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Naomi Fearn/Reinhard Kleist (Hg.): Bettgeschichten

31.10.2012

Schöne Schweinereien

Ein Kompendium erotischer Kurzcomics aus deutschen Landen: CHRISTIAN NEUBERT ist begeistert. Schließlich hat ihm bei der Lektüre keiner zugesehen.

 

Bettgeschichten ist eine Sammlung mit frivolen, lustvollen und in bestem Sinne anstößigen Geschichten, die auf den Spuren der so genannten Tijuana Bibles wandeln – jenen Storys mit zweifellos zweifelhaftem Inhalt, die man in den Vereinigten Staaten ab Ende der Zwanziger Jahre traditionell unter der Ladentheke kaufen konnte.

 

Diese kleinen Sex-Heftchen, deren Name auf der landläufigen Meinung beruhte, sie seien in Mexiko gefertigt worden, sind wohl genauso alt wie es Verkaufsetiketten auf Comics gibt. Sex sells halt in jedem Medium. In den Sechzigern verschwanden sie jedoch von der Bildfläche; die Nachfrage brach ein. Sie wurden von aufwendiger gestalteten Comics, die inzwischen auf hochglänzendem Papier in amerikanischen Herrenmagazinen veröffentlicht wurden, verdrängt.

 

 

Eine Ode an das Krude

Die Bettgeschichten lassen sich durchaus als Reminiszenz an die Tijuana Bibles verstehen – auch, wenn sie den späteren Hochglanz-Veröffentlichungen auf den ersten Blick näher zu stehen scheinen. Tijuana Bibles hatten (herkömmlicherweise) mit acht Seiten und einem Bild pro Seite ein festes Format, innerhalb der Bettgeschichten variieren Format und Umfang. Die Eight-Pager wiesen oft karikaturhafte Züge auf, da nicht selten Berühmtheiten aus der realen oder aus fiktiven Welten in eindeutigen Situationen dargestellt wurden, was bei keiner der in der Anthologie versammelten Stories der Fall ist. Außerdem wurden die billig produzierten Tijuana Bibles in den allermeisten Fällen eher lieblos, mit kruden Strichen gezeichnet, was man dem Zwerchfell´schen Sammelband beileibe nicht vorwerfen kann. Die kompilierten Zeichner beweisen in ihren kurz erzählten Sexkapaden stets Einfallsreichtum und künstlerisches Vermögen bei den Illustrationen und, ja, auch den Handlungen.

 

Die genannten Attribute treffen wohlgemerkt auf alle 17 Episoden der Bettgeschichten zu, was für eine Anthologie keineswegs selbstverständlich ist. Egal, ob die einzelnen Zeichnerinnen und Zeichner mehr oder weniger Aufmerksamkeit in der hiesigen Comic-Landschaft genießen, egal ob sie Reinhart Kleist oder Maike Plenzke, Calle Claus oder Véro heißen – die auf wenigen Seiten festgehaltenen Ferkeleien können allesamt durch speziellen Reiz punkten.

 

Vielfalt in vieler Hinsicht

In Christian Naucks Episode z.B. führt ein geplanter Diamantenraub zu einer Ménage à trois, die in einer Orgie gipfelt, als die Polizei eingreift. Bei Steffi Schütze muss ein Holzfäller Nehmerqualitäten beweisen, als er auf die gertenschwingende Herrin des Waldes trifft. Die beiden jungen Damen in Mawils Beitrag, die nach einem heißen Liebesspiel im Streit auseinandergehen, werden wohl keine Freunde mehr werden. Nicolas Mahler bricht in drei Bildern zur Gänze/in etwa die Beziehung zwischen Mann und Frau herunter. Tim Dinter eröffnet ein erotisches, ganz und gar nicht fleischloses Buffet. Und Naomi Fearn, neben Reinhard Kleist Herausgeberin des Bandes, gönnt in ihrem Beitrag einer jungen Mutter eine ausschweifende Auszeit vom Alltag, realisiert mit zwei guten Freunden, festgehalten in bunter Popp-Art.

 

Sicher, die Lektüre der Bettgeschichten wird so manchem die Schamesröte ins Gesicht treiben in Anbetracht all der Gesichter, die dort in eine gerötete Scham getrieben werden. Auch das Nebeneinanderstellen von Geschichten, die heterosexuelle, homosexuelle und weiß-der-Herr-für-sexuelle Inhalte erzählen, wird gewiss nicht nur Freunde finden. Immerhin wäre das bereits seit Langem geplante Comic-Projekt an dieser Hürde vor acht Jahren fast gescheitert. Dass der Realisation der Anthologie im Jahre 2012 nichts mehr im Wege stand, spricht also nicht nur für die Beiträge der einzelnen Künstler, sondern auch für unsere Zeit. Früher war halt doch nicht alles besser.

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