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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 21. August 2017 | 19:34

    Flix: Don Quijote

    17.10.2012

    Nicht nur traurige Gestalt

    Flix legt seine Version des berühmten Romans von Miguel Cervantes vor. BORIS KUNZ über ein waghalsiges Abenteuer, das leicht zur Donquichotterie hätte werden können.

     

    Man soll ein Buch nicht nach seinem Cover beurteilen, heißt es immer. Allerdings wirft die Covergestaltung von Flix` Neuinszenierungen literarischer Klassiker (bisher: Faust und Don Quijote) doch ein paar Fragen nach dem Inhalt auf.

     

    Im ersten Moment fragt man sich nur, warum der Verlag die Frechheit besessen hat, einem ein derart abgewetztes und verschrabbeltes Rezensionsexemplar zu schicken – bis man erkennt, dass die abgegriffenen Kanten und schrundigen Ecken tatsächlich aufgedruckt sind und zum Konzept gehören. Der Band ist den klassischen Büchlein aus dem Reclam-Verlag nicht nur nachempfunden – er ist ein perfektes Faksimile dessen, wie diese Dinger aussahen, nachdem man sie ein paar Wochen in seiner Schultasche mitgeschleppt hatte. Damit verweist der Band nicht nur darauf, dass Don Quijote ein großer Klassiker ist, sondern auch darauf, wie nachlässig mit solchen Klassikern heutzutage gerne umgegangen wird.

     

    Ist das jetzt mehr als ein netter Gag? Wollen uns Zeichner und Verlag damit voller Selbstironie sagen, dass sie genau wissen, was sie uns hier bieten? Nämlich eine weitere Neuauflage einer abgegriffenen Story, die man zwar kennen muss, der man aber nicht genug Respekt entgegenbringt, um sich statt eines billigen Reclam-Büchleins um eine schöne, gebundene und illustrierte Ausgabe zu bemühen? Soll hier gar die Frage aufgeworfen werden, ob wir lustige Neuinterpretationen von Literaturklassikern in Comic-Form überhaupt brauchen? Kommt dabei nicht irgendwas heraus zwischen Lustige Taschenbücher und Illustrierte Klassiker, also zwischen müder Veralberung oder extremer Readers-Digest-Verknappung?

     

    Flix, mehrfacher Max und Moritz-Preisträger, erspart den Lesern glücklicherweise beides.

     

    Alonso Quijano: Vater. Großvater. Ritter.

    Zunächst einmal verlegt er die Story um den alten Zausel, der sich für einen großen Ritter hält und dafür gnadenlos die Wirklichkeit neu interpretiert, vom Spanien des 17. Jahrhunderts in das heutige Mecklenburg-Vorpommern bzw. nach Berlin. Teilweise gelingt ihm das mit so großartigen Kleinigkeiten wie der Verwandlung des Ortes Toboso in Tobosow. Teilweise behält er aber die Originalnamen der Figuren bei, was es einem erst einmal ein wenig erschwert, den Einstieg in sein Set-Up zu finden. Windkraftanlagen statt Windmühlen, Drahtesel statt altem Klepper, Fahrradhelm statt verbeulter Rasierschüssel – das kaufe ich alles. Aber warum heißt einer, der sich zeit seines Lebens im Heimatverein eines Ortes am Müritzsee engagiert hat, dann »Alonso Qiujano«?

     

    Ein paar solcher Unstimmigkeiten muss man schlucken, doch hat man sich erst einmal auf das Spiel eingelassen, entdeckt man voll freudiger Überraschung, dass die altbekannte Geschichte bei Flix unerwartete Haken schlägt. Er interpretiert das Duo Don Quijote und Sancho Pansa vollkommen neu, in dem er seinem alten Helden keinen fetten, geldgierigen Bauern, sondern seinen Enkel Robin zur Seite stellt, der wiederum im Batman-Pyjama herumläuft und darauf besteht, als »der Dunkle Ritter« bezeichnet zu werden. Mit diesen Figuren kann Flix eine völlig neue Dynamik erschaffen: Während der alte Alonso eigentlich unter Alzheimer und dissoziativen Zuständen leidet, ist es bei Robin einfach überbordende kindliche Phantasie, gewürzt mit einer gehörigen Portion Trotz und Frechheit, die ihn die Welt anders sehen lassen, als sie tatsächlich ist.

     

    Auf diese Weise hat der Autor die Grundzüge von Don Quijote auf zwei Figuren aufgeteilt und kann wunderbar damit spielen, die Rolle des Phantasten und des Ungläubigen wechselweise zwischen den beiden aufzuteilen: Mal bremst der Alte in seinen lichteren Momenten die über die Stränge schlagenden Phantastereien seines Neffen ein, dann wieder muss der kleine Robin seinen Opa mit der bitteren Realität konfrontieren, dass die Welt nicht nur ein Spiel ist. Auf diese Weise kann Flix Textpassagen aus Cervantes` Vorlage einmal dem Don Quijote und einmal dem Sancho Pansa in den Mund legen, und das Wechselspiel funktioniert wunderbar.

     

    Und so erzählt Flix eine rührende Generationengeschichte, die nicht nur von der Kraft der Phantasie erzählt (die in Cervantes` Original, nebenbei bemerkt, auch viel mehr als manische Spinnerei denn als etwas Positives dargestellt wird), sondern auch vom Erwachsenwerden wie vom Altwerden, vom Übernehmen von Verantwortung und von der Einsicht in die bittere Wirklichkeit der Sterblichkeit und Endlichkeit aller Dinge.

     

    Bittersüß statt bunt

    Die Zeichnungen sind erfrischend lebendig, modern und ausdrucksvoll und von einer großen Detailfreude in den Hintergründen. Flix zeigt darin eine großartige Beobachtungsgabe, die die Straßen von Berlin greifbar und real wirken lässt, obschon der Comic ganz und gar in einem lockeren Funny-Stil mit cartoonesken Gesichtern daherkommt. Schade ist eigentlich nur, dass der Comic nicht farbig ist, denn auch wenn Flix mit den Grauschattierungen sehr gut umzugehen weiß, hätte eine dezente Kolorierung bei dieser Art von Zeichenstil durchaus einen Mehrwert haben können.

     

    Sicherlich hat es die Herkunft des Albums aus einem Zeitungsstrip notwendig gemacht, die Illustrationen so anzulegen, dass sie in Schwarzweiß gut funktionieren, doch man fragt sich schon auch, ob das Ding nur deswegen nicht bunt ist, damit man es leichter als »Graphic Novel« labeln kann. Denn ganz so fluffig, wie er auf den ersten Blick wirkt, ist der Comic gar nicht. Die Stürze und Prügeleien sind nicht einfach nur witzige Haudrauf-Momente – sie tun wirklich weh. Wenn in Don Quijote geschlägert wird, dann ist das nicht (nur) lustig, sondern hat auch immer etwas Brutales – was wiederum dem Geist des Romans sehr gerecht wird.

     

    Wer Don Quijote kennt, der erkennt viele Elemente aus dem Buch wieder, die über reine Zitate und Anspielungen (von denen es dennoch eine Menge gibt) weit hinausgehen, und hat seine Freude daran, wie Flix die Bausteine neu zusammensetzt. Vor allem aber ist das Gefühl beim Lesen des Comics ein sehr Ähnliches wie beim Roman, obwohl man doch eine völlig neue Geschichte erzählt bekommt, bei der, im Gegensatz zu manch anderer Don Quijote–Neuinterpretation, die Figuren und Motive in sich stimmig sind, anstatt nur auf einer oberflächlichen Ebene die Ikonographie des dürren Ritters von der traurigen Gestalt zu bedienen. Gymnasiasten, die darauf hoffen, sich mit dem Comic die Lektüre des Original-Wälzers für ein Referat zu ersparen, sind also hier an der falschen Adresse. Alle anderen werden gut bedient, denn man muss das Original nicht kennen, um Freude an dieser Neuinterpretation zu haben.

     

    Damit wäre die Frage, die das Coverdesign aufgeworfen hat, also zur großen Befriedigung des Lesers beantwortet: Indem er die Handlung von Cervantes` Roman komplett umkrempelt und neu erfunden hat, hat Flix der Vorlage vermutlich mehr Ehre erwiesen, als wenn er sich an einer sklavischen Umsetzung versucht hätte. Ja, so etwas können wir brauchen!

     



     

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