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Dienstag, 23. Dezember 2014 | 05:20

Flix: Faust

02.12.2010

Die Götter müssen verrückt sein

Keine langweilige Adaption, sondern eine ideenreiche Neuinterpretation ist Faust aus der Feder von Flix. Außerdem gehört der Band zum Lustigsten, was der deutsche Comic derzeit zu bieten hat. Von CHRISTOPHER FRANZ

 

Rein äußerlich kommt der Band daher wie ein übergroßes Reclam-Heft. Und auch inhaltlich gibt es einige Gemeinsamkeiten. Beinhaltet er doch große Literatur, ausnahmsweise gepaart mit großer Zeichenkunst. Dafür ist Flix, der binnen weniger Jahre zu einem der erfolgreichsten Comic-Zeichner Deutschlands avancierte, ein Garant.

 

Deshalb verwundert es nicht, dass die FAZ, auf der Suche nach einem Comic für ihre Feuilletonseiten, bei ihm anfragte, ob er Interesse und eine gute Idee hätte. Schnell fiel die Wahl auf eine Geschichte, die sich an Goethes Faust orientieren sollte. Schließlich hatte sich Flix schon zu Beginn seiner Karriere mit diesem Thema beschäftigt. Gemeint ist sein 1998 im Eichborn Verlag erschienener Debüt-Comic mit dem vielsagenden Titel Who the fuck is Faust. Ausgeschöpft war das Thema damit noch nicht und auch Flix selbst meint: „Faust, den kann ich noch besser“. Und er hatte recht! Das, was er zwischen Juli und Dezember 2009, jeden Dienstag bis Freitag abgeliefert hat, gehört zu dem Besten, was in den letzten Jahren im Bereich des Zeitungs-Comics erschienen ist.

 

Schön, dass der Carlsen Verlag die gesammelten Episoden als Buch veröffentlicht hat. Viel schöner noch, dass der Charakter des Zeitungsstrips, trotz der notwendigen Ummontage von Quer- auf Hochformat und einiger weniger überarbeiteter Passagen, erhalten geblieben ist. Am Seitenende steht immer die Pointe.

 

Wetten, dass ...?

Ein Witz pro Seite wäre aber, besonders für Flix, ein bisschen wenig. Eigentlich ist jedes Bild für sich betrachtet köstlich. Zudem sorgt die an Ideenreichtum überbordende Erzählung für ein stimmiges Gesamtbild.

 

Flix versetzt den klassischen Faust in das heutige Berlin (wohin denn sonst?). Der Ost-West-Konflikt scheint überwunden zu sein, zumindest wird er nicht thematisiert. Sehr wohl aber das Problem der Migration. Wagner, der WG-Kumpane Fausts, ist schwarz und sitzt noch dazu im Rollstuhl. Die beiden leben im Streit, weil Faust, der sich als Taxifahrer über Wasser zu halten versucht, für das frühzeitige Ableben des wagnerschen Pudels mit dem vielsagenden Namen Charlotte von Stein verantwortlich scheint. Gretchen, alias Margarete, alias Özlem, in die sich Faust unsterblich verliebt, ist Türkin. Klar, dass die aufkeimende Liebe der beiden ihrer Mama nicht passt. So hat Faust mit Ausgehverboten und einer drohenden Zwangsheirat Margaretes mit einem Cousin aus der türkischen Provinz zu kämpfen.

 

Das Berlin, das Flix - übrigens selbst Wahlberliner - mit seiner ausgeprägten Beobachtungsgabe abbildet, ist hip und angesagt. Deshalb spielt die Handlung in WGs und Eckkneipen, in trendigen Clubs und Modegeschäften. Ursprung für dieses Slapstick-Verwirrspiel aber ist natürlich der ewige Clinch zwischen Mephisto und Gott. Wie es hier zu diesem Wettstreit, der oft auch mit unlauteren Mitteln geführt wird, kommt, ist unerhört komisch!

 

Aber darf man so mit DEM Klassiker der deutschen Literatur, in dem der ganze Stolz der Nation kulminiert, umgehen? Flix darf es! Denn: Zwar wurde der Faust-Stoff schon oft mehr oder weniger erfolgreichen Frischekuren unterzogen, so gewitzt und frei von der Vorlage wurde aber nur selten mit ihm gespielt.

 

Wer ist hier der Boss?

Diese fast schon unverschämte Freizügigkeit kündet von Flix Vermögen, Tatsachen überspitzt darzustellen. Der wahre Höhepunkt der Geschichte aber, und da hat er sich selbst übertroffen, sind die Szenen, die hoch über Berlin im Großraumbüro der Götter spielen. Die Dialoge des Battles, das sich Mephisto und Gott liefern, sind göttlich.

 

Ebenso wie die vielen Kleinigkeiten in Wort und Bild, die die Szenerie so lebendig und zeitgemäß erscheinen lassen. Ohne Skrupel wird das Computerprogramm, mit dem Gott neue Welten erschafft, MySpace genannt, das Teleskop, mit dem dieser seine Schäfchen beobachtet, hat den Typennamen Google Earth. Der naive und auch ein bisschen trottelige Faust entpuppt sich hier vollends als Spielball der Götter. Wird es für ihn und Margarete ein Happy End geben?

 

Schade eigentlich, dass Flix einer Fortsetzung (Faust II) vorerst eine Absage erteilt hat. Aber schon dieser erste Faust könnte ein Klassiker werden.


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