• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 03:58

    E.T.A. Hoffmann: Das Fräulein von Scuderi

    03.10.2012

    Literatur trifft Illustration...

    »Den Inhalt des königlichen Nachttopfes inspizierten stets gewissenhaft die Leibärzte. Die so gewonnenen Informationen waren Staatsgeheimnis.« Zumindest diesen Sachverhalt aus dem Hofleben Ludwig XIV. enthüllt nun eine mit Illustrationen und Anmerkungen versehene Bearbeitung von E.T.A. Hoffmanns Erzählung Das Fräulein von Scuderi. Von ALEXANDER FRANK

     

     

     Ein mysteriöser Mörder und Juwelendieb treibt sein Unwesen in Paris: Als eines nachts heftig an der Tür der Dichterin Scuderi gerüttelt wird und ein Unerkannter ein Kästchen mit wertvollem Schmuck überbringt, wird die hochbetagte Dame in den Fall verwickelt, zu dessen Aufklärung sie sich schließlich berufen fühlen wird. Mit Liebe, dämonischen Kräften, genialischem Künstlertum und barocker Ausstattung wird nicht gespart, manches findet man hier vorgezeichnet, von Miss Marple bis Jean-Baptiste Grenouille, und so verwundert es nicht, dass diese Geschichte zu einer Adaption einlädt.

     

     

    ...sagt die Literatur: ...

    »Literatur trifft Illustration« ist der Slogan, mit dem die Süddeutsche Zeitung für die von ihr herausgegebene Comic-Reihe wirbt (die sich natürlich »Edition Graphic Novels« nennt). Offenbar sollen die beiden hochwertigen Begriffe den Interessenten versichern, dass sie keinen Griff in die Schmuddelkiste tun. Dabei verfehlt die Formulierung genau das, was einen Comic ausmacht, nämlich das Erzählen in Bildern – im Unterschied etwa zu einem Bilderbuch, in dem es zu der Geschichte auch noch Bilder gibt.

     

    Dass eine solche hochkulturelle Beleumundung von Comics vielleicht gar nicht mehr nötig ist, zeigt die sehr edel aufgemachte Ausgabe von Das Fräulein von Scuderi, die in der Edition Büchergilde erschienen ist und auf dem Umschlag stolz die Bezeichnung »Graphic Novel« trägt. Die Bemühungen, Comics durch eine Umbenennung mehr Akzeptanz zu verschaffen, waren offensichtlich so erfolgreich, dass sogar schon Etikettenschwindel getrieben wird. Denn in diesem Fall handelt es sich tatsächlich eher um ein Zusammentreffen von Literatur mit Illustration, als um einen Comic.

     

     

    ...»Wie sehe ich aus?«...

      Ungewöhnlich für eine Literaturadaption, die es ja derzeit in der Comicwelt in vielerlei Gestalt anzutreffen gibt, ist bereits der Umstand, dass hier neben der graphischen Umsetzung von Alexandra Kardinar und Volker Schlecht in einem zweiten Teil noch der vollständige Originaltext von E.T.A. Hoffmann, ergänzt mit Fußnoten zum historischen Hintergrund, abgedruckt ist. Das erweckt den Eindruck, dass die Künstler, die beide Illustration an Hochschulen unterrichten, ihrem Werk nicht ganz zugetraut haben, als vollwertige Alternative an die Stelle von Hoffmanns Erzählung zu treten.

     

    Das ist tatsächlich so, aber weiter nicht schlimm. Die graphische Umsetzung ist eigenwillig, einfallsreich, ästhetisch ansprechend – die Handlung des Kriminalfalls ist aber darin kaum in allen Verwicklungen nachvollziehbar. Wenn man sich von dem Comic aber nicht eine bequeme Abkürzung zu einem Klassiker erwartet, sondern die Erzählung zuerst liest (so man sie nicht kennt), kann der Comic einen zusätzlichen Genuss und einige neue Perspektiven bieten.

     

     

     

    ...sagt die Illustration:...

     Die Bilder sind in vielerlei Hinsicht kontrastreich, da verschiedene Techniken kombiniert werden. Für die Figuren werden oft jeweils identische Zeichnungen mehrfach verwendet, indem die Körperteile einzeln ausgeschnitten und neu gelegt werden, so dass Bewegungen entstehen können. Die Gesichter bleiben dadurch unverändert und wirken sehr stilisiert und maskenhaft. Emotionen werden teilweise durch Hinzufügen weiterer Elemente, wie einer Hand vor dem erschrockenen Mund oder grotesk überzeichneter Tränenbäche gekennzeichnet.

     

    Fein schraffierten Schwarz-Weiß-Zeichnungen stehen flächig eingesetzte grelle Farben gegenüber. Immer wieder drängen sich dreidimensional aufgeblähte Riesenbuchstaben ins Bild, die Geräusche oder Ausrufe wiedergeben. Ein eigentlich unscheinbares, aber überraschendes Gestaltungsmerkmal sind Anmerkungen in kleingedruckten Textkästen, die in die Bilder integriert sind. Hier werden historische Details und Anekdoten aus der Zeit des Sonnenkönigs eingefügt, die zwar für die Handlung unerheblich sind, die aber aus kleinen Puzzlestücken ein plastisches Bild des Absolutismus entwickeln.

     

     

    ...»Reden wir nicht darüber.«

    Außerdem entstehen aus dem spielerischen Einsatz unterschiedlicher Zeichensysteme einige witzige Effekte. So wird etwa die Panik und Verwirrung einer Figur beim Anblick eines Schwerverletzten allein durch eine Zahlenreihe ausgedrückt: »110? 112? 115?«. Oder der Tod einer Person wird durch einen senkrecht nach oben gerichteten Pfeil gekennzeichnet, unter dem »21g« steht, das angebliche Gewicht der Seele. Die eingeschobene Episode zu einer Giftmischeraffäre wird komplett in Piktogrammen erzählt, hier trifft das Apothekenlogo auf die Olympiamännchen von Otl Aicher. Fazit: Ein schöner Band für Liebhaber, die neben ihren Hoffmann-Bänden noch Platz im Bücherregal haben.

     

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Petraeus und sein Stab

    Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

    Die Geschichte geht weiter

    Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Ein Geheimnis in einer Graskugel

    Auf die ganz großen Katastrophen im Leben kann man sich selten vorbereiten. Das geht nicht nur den Großen so, auch die Kleinen müssen solche Erfahrungen bewältigen. ANDREA ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter