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    Bryan Talbot: Grandville

    07.11.2012

    Noch längst kein altes Eisen

    Schon wieder eine neue Steampunk-Serie? Kann man dem Genre denn noch etwas Neues abgewinnen? Altmeister Bryan Talbot beweist zumindest, dass man mit ihm noch immer eine ganze Menge Spaß haben kann. Von BORIS KUNZ.

     

    In jüngerer Zeit scheint es unter Comic-Autoren so etwas wie einen geheimen Wettbewerb zu geben, wem es gelingt, die meisten Genres oder Popkulturzitate in einer Serie zu vereinen. Sollte es diesen Sport tatsächlich geben, Bryan Talbot hätte sich mit Grandville mit Sicherheit für eine Goldmedaille qualifiziert.

     

    Hierzulande eher durch seine Mitarbeit an Neil Gaimans Sandman bekannt, ist Talbot keineswegs ein Neuling in dieser Sportart, sondern hat sich bereits mit den in Deutschland leider bislang unveröffentlichten Abenteuern von Luther Arkwright erste Sporen verdient. Mit Grandville zeigt der Meister jetzt, dass seine alte Liebe zum Steampunk noch nicht gerostet ist, sondern im Gegenteil zu einer neuen Blüte gefunden hat.

     

    Blut und Liebreiz

    Talbot wirft den Leser in eine Alternativwelt, in der Napoleons Sieg bei Waterloo Frankreich zu einem gewaltigen Empire gemacht hat und die britischen Inseln nichts weiter sind als ein Nest voller Separatisten, die es gerade mal geschafft haben, sich ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen und die im Rest des Reiches ungern gesehen sind.

     

    Um noch eins draufzusetzen, kommt das alles – ganz im Stile des berühmten Zeichners und namensgebenden Vorbilds Grandville – in Gestalt einer Fabel daher: Diese Welt ist von anthropomorphen Tieren bevölkert, etwa von Detective Inspector LeBrock vom Yard (ein stattlicher Dachs) und seinem treuen Assistenten Roderick Ratzi (eine nicht ganz so stattliche Ratte), die gemeinsam versuchen, den Mord an einem Diplomaten aufzuklären.

     

    Die Spur führt die beiden Ermittler nach Paris, wo sie als Briten recht unfreundlich aufgenommen werden und bald schon allerhand gefährliche Feinde auf ihrer Fährte haben. Die Situation wird immer brenzliger, denn offenbar war das Mordopfer einer Verschwörung auf der Spur, die bis in höchste Regierungskreise des Kaiserreiches reicht. Dabei geht es, was den Einsatz von Gewalt und Schusswaffen angeht, recht schnell recht drastisch zur Sache, und nach und nach verwandelt sich die Spurensuche der beiden Detectives in einen blutigen Feldzug.

     

    Die Geschichte selbst ist erstaunlich spannend und solide erzählt, vor allem wenn man bedenkt, aus wie vielen unterschiedlichen Quellen der Strom der Erzählung sich speist. Da sind nicht nur die üblichen Steampunk-Klischees – wie die obligatorischen Luftschiffe –, die voller Liebe bedient werden, sondern zahlreiche weitere literarische Einflüsse, von Sherlock Holmes bis Raymond Chandler, und schließlich Klassiker der Comic-Geschichte - so dürfen wir etwa alternative Versionen von Spirou oder Struppi erleben.

     

    Das alles vereint Talbot zu einer stimmigen Vision, die gleich auch noch aktuelle politische Verschwörungstheorien rund um 9/11 mit aufgreift und ebenfalls als passenden Baustein in diese bunte Welt einfügt. Dabei schreckt der Autor nicht vor solchen Schelmenstücken zurück, wie den Ground Zero ins Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu verlegen oder den Menschen als bizarren Seitenzweig der Evolution zu präsentieren, der innerhalb dieses Kosmos sprechender, aufrecht gehender Tiere nur ein komischer, nackte Affe mit flacher Schnauze ist.

     

    Über Bauklötze staunen

    Natürlich kommt einem die Geschichte hauptsächlich deshalb so gewitzt vor, weil man so viele Zitate darin erkennen kann. Aber sie liest sich noch immer spannend und flüssig, auch wenn der Plot keine einzige Wendung aufweist, die im Kontext des Genres noch überraschend wäre und die Talbot nicht aus zahllosen anderen Geschichten liebevoll entliehen hätte. Natürlich, unterm Strich hat der Autor auch hier nichts wirklich Neues geschaffen, sondern sich nur voller Eifer an der popkulturellen Selbstreflexion beteiligt, die gerade bei Genres dieser Art so gerne betrieben wird. Aber weil das hier mit solcher Liebe und mit solcher Chuzpe geschehen ist, geht Grandville geradezu als Musterbeispiel dafür durch, dass gut geklaut eben tatsächlich besser ist als schlecht erfunden.

     

    An die graphische Gestaltung muss man sich erst ein bisschen gewöhnen. Auf den ersten paar Seiten wirkt die Kombination der relativ groß ausgeführten Zeichnungen mit digitalen Hintergründen und Effekten ein wenig klobig und für ein düsteres Genrestück beinahe zu bunt. Hier ist man ja eher den filigranen und zerfahrenen Stil von League of Extraordinary Gentlemen oder Prof. Bell gewöhnt.  Die Computercolorierung wirkt für ein Genre, das so sehr von seiner Retro-Ästhetik lebt (wie ja auch die gelungene Covergestaltung zeigt) beinahe zu modern, und anthropomorphe Tiere in einem Hyperrealismus hat man in Blacksad auch schon wesentlich lebendiger ausgearbeitet gesehen.

     

    Doch wenn man auf solche Vergleiche verzichtet und sich auf den grafischen Stil einlässt,  kann man bald schon eine ganze Menge Spaß mit den Zeichnungen haben und sich vor allem am Einfallsreichtum des Zeichners erfreuen, für welche Figur er sich welchen Tierkopf ausgedacht hat. Der mürrische Frühstückskellner mit dem überheblichen Gesicht eines Raubfisches gehört für mich zu den besten Figuren.

     

    Alles in allem ein rundum gelungenes Werk, von der ersten bis zur letzten seiner 100 Seiten unterhaltsam, an dem sicherlich die meisten Comic-Fans ihre Freude haben werden. Auch wenn man sich fragt, ob für eine Fortsetzung überhaupt noch genügend Tierrassen und zitierfähige Vorlagen übrig geblieben sind, macht das Album große Lust auf mehr. Im Netz findet man bereits viel Lob für den zweiten Teil mit dem liebreizenden Titel Grandville Mon Amour. Eine Veröffentlichung hierzulande wäre überaus wünschenswert!

     

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