yuma und seiner Schwester), mag an der seiner jahrelangen Beschäftigung mit Vögeln im Trenchcoat liegen…
Man kann beide Bände also jedem Fan von Sokal ans Herz legen - und allen, die es werden wollen.