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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 00:19

    Kengo Hanazawa: I am a Hero

    21.11.2012

    Vom Ende der Manga-Kultur

    Im grellbunten Manga-Programm des Carlsen Verlages sticht eine Serie heraus, in der es um die Nöte  eines gescheiterten Comic-Künstlers geht, um das Betriebsklima in Zeichenstudios, um die kulturelle Bedeutung des Manga – und um Zombies. BORIS KUNZ hat versucht sich in dieser Welt zurechtzufinden.

     

    Die Idee ist spätestens seit Shaun of the Dead nicht mehr neu: Der Held der Zombieapokalypse muss nicht unbedingt ein Cop sein – gerade der ganz normale Slacker kann, wenn durch den Ausbruch eines Zombievirus die Zivilisation untergeht, zum Helden werden. Hideo Suzuki ist so einer: Der Mittdreißiger träumt seit der Zeichenschule davon, ein großer Mangaka zu werden, also als Autor und Zeichner eine eigene Serie zu erschaffen. Ein in Japan angesehener und hochgeschätzter Beruf, wenn man dem in diesem Comic gezeigten Gesellschaftsbild glauben darf.

     

    Hideo hatte auch schon seine eigene Serie (Uncut Penis), doch die hat es nur auf zwei Ausgaben gebracht. Jetzt arbeitet er in einem Zeichenstudio für Hentai, also gezeichnete Pornos, und muss sich den ganzen Tag mit der Detailgestaltung von Muschis und Eicheln durchschlagen, während er in Selbstgesprächen über den künstlerischen Wert von Mangas schwadroniert. Sein Vorgänger in diesem Job, Nakata, ist inzwischen ein angesehener Mangaka geworden, was Hideo vor allem deswegen frustriert, weil seine Freundin Tekko mit diesem etwas hatte und noch immer voll auf dessen Mangas abfährt.

     

    Vom Lieben und Leiden eines Comiczeichners...

    Der komplette erste Band von I am a Hero ist der gründlichen Schilderung von Hideos Leben gewidmet. Man erlebt den jungen Mann als eigenartig neurotische Gestalt, der die Tür zu seinem winzigen Apartment mit übertrieben vielen Schlössern sichert, wegen seiner Albträume manchmal die Nächte mit einer Pump Gun im Arm verbringt und in Momenten der Unsicherheit Zwiesprache mit Yashima hält, einem kleinen Jungen, der offenbar nur in seiner Einbildung existiert und so etwas wie sein unschuldiges, kindliches Alter Ego darstellt. Auch die Liebesbeziehung zu Tekko ist nicht einfach. Sie wird nicht nur von dem Rivalen Nakata überschattet, sondern auch davon, dass die junge Frau, vor allem unter dem Einfluss von Alkohol, zu eigenartigen Stimmungsschwankungen zu neigen scheint.

     

    Mit einer Detailliertheit, wie man sie aus europäischen oder amerikanischen Comics nicht gewohnt ist, schildert der Comic über viele Seiten Hideos Privatleben. Die Detailfülle der Zeichnungen, die bis ins Kleinste den Krimskrams in den Schränken der Protagonisten zeigen, wird noch übertroffen durch die Ausführlichkeit vieler Szenen, in denen Blicke, Gesten, Nuancen und Stimmungen großen Raum einnehmen. Das gehört natürlich auch zur Erzähltradition des Manga, der auf eine ganz andere Lesegeschwindigkeit ausgerichtet ist. Doch stilistisch unterscheidet sich I am a Hero teilweise eben ganz massiv von dem, was man von einer Zombie-Reihe erwarten würde: Die Protagonisten sind unperfekte, lebensnahe Figuren, keine großäugigen Amazonen. Das Sexualleben zwischen Hideo und Tekko wird durchaus sehr direkt thematisiert, aber nicht visuell ausgestellt. Der Comic präsentiert ein vielschichtiges, spannendes Porträt eines jungen japanischen Mangazeichners mit massiven psychischen Problemen, in das man sich allerdings erst einmal hineinlesen muss. Für europäische Leser ist es sicherlich schwerer, gewisse Zusammenhänge zu verstehen und kulturelle Referenzen richtig einzuordnen, gerade wenn es um die Bedeutung der Mangakultur geht. Das macht den Comic aber auch so faszinierend, wenn man sich erst einmal mit dem eigenartigen Hideo angefreundet hat.

     

    Gelegentlich erinnern Nachrichtensendungen über Menschen mit Bisswunden oder eine unheimliche Begegnung am Straßenrand daran, dass über allem das Damoklesschwert der Zombieapokalypse hängt. Man hat das eigentlich schon ganz vergessen, so sehr ist man verstrickt in Hideos Kampf um Anerkennung und Selbstachtung. Als schließlich jener unheilvolle Morgen beginnt, an dem Hideo sich auf den Weg zum Schießtraining macht und dabei noch rasch bei Tekko vorbeischaut, die offenbar mit einer merkwürdigen Infektion im Bett liegt, befinden wir uns schon an der Schwelle zu Band 2. So dezent, wie das bevorstehende Unheil eingeführt wurde, so heftig ist der Schockmoment am Ende des ersten Bandes.

     

    ... und seinem Kampf ums Überleben.

    Der zweite Band schildert dann minutiös, wie Hideo die ersten Stunden der Katastrophe erlebt, und er tut dies mit der gleichen breiten und teilweise quälenden Detailliertheit, mit der zuvor Hideos Alltag geschildert worden ist. Dieses genaue und gnadenlose Hinsehen, das uns vorher in die Welt des Protagonisten hineingezogen hat, macht nun den Horror des zweiten Bandes aus. Nicht nur, was passiert ist gruselig, sondern vor allem die Genauigkeit, mit der es geschildert wird. Und auch an gleichzeitigem bitterbösem Humor besteht kein Mangel.

     

    Jetzt sind wir also mitten im Genre. Jetzt hat der Kampf auf Leben und Tod begonnen, und Hideo hat noch nicht so recht begriffen, dass er schon mittendrin steckt. Die Sequenz, in der die Protagonisten mit den ersten Zombies in Berührung kommen und fassungslos verstehen müssen, was hier eigentlich los ist, bis sie endlich die erste sichere Zuflucht erreichen, in der sie sich dann verbarrikadieren, gehört meistens zu den eindringlichsten Szenen in Zombiefilmen. Kengo Hanazawa gelingt es, diese Sequenz über den gesamten zweiten Band auszudehnen. Während wir Leser schon längst wissen, wohin der Hase läuft, hält Hideo sein erstes, blutiges Zusammentreffen mit den Infizierten noch für einen rätselhaften Einzelfall und taumelt durch eine Stadt, in der die Hälfte der Menschen noch gar nicht bemerkt, dass um sie herum der Weltuntergang stattfindet.

    Das alles ist wunderbar umgesetzt und dürfte unter Liebhabern des Genres sicher seine Fans finden. Dennoch hat man irgendwie das Gefühl, dass die Geschichte reicher und interessanter war, als die Zombies noch nicht im Spiel waren. Der zweite Band ist jenes intensive, adrenalingetränkte Hide and Run-Szenario, auf das man sich ursprünglich eingestellt hatte, und das man jetzt aber irgendwie nur mit einem weinenden Auge gegen das faszinierende und originelle Figurenporträt eintauscht, als das sich der erste Band entpuppt hatte.

     

    Es bleibt daher spannend, wie es mit dieser Serie weitergeht, ob und wie die Folgebände dem Charakter ihres Protagonisten gerecht werden, ob all die Themen, die der erste Band angerissen hat, noch einmal auftauchen werden oder ob es jetzt nur noch um den nervenaufreibenden Kampf gegen die Zombies gehen wird. Spannend bleibt ebenfalls, ob sich diese Reihe im Manga-Programm des Carlsen Verlages behauptet, in dem es ansonsten weitaus exploitativer und schriller zur Sache zu gehen scheint. Zwar hat I am a Hero ab dem zweiten Teil auch einiges an Action und Blut zu bieten, doch wie viele der ansonsten wohl eher jugendlichen Zielgruppe haben die Geduld besessen, sich über den ausführlichen ersten Band hinweg mit Hideo anzufreunden?

     

    Ich zumindest hatte sie und werde mich deshalb auch gern weiterhin mit ihm durch die Straßen Japans hetzen lassen.

     

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