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Robert Crumb: Robert Crumbs Genesis

22.04.2010

Das Werk des Meisters und der Makel

Robert Crumb, Vorzeigehippie und Fußfetischist, Erfinder der Antihelden Fritz the Cat und Mr. Natural, illustriert das Erste Buch Mose. Ist er etwa brav geworden? Von CHRISTOPHER FRANZ

 

Robert Crumb, zwar katholisch erzogen, aber beeinflusst durch die Hippiekultur in San Francisco – wenn er diese nicht vielmehr selbst geprägt hat –, zählt zu den bekanntesten Comiczeichnern der Welt. Vielleicht ist er sogar der einflussreichste lebende Comickünstler. Seine Figuren, allesamt nicht unbedingt vorbildhafte Charaktere, sind fast jedem geläufig, seine Arbeiten erhielten den Adel einer musealen Präsentation. Selbst seine Skizzenbücher wurden – eine seltene Ausnahme für einen Comiczeichner – publiziert und werden zu Sammlerpreisen gehandelt.

 

Dennoch, angepasst war er nie. Und jetzt das. Vier ganze Jahre seines Lebens hat er sich der Bibel gewidmet. Genauer: der Genesis mit der Schöpfungsgeschichte, Noah, Abraham, Jakob und deren Söhnen und Sohnessöhnen. Er hat den Text nicht nur, wie so manch frommer Mensch vor ihm, studiert, er hat ihn sogar bebildert und somit ein wortgetreues, detailreiches Meisterwerk geschaffen.

 

Mit erhobenem Zeigefinger ...

Aber warum gerade ein biblischer Text, noch dazu ein Text von dem er selber sagt: „Es ist unglaublich, dass Millionen von Menschen diesen Text so ernst nehmen, aber die Menschheit ist eben verrückt“? Hat sich bei dem 66-Jährigen so etwas wie Altersfrömmigkeit eingestellt? Keineswegs. Ein für diese Branche durchaus üppiger Vorschuss in sechsstelliger Höhe mag anregend gewesen sein. Ausschlaggebend jedoch war eher die Tatsache, dass er sich so eingehend mit dem ältesten durchgängig publizierten und rezipierten Text der abendländischen Kultur, noch dazu der Grundlage dreier Weltreligionen, durchaus kritisch beschäftigen konnte.

 

Dass sein Thema aktueller denn je ist, beweist der schon seit geraumer Zeit schwelende und immer wieder neu ausbrechende Karikaturenstreit. Ein weiteres Indiz ist die Beschäftigung vieler anderer Künstler mit religiösen Texten. Genannt sei nur der deutsche Comiczeichner Ralf König, der in seinen Bänden Prototyp und Archetyp die gleiche Textgrundlage wie Crumb bearbeitet hat. Freilich, Königs Zugang ist eher humorvoll.

Lächerlich machen wollte Crumb nach eigenem Bekunden die Bibel durch seine mit kräftigem Strich gezogenen, schwarz-weißen Zeichnungen nicht. Eine Interpretation hat er sich verwehrt - bis auf einige Anmerkungen, die sich crumbtypisch auf die Rolle der Frau im Alten Testament beziehen und bis auf den wiederholten Hinweis auf die menschliche und nicht göttliche Urheberschaft des Textes.

 

Es scheint, als wollte er zu einer erneuten und intensiven Beschäftigung mit diesem Text anregen. Besonders mit Blick auf eine Zielgruppe, seine Zielgruppe, die sich ansonsten nicht unbedingt mit derartigen Themen beschäftigt, ist das löblich. Und es ist ihm gelungen, schließlich ist er ein Garant für gehaltvolle Werke. Und in Anbetracht des Erstarkens neuer fundamentaler, christlicher Gemeinschaften bis hin zu den Verfechtern des Kreationismus durchaus notwendig. Schade hingegen ist, dass die deutsche Ausgabe einen großen Makel hat.

 

... in das babylonische Sprachgewirr

Einfach nur ärgerlich ist der Umstand, dass der Verlag für die deutsche Übersetzung auf die Fassung der Lutherbibel aus dem Jahre 1912 zurückgegriffen hat. Die EKD hatte schlicht die Verwendung der aktuellen Version von 1984 untersagt. So kommt Crumbs Genesis, die sich im Original an eine 2004 erschienene Bibelversion hält, seltsam antiquiert daher. Der Text ist durchsetzt mit Begriffen, Redewendungen und Satzkonstruktionen, die das Verständnis des Geschehens für Nicht-Bibelwissenschaftler erheblich erschweren.

 

Die Entscheidung des Verlages, nicht auf eine modernere, urheberrechtsfreie Bibelversion zurückzugreifen, ist in diesem Sinne unverständlich, läuft sie doch somit dem heute fast schon üblichen Trend entgegen. Man denke nur an die kürzlich erschienene und vielgelobte Übersetzung des Abenteuerlichen Simplicissimus Deutsch von Grimmelshausen in das „Deutsch unserer Tage“. Etwas mehr Weitsicht, und wenn schon nicht die, dann mehr Sorgfalt, zum Beispiel durch einen erweiterten Kommentarapparat, hätte man sich vom Verlag gewünscht. Dennoch, etwas Gutes hat die deutsche Ausgabe der Genesis von Robert Crumb schon: Man greift wieder zur aktuellen Bibel aus dem Schrank.

 

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