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Mittwoch, 30. Juli 2014 | 21:13

Comics auf der Frankfurter Buchmesse

14.10.2010

Zwischen Schwindsucht und Publikumsansturm

Das im elften Jahr veranstaltete Comic-Zentrum sendete mehr denn je widersprüchliche Signale aus: Die Aussteller werden auffällig weniger, suchen sich neue Standorte auf der Messe oder bleiben zu Hause - aber die „Faszination Comic“ behauptet sich als außerordentlicher Publikumsmagnet. Von ANDREAS ALT.

 

Diesmal führt an den Mangas kein Weg vorbei. Mangas sind bekanntlich die japanische Form der Comics, laut der Mitorganisatorin der „Faszination Comic“ auf der Buchmesse, Nathalie „Makkuro“ Frank, eine spezielle Kultur, die sich in dem Inselstaat wie die gesamte Pop- und Medienkultur eigenständig entwickelt hat. Die einen sind davon hingerissen, die anderen reagieren mit Unverständnis. Ich habe in früheren Jahren um diese Art von Comics, die von hinten nach vorn und von rechts nach links gelesen werden, und um Gruppen von Mädchen, die schrill verkleidet wie Mangafiguren überall im Weg herumstehen und sich dauernd gegenseitig fotografieren, stets einen weiten Bogen gemacht. Aber nun komme ich zu dem Schluss, dass ich dieser Buchmesse-Abteilung nicht gerecht werde, wenn ich mich nicht mit den Mangas beschäftige.

 

Erster Eindruck: Die „Faszination Comic“ scheint deutlich nachgelassen zu haben. Nur noch unmittelbar um das Comic-Zentrum herum, in dem wie in den Vorjahren auf einem Podium pausenlos Veranstaltungen stattfinden, gruppieren sich die Stände der Comic-Verlage. Etliche, die noch 2009 da waren, fehlen diesmal. Der Verantwortliche für die „Faszination Comic“, Wolfgang „Wolle“ Strzyz, räumt das unumwunden ein. Viele kleine Verlage hätten sich die Teilnahme doppelt und dreifach überlegt. Denn ihre Erzeugnisse verkaufen dürfen sie nur am letzten Messetag und haben so kaum die Chance, die Standkosten wieder hereinzuholen.

 

Messe für Kleinverlage zu teuer

Kleine Verlage, so Strzyz weiter, können oft auch keine Veranstaltungen zur Promotion ihrer Neuerscheinungen auf die Beine stellen, etwa Künstler einfliegen lassen, womöglich aus dem Ausland, die ihre Bände signieren. Hier in Halle 3, der „beliebtesten Halle der Messe“, stehen die Comics in harter Konkurrenz zu den Kinderbüchern. Das bedeutet: „Wenn ein Comic-Verlag nicht kommt, haben wir sofort zehn Kinderbuchverlage, die nach diesem Stand Schlange stehen.“ Und genau so sieht es hier aus: Da, wo früher noch Comics ausgestellt wurden, findet man jetzt Verlage, die bestenfalls den einen oder anderen Comic mit im Kinderbuch-Programm haben.

 

Die Probe aufs Exempel bei einem beispielhaften Comic-Kleinverlag, Salleck Publications. Inhaber Eckart Schott, der vor einigen Jahren einen „langweiligen Bürojob“ aufgegeben hat, um die Comics zu verlegen, die ihm selbst gefallen, erwartet nicht, die Messeausgaben hereinholen zu können. „Messen machen mir Spaß“, sagt er, „ich mag es, meine Kunden persönlich zu treffen und mit ihnen sprechen zu können.“ Die meisten sind Fans. Er hört sich aber auch gern Kritik an: „So habe ich meine Lektoren gefunden; die haben mich auf Fehler in meinen Comicalben hingewiesen.“

 

Er ist stolz darauf, dass er mit Künstlern Freundschaft schließen konnte wie etwa mit François Walthéry, der seinen deutschen Verleger in Band 18 seiner Serie Natascha verewigt hat: „Als Dr. Spitzer, weil ich ihm auf Comicmessen immer die Stifte spitze.“ Schott kann nach eigener Aussage von seinem Verlag „einigermaßen“ leben. Er hat auch Serien im Programm, die sich überdurchschnittlich verkaufen, allen voran den Indianer-Jugendcomic Yakari. Mit den Überschüssen produziert er weniger gefragte Comics, die es in seinen Augen trotzdem verdient haben, verlegt zu werden. Den Stand betreibt er mit Hilfe von Freunden und Kollegen vom Nachbarstand, des spanischen Comicverlags Norma Editorial, sodass er nicht neun Stunden täglich an seinem Platz präsent sein muss.

 

Doch die Kleinverlage wie Salleck sind nur ein Teil der Realität. Bei einem Manga-Verlag wie Tokyopop läuft das Geschäft so, wie man es auf der Frankfurter Buchmesse erwartet. Tokyopop ist nach Aussage von Vertriebsmanager Vincent Lampert der zweitgrößte Manga-Verlag in Deutschland. „Wir machen hier Lizenzhandel, vor allem auch mit Japan. Es finden Vertragsverhandlungen statt, hier am Stand oder in den Businesscentern der Messe. Die Begegnung mit dem Publikum findet auch statt, aber in kleinerem Rahmen“, sagt Lampert. Zeichnerinnen und Zeichner kämen zum Signieren. Außerdem dient die Messe nach seinen Worten auch der Begegnung mit dem Handel. Das seien Einkäufer der Filialisten, Buch- und Comic-Händler sowie Vertreter der „Cross-Media-Märkte“, worunter er die großen Elektronikketten versteht, wo es inzwischen auch schon Mangas zu kaufen gibt.

 

Von Marke 100 weit entfernt

Im Jahr 2000 war die Comic-Abteilung auf der Messe gestartet worden mit der Maßgabe, nach drei Jahren müssten 100 Aussteller zusammengekommen sein. Diese Marke wurde nie erreicht, aber der Comic-Bereich hatte sich als ein solcher Besuchermagnet erwiesen, dass die Veranstaltung bislang weitergeführt wurde und auch gegenwärtig nicht in Frage steht, so Strzyz. Und die Comicfans strömen offenbar, selbst wenn die Messestände erkennbar unter Schwindsucht leiden. Es kommen vor allem Manga-Fans, Signaturenjäger und Interessenten für die zahlreichen Veranstaltungen auf dem Podium wie Preisverleihungen, Comic-Lesungen, Vorführungen und Diskussionen. Heute ist die Ausstellerzahl von der Marke 100 wieder weit entfernt. Die zwei Großen der Branche – Carlsen und Ehapa – sind schon lange nicht mehr auf der „Faszination Comic“, da sie beide eine weit größere Kinderbuch- als Comic-Sparte haben. Manche Verlage sind inzwischen auch in andere Hallen umgezogen.

 

Das gilt etwa für Reprodukt und die Edition Moderne. Die beiden Verlage sind jetzt bei der „Jungen Literatur“ in Halle 4 zu finden. Die gemeinsame Sprecherin Jutta Harms begründet das damit, dass sie auf der „Faszination Comic“ keine neuen Kontakte und neuen Leser mehr fänden. Zudem habe sich gezeigt, dass Fachbesucher-Führungen in der Comic-Zone nicht angenommen würden. Beide Verlage, die schwerpunktmäßig Graphic Novels auf den Markt bringen, stießen in ihrer neuen Umgebung auf Buchhändler, die bisher für Comics wenig übrig hatten und bei denen Interesse für solche Werke geweckt werden könne. Comic-Händler seien freilich mehr auf der „Faszination Comic“ unterwegs – „wären wir reich, würden wir zwei Stände machen“, fügt Harms entschuldigend hinzu.

 

Zurück zu den Manga-Fans, die an den beiden Privatbesucher-Tagen fast überall auf der Messe das Bild beherrschen. Strzyz, der bisher über seinen Bereich nicht viel Rühmliches sagen konnte, lebt bei diesem Thema auf. Er freut sich sehr, dass es im vergangenen Jahr gelungen ist, die Deutsche Cosplay-Meisterschaft (DCM), die seit einigen Jahren auf der Buchmesse stattfindet, aus der „Faszination Comic“ auszulagern. Das war notwendig, weil der Comic-Bereich mit Manga-Fans völlig überlaufen war. „Damit konnten wir ihn überhaupt wieder begehbar machen“, betont er. Jetzt geht die DCM im Kongresszentrum am Rand des Messegeländes über die Bühne, und im dortigen Foyer hat sich eine eigene Manga-Messe mit zahlreichen Ständen angesiedelt. „Trotzdem ist auch hier bei uns noch viel Betrieb“, fügt Strzyz hinzu.

 

Mangas spiegeln das japanische Pathos wider

Nathalie Frank – ihr Nickname „Makkuro“ bedeutet „tiefschwarz“ und weist auf ihre zweite Leidenschaft, die Gothic-Szene, hin – erwartet mich im Kongresszentrum zu einem Crashkurs über die Manga-Welt. An den japanischen Comics mag sie vor allem das darin zum Ausdruck kommende Pathos: dran bleiben, um seine Träume zu verwirklichen, Freundschaft über alles stellen. Zur Mangaszene gehört laut Frank auch, selbst Comics zu zeichnen oder sich wie seine Lieblings-Figur oder eine besonders spektakuläre Gestalt zu verkleiden. Typisch deutsch sei, dass man seine Kostüme selbst zusammennähe, denn Geschäfte, in denen man sie von der Stange kaufen kann, seien hier sehr selten. Daher komme der Hang, sich in Verkleidung zu präsentieren, sich fotografieren zu lassen und an Kostümwettbewerben („Cosplay“) teilzunehmen. Sie selbst stellt gerade ein magisches Wesen aus dem Artbook „Angel Flavor“ mit leuchtend blauen Haaren und Flügeln dar.

 

Wir gehen die Stände entlang. Vertreten sind Fanclubs und Communitys wie Animexx, Manga-, Zeichenmaterial- und Fanprodukte-Händler, die deutsch-japanische Gesellschaft für den Kulturaustausch und Japanese Airlines, die einen Teil des Hauptpreises der Cosplay-Meisterschaft gestiftet haben: natürlich einen mehrtägigen Aufenthalt in Tokio. Frank bestätigt, dass nach wie vor mehr als zwei Drittel der Mangafans Frauen sind. Allerdings habe der Männeranteil in den vergangenen Jahren zugenommen.

 

Dann wendet sie sich wieder ihrer Einführung für mich zu. Sie ist nicht so sehr in ihrer Manga-Welt aufgegangen, dass sie nicht Verständnis hätte für Menschen, die sagen, sie könnten solche Comics nicht lesen. Ich erhebe zaghaft Einspruch: „Lesen kann ich die schon, aber ich finde nicht so recht Zugang, ich finde sie meist langweilig.“ Frank lächelt nachsichtig, dann sagt sie bestimmt: „Und genauso geht es mir mit europäischen oder amerikanischen Comics.“ Damit wären die Fronten geklärt – doch einen gewissen Reiz spüre ich schon, es mit den Mangas noch einmal zu versuchen. Irgendwann.

 

500 000 Pageviews für Online-Comics

Zurück auf der „Faszination Comic“. Ich trinke zusammen mit dem Schweizer Comic-Zeichner David Boller einen Kaffee, um vielleicht etwas darüber herauszufinden, wie die Zukunft des Mediums aussehen könnte. Er hat Anfang der 90er Jahre mit Anfang 20 die Joe Kubert School of Graphics and Cartoon Art in New Jersey besucht und etwa 15 Jahre lang in USA für die Comic-Industrie gearbeitet. Das tut er noch immer, aber jetzt auf digitalem Weg von seiner Heimat aus; außerdem gibt er das Webmagazin zampano-online.com heraus. Die Schlüsselzahl für Boller ist 500 000. So viele Pageviews brauche ein Internet-Comic-Herausgeber mindestens, um für Werbung interessant zu werden und seine Comics erfolgreich auch in Papierform verkaufen zu können. Das Gute an Web-Comics sei, dass der Zeichner die Rechte an seinen Comics behalte – an diesem Problem hat sich in USA also offenbar seit Jahrzehnten nichts geändert. Als wichtige Vertriebsschienen sieht Boller auch i-Phones und i-Pads an.

 

Für das Superheldengenre sieht der Schweizer Zeichner allerdings schwarz: Die Hefte kosteten mittlerweile um die vier Dollar, was sich kaum noch jemand leisten könne und wolle. Die Leserschaft sei überaltert; 25 Prozent seien über 65 Jahre alt. Das Vertriebssystem sei zusammengebrochen: Comics seien nur noch in den Küstenmetropolen verbreitet. Und noch ein Problem komme hinzu: Jugendliche identifizierten Farbcomics mit ihren Eltern, von denen sie sich abgrenzen wollen. Die traditionellen Superheldencomics seien diejenigen, die die Eltern früher gelesen haben. Mangas seien dagegen meist schwarz-weiß.

 

Schon wieder bin ich bei der Mangakultur gelandet. Als die DCM läuft, habe ich die Messe freilich schon verlassen. Fürs erste habe ich mich genug auf diese Szene eingelassen.


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