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Andreas Martens / Isa Cochet: Quintos

10.02.2011

Zehn kleine Antifaschisten

Andréas ist einer der wenigen deutschen Comic-Autoren und -Zeichner von internationalem Ruf. Mit der im spanischen Bürgerkrieg angesiedelten Zehn-kleine-Negerlein-Variante Quintos hilft er seiner Reputation aber nicht wirklich weiter. Von MATTHIAS ROSS

 

Spanien 1937: Der Krieg zwischen Republikanern und Francos Falangisten liegt in den letzten Zügen. Einzige Hoffnung der so gut wie besiegten Republikaner sind die Freiwilligen, die aus aus aller Herren Länder zusammenströmen, um sie im Kampf zu unterstützen. Zu diesen Freiwilligen gehört auch der Deutsche Erich, der mit einer Gruppe anderer internationaler Rekruten als Verstärkung an die Front gebracht werden soll. Doch schon auf dem Weg dahin gerät die Truppe unerwartet unter Beschuss. Kontinuierlich verringert sich die Anzahl der schlecht ausgerüsteten und noch schlechter ausgebildeten Freiwilligen, bis fraglich ist, ob überhaupt noch einer von ihnen den geplanten Einsatzort erreichen wird. Von Verstärkung kann keine Rede sein.

 

Exilliteratur

Es ist ja kein Geheimnis, dass es um den deutschen Comic recht lange eher düster bestellt war. Wer als Deutscher bis in die achtziger Jahre ernsthaft Bildergeschichten erzählen wollte, der musste den Weg über das Ausland nehmen. Da sich mit Comics nicht all zu viel Geld verdienen lässt, gingen nur wenige diesen Weg. Der eine Comic-Künstler, der in der franko-belgischen Bande Dessinée-Szene auf sich aufmerksam machen konnte und den man kennen muss, ist Matthias Schultheiss. Andréas, mit bürgerlichem Namen Andreas Mertens, ist der andere.

 

An der Kunstakademie Saint Luc in Brüssel ausgebildet, wurde Mertens von Eddy Paape entdeckt und veröffentlichte mit diesem und Duchâteau 1976 seinen ersten Comic Udolfo. Wirklich bekannt wurde Andréas jedoch erst durch seine Reihen Rork (1978-1993) und Capricorne (seit 1997), die dennoch nur teilweise auf Deutsch erschienen sind. Mit Quintos, im Original aus dem Jahr 2006, liegt nun immerhin ein einzelner, abgeschlossener Comic von Andréas in seiner Muttersprache vor.

 

Innerhalb seiner Edition Solitaire hat Finix Comics eine wunderschöne Ausgabe von Quintos vorgelegt, die durch hervorragende Papier- und Bildqualität sowie durch reiches Bonusmaterial überzeugt: Im Anhang des Bandes finden sich ein Interview mit Andréas, eine (fast zu) umfangreiche Biographie und viele Skizzen, sowohl in Bleistift als auch in Farbe. Dass die Edition dabei auf eine geringe Stückzahl von nur 1500 Exemplaren begrenzt ist, gibt der Sache eine gewisse Aura der Exklusivität, die für den Sammler noch einen weiteren Anreiz darstellt.

 

Anspruch und Wirklichkeit

Hinter dieser tollen Arbeit des Verlags steht der Comic selbst ein wenig zurück. Die Figuren sind alle recht holzschnittartig geraten und entweder herzzerreißend unfähig oder kalt und unsympathisch. Andréas sagt über sich selbst, dass die Darstellung von Personen »einer seiner schwachen Punkte« sei. Doch leider sind Handlungsführung und die Erstellung eines Spannungsbogens zumindest in Quintos auch keine Stärken. Die einzige Spannung liegt darin begründet, wer wohl als nächstes abkratzt. In einem Slasher kann dieses Motiv ja ganz lustig sein, aber in einem Kriegsdrama wirkt es nur fehl am Platz.

 

Am Schluss sind alle tot und man fragt sich, warum die Geschichte überhaupt erzählt wurde. Dass es Andreas Mertens darum geht, die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges darzustellen, ist zwar offensichtlich – »Wir sind Zeugen. Das ist alles, was uns übrig bleibt«, lässt er seine Hauptfigur Erich am Ende sagen –, doch für den Leser konstituiert dies eine recht unbefriedigende Leseerfahrung. In Quintos wird er Zeuge einer großen Portion menschlicher Verzweiflung ohne Erlösung, ohne Moment der Katharsis und das nur für die nicht sehr tiefsinnige und auch nicht gerade neue Erkenntnis, dass Krieg schrecklich ist. Dafür muss man keinen Comic in die Hand nehmen. Ein Blick in die Nachrichten genügt.

 

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