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Mittwoch, 29. März 2017 | 13:10

Tom Gauld: Goliath

14.11.2012

Kleines Buch mit großem Namen

Im Alten Testament wurde mit Randfiguren ja nicht gerade zimperlich umgegangen. So war der Auftritt des Riesen Goliath nicht nur kurz, sondern äußerst imageschädigend. Dank eines kleinen, aber sehr feinen Comics bei Reprodukt hat BORIS KUNZ jetzt erfahren, wie es wirklich war.

 

Goliath von Gath ist kein guter Schwertkämpfer. Er ist eigentlich überhaupt kein Kämpfer, sondern tauscht seinen Wachdienst im Heer der Philister lieber gegen Schichten am Schreibtisch. In Verwaltung ist er nämlich ziemlich gut. Leider ist Goliath darüber hinaus auch ziemlich groß, sodass eines Tages ein ehrgeiziger Hauptmann auf die Idee kommt, Goliath als Schreckgespenst gegen die verfeindeten Israeliten einzusetzen und diese damit moralisch zu zermürben.

 

Damit erfindet er also schon viele Hundert Jahre vor Tulius Destructivus die psychologische Kriegsführung. Wer dabei auf der Strecke bleibt, ist letztlich leider das harmlose Schreckgespenst. Denn der Karikaturist Tom Gauld erzählt in seinem Comic die altbekannte Geschichte nicht neu – er zeigt sie nur aus einem anderen Blickwinkel.

 

Goliath gegen Goliath

Sein Blick ist dabei geschärft für das Wesentliche. Goliath kommt mit minimalem Personal aus und dreht sich letztlich nur um Goliath, seinen neunjährigen Schildträger und den Hauptmann. Die anderen wesentlichen Kräfte, die gnadenlos über das Schicksal des hünenhaften, aber naiven Kriegers entscheiden, bleiben unsichtbar: Der gelangweilte König der Philister verlässt sein Zelt nicht, das Heer der Israeliten bleibt hinter einer kargen Horizontlinie verborgen.

 

Hauptsächlich zeigt der Comic Goliath und seinen kleinen Schildknappen, die bei einer markanten Steinformation herumhängen und irgendwie die Zeit totschlagen müssen, die vergeht, bis endlich jemand kommt, um sich seinerseits von Goliath totschlagen zu lassen. Goliath spürt irgendwie, dass er sich da auf eine Sache eingelassen hat, die einen unguten Ausgang nehmen könnte, ist aber zu zaudernd, um sich gegen die lächerlichen Autoritäten aufzulehnen, die ihn in die Rolle eines Kriegers zwingen.

 

Minimalistisch wie die Story sind auch die einfachen, aber liebevollen, cartoonesken Zeichnungen, ergänzt nur von einer einzigen Farbe, einem erdigen Braun, das ausreicht, um Tag und Nacht, Nebel und Dämmerung darzustellen. Gauld reduziert die Figuren oftmals auf kleine geometrische Silhouetten in einer leeren Landschaft, die als Bühne für ein urkomisches Kammerspiel fungiert.

 

Das erinnert beinahe schon an Dik Brownes Hägar der Schreckliche und hat auch oftmals einen ebenso lakonischen Humor. Wenn man will, kann man die 96 Seiten dieses Comics schnell in einem Rutsch durchlesen und sich dabei vor allem über die herrlich trockenen Dialoge amüsieren, für deren Übersetzung ins Deutsche kein Geringerer als der ebenfalls geniale Karikaturist Nicolas Mahler verantwortlich ist.

 

Große Kunst in kleinem Format

Tatsächlich verfügt der Comic aber über weitaus mehr Symbolkraft, als man auf den ersten Blick erkennt, und hat für den aufmerksamen Leser immer wieder Momente bereit, in denen man staunend innehalten kann. Im Gegensatz zu vielen anderen Bibelparodien hat der Autor mehr zu bieten als eine nette Verhohnepipelung der Vorlage. Dabei drängt einem Gauld an keiner Stelle irgendeine plumpe Antikriegsbotschaft auf; er versteht es aber, seine Story mit bemerkenswerten kleinen Metaphern zu füllen – wie etwa dem zerzausten, gefangenen Bären, den die Soldaten sich für Schaukämpfe halten, oder eben jenen harmlosen Kieselsteinen, mit denen Goliath am Anfang der Geschichte unbedarft herumspielt, ohne zu wissen, dass er damit schon das Instrument seiner Vernichtung in den Händen hält. Mit einfachsten Mitteln erzielen die Zeichnungen dabei größte Wirkung – vor allem in der tragikomischen Schlusssequenz in der, wie wir alle wissen, eine Steinschleuder eine wesentliche Rolle spielt…

 

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