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Montag, 27. März 2017 | 14:38

Alfonz: Interview mit dem Herausgeber Matthias Hofmann

19.09.2012

»Wir schauen auch um die Ecke«

Auf dem Comic-Salon in Erlangen hat die neue Comic-Sekundärzeitschrift Alfonz viel Aufsehen erregt. Es hat schon viele Versuche gegeben, solches Schreiben über Comics in der Szene und darüber hinaus zu etablieren. Derzeit erscheinen etliche Zeitschriften von der Sprechblase bis zum Comicgate-Magazin, aber ein wirklich tragfähiges, marktgängiges Konzept für diesen recht kleinen Markt hat noch keiner entwickelt. Die Macher der Edition Alfons, Matthias Hofmann und Volker Hamann, sind überzeugt, dies nun geschafft zu haben. Ein Interview mit Herausgeber Matthias Hofmann von ANDREAS ALT.

 

Wie seid ihr darauf gekommen, Alfonz zu machen?

 

Matthias Hofmann: Volker und ich, wir sind beide Magazinmacher. Ich habe schon mit 14 in der Science-Fiction-Szene mein erstes Fanzine herausgegeben, habe mich damals darum fast mehr gekümmert als um die Schule und bin zu Conventions auf der ganzen Welt gereist. Volker hat auch schon als Teenager angefangen, Magazine zu machen. Als wir Comic Report Online gestartet haben, habe ich mich gewundert, dass es so viele Themen gibt, die uns anspringen, und kein Mensch schreibt darüber. Wenn du dir die etablierten Blätter anschaust, ist das immer das gleiche gewesen – nichts Neues, nichts Innovatives, nichts Brauchbares für jemanden, der schnell einen aktuellen Überblick gewinnen will. Deshalb haben wir gesagt: Jetzt machen wir ein Magazin. Ein Jahr nach dem ersten Comic Report haben wir dieses Konzept auf der Buchmesse vorgestellt. Wir hatten sogar einen Dummy im Gepäck, um so etwas wie eine Nullnummer vorlegen zu können. Bei fast jedem Verlag waren die Leute beeindruckt, und viele waren gleich mit Anzeigen dabei. Bis heute gibt’s ziemlich breiten Zuspruch aus allen Ecken der Branche.


Ihr macht schon die Reddition (ein ungefähr zwei Mal im Jahr erscheinendes Magazin) und den Comic Report (ein Jahrbuch mit aktueller Nachrichten-Website) und habt beide einen regulären Job. Habt ihr für eine dritte Publikation noch locker Kapazität?

 

Locker vielleicht nicht. Wir fangen jetzt gerade mit der zweiten Ausgabe an, und wir sind beide sehr gut organisiert. Die Reddition ist zu 100 Prozent Volkers Baby. Ich koordiniere bei Alfonz den Inhalt oder erstelle die Seitenmatrix in Absprache mit Volker, mache den Rezensionsverteiler. Wir beide halten Kontakt mit den Verlagen und besuchen diese auch schon mal. Aber es stimmt: Ich komme von der Arbeit nach Hause und arbeite abends ein oder zwei Stündchen an Alfonz. Wenn ich etwas schreibe, habe ich das Grundgerüst schon im Kopf, wenn ich nach Hause fahre oder unter der Dusche stehe. Das macht mir einfach Spaß.

 

»Wir bieten bewusst gewichtete Informationen«

Was ist das inhaltliche Konzept von Alfonz?

 

Vor dem Comic Report gab es kein Sekundärwerk, das man zehn Jahre nach Erscheinen in die Hand nehmen kann und weiß, was 2012 gelaufen ist. Wer Alfonz liest, wird einen genauen Überblick bekommen, was es gerade an Neuerscheinungen gibt, aber es soll kein Werbeblatt sein, sondern bewusst gewichtete Informationen bieten. Die Leute sollen das Gefühl haben, sie wissen, was wichtig ist in der Fülle an Neuerscheinungen, die jeden Monat auf den Markt kommen. Wir wollen keine reine Auflistung, wie das andere machen. Momentan sind die Comic-Leser einfach überfordert. Wir studieren jetzt schon die Verlagsprogramme bis Weihnachten, und wir durchforsten die französischen und amerikanischen Originalausgaben. Es steckt ziemlich viel Vorauswahl und Recherche hinter einer Ausgabe von Alfonz.


Habt ihr einen bestimmten Lesertyp vor Augen, für den Alfonz hauptsächlich geschrieben ist?

 

Wir wollen, dass auch Außenstehende das Heft aufschlagen und sich für unsere Themen interessieren. In der nächsten Ausgabe kommen die Literaturcomics von Brockhaus vor, aber es geht nicht darum, wie ein Comic es schafft, einen Roman wie Robinson Crusoe adäquat umzusetzen. Die Bände sind von der UNESCO gesponsort worden und sollen als Schullektüre dienen. Wir haben daher an Gymnasien ein Experiment gemacht, die Bände in drei verschiedenen Klassen im Süden und im Norden verteilt und gefragt, ob die Schüler die Inhalte kennen, wie die Comics ankommen – quasi Feldforschung betrieben. Wenn jetzt die Frauen-Graphic Novels im Herbst bei Carlsen rauskommen, werden wir Frauen fragen: Würden Sie daraufhin weitere Comics lesen? Wir wollen auch einmal um die Ecke schauen und Themen anders aufbereiten.


Sind die Magazinbeiträge für Nicht-Comicfans nicht zu umfangreich und detailliert?

 

Das denke ich nicht. In der nächsten Ausgabe geht es zum Beispiel bei Wormworld darum, wie einer seine Idee in ganz verschiedenen Formen vermarktet. Das müsste jeden, der eine Idee hat, interessieren. Es werden acht Seiten, illustriert mit schönen Bildern. Der Wormworld-Schöpfer Daniel Lieske hat sogar ein Titelbild für uns gezeichnet. So etwas wollen wir auch forcieren: Die Titelbilder müssen die Leute am Kiosk anleuchten, interessant und möglichst exklusiv sein. Wir versuchen, etwas anderes auszuprobieren. Die meisten Artikel sollen nicht länger als drei oder vier Seiten werden. Das ermüdet sonst die Leser. Aber sie sollen auch nicht flach und banal sein.

 

»Am liebsten sind mir feuilletonistische Texte«

Ich habe den Eindruck, euch kommt es darauf an, das richtige Thema zu finden, das Thema richtig zu setzen, und nicht so sehr auf den Schreibstil.

 

Der Stil ist auch wichtig. Er muss modern und frisch sein. Wir arbeiten noch dran. Jeder hat seinen eigenen Schreibstil, aber bei uns wird an den Artikeln sehr viel gefeilt. Ich habe gerade einem Autor eine Rezension zurückgeschickt, weil sie zu viel Inhaltsangabe und zu wenig Bewertung enthielt. Wir tauschen auch Überschriften aus. Am liebsten sind mir feuilletonistische Texte, in denen auch mal ums Eck gedacht wird, wenn sie nicht zu abgehoben sind.


Welche Auflage strebt ihr an?

 

Sie ist höher als bei anderen Comic-Magazinen, die nicht über 3000 bis 4000 Stück liegen. Die Idee war, wenn wir die Comic-Branche erweitern und befruchten und nicht immer nur die gleichen Leute treffen wollen, dann müssen wir raus in den Bahnhofsbuchhandel. Für Special-Interest-Magazine sind 5000 Exemplare realistisch. Aber als unser Konzept vorlag, haben die Buchhandlungen mehr bestellt, als wir produzieren wollten. Wir hatten 2000 Hefte für den Comic-Fachhandel und 3000 für die 800 Verkaufsstellen des Presse- und Bahnhofsbuchhandels vorgesehen, aber haben dann mehr gedruckt: 6300. In der Gegend von Erlangen ist, wahrscheinlich wegen des Comic-Salons, auch mehr rausgegangen, als wir dachten. Mit der Auflage sind wir also aus dem Stand oben eingestiegen, und die zweite Auflage drucken wir jetzt in der gleichen Region. Das genaue Verkaufsergebnis der Nummer 1 bekommen wir erst Mitte September. Aber wir sind schon weit über unseren Kalkulationen, das heißt, wir brauchen die Rückmeldung gar nicht, sondern die nächsten vier Nummern sind im Prinzip schon finanziert. Man hat schon gemerkt: Ein solches Magazin hat gefehlt.

 

Spielt der Verkaufserlös für euch eine Rolle, oder finanziert sich das Heft doch größtenteils über die Anzeigen?

 

Es ist etwa 50:50 kalkuliert. Mit Anzeigen sind wir im Prinzip ausgebucht. Deshalb konnten wir bei der ersten Ausgabe 84 Seiten machen statt 68, wie angekündigt. Die Nachfrage bei der zweiten Ausgabe ist jetzt so groß, dass wir wieder 84 Seiten machen, damit das Verhältnis zu den redaktionellen Seiten stimmt. Wir haben wieder 16 bis 17 Anzeigenseiten und mussten gar nicht viel dafür tun. Es liegen sogar schon Anzeigenbuchungen für die übernächste Nummer vor, die kurz vor Weihnachten erscheinen wird. Durch die Anzeigen ist schon alles vorfinanziert.


Wie läuft der Vertrieb?

 

BPV macht den Exklusivvertrieb für den Bahnhofsbuchhandel, und PPM kümmert sich um den Fachhandel. Und dann haben wir noch Abonnenten.


Ihr zahlt den Autoren auch Honorare?

 

Ja, das geht nach Druckseiten. Weil wir neu sind, wollten wir mit den Honoraren nicht übertreiben, haben sie aber so gestaltet, dass wir im oberen Bereich dessen liegen, was in der Branche gezahlt wird. Auch Rezensenten bekommen einen kleinen Obolus. Oft müssen diese ja froh sein, wenn sie das Rezensionsexemplar bekommen.

 

»Manche Kleinverleger vertragen keine Kritik«

Es wurde allerdings bemerkt, dass die Rezensionen in Alfonz selten Verrisse sind. Seid ihr unsicher, wie viel Kritik ihr anbringen könnt?

 

Das kann ich komplett von mir weisen. Es gab durchaus Angebote: Wir schalten eine Anzeige, wenn ihr dies oder jenes besprecht. Aber wir schauen nur darauf, was auf den Markt kommt, egal, was ein Verlag sagt. Wir haben mit allen wichtigen Verlagen Gespräche geführt, und dabei ist klargestellt worden, dass wir Verrisse schreiben können, auch wenn wir die Comics gratis geschickt bekommen. Kleinverleger hängen allerdings mit ihrem Herzblut an ihren Publikationen, und manche vertragen keine Kritik, aber auch die sind auf den Trichter gekommen, dass das, was wir machen, solide und glaubwürdig ist.

 

Es ist so, dass wir die Comics hervorheben wollen, die interessant oder gut sind. Wir haben die Rubrik Die obligatorische Kampfszene mit einer negativen und einer positiven Meinung zu einer Veröffentlichung, das war diesmal Der Wüstenfalke (comicplus+). Es gibt bei fast jedem Verlag schlechte oder unnötige Comics. Aber ich habe schon gemerkt: Wir haben einfach den Platz nicht, der ist uns zu schade für Verrisse. Wir haben Ideen für eine Rubrik Comics, die die Welt nicht braucht oder eine Shit List. Aber das soll eher satirisch werden.

 

Welches Bild von Comics soll in Alfonz generell vermittelt werden?

 

Eine besondere Botschaft haben wir nicht. Wir wollen einfach darstellen, dass Comics sehr vielfältig sind und dass das Medium mit jedem anderen konkurrieren kann. Wir wollen auch zeigen, dass es viele crossmediale Anknüpfungspunkte gibt. Ansonsten wollen wir Spaß und interessante Inhalte vermitteln und das Thema nicht zu nerdig sehen, damit auch Leute, die mit Comics nichts am Hut haben, mal reinschnuppern. Und außerdem: Die einen lesen nur Mangas, die anderen nur Superhelden-Comics. Wir wollen diese Grenzen bewusst aufbrechen. Es gibt viel zu entdecken.

 

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Wie bist du von Science-Fiction zu den Comics gekommen?

 

Die Comic-Szene ist aus der Science-Fiction-Szene entstanden. Comic-Fans waren ursprünglich oft in Science-Fiction-Clubs. Bei mir war das ähnlich. Comics sind meine alte Liebe, aber in der Science-Fiction-Szene konnte ich kreativer sein, Fanzines machen. Ich war schon früh auf dem Erlanger Comic-Salon und auf der Kölner Comicbörse. Ich hatte damals mehrere Comic-Phasen wie die Zack-Phase, die Superhelden-Phase und so weiter. In der Science-Fiction habe ich irgendwann Ende der 90er Jahre gemerkt: Es gibt nur noch Serien, nur noch Kommerz, Trekkies und verkleidete Typen.

 

Die literarische Science-Fiction von Brian W. Aldiss, Gene Wolfe, John Brunner, Philip K. Dick oder Dan Simmons geriet mehr und mehr ins Hintertreffen. Und parallel haben mich die Comics als eigenes Medium zu interessieren begonnen über die Lektüre und das Sammeln hinaus. Aber nichts gegen Trekkies oder Leute, die sich verkleiden, einige meiner besten Freunde sind mit Spock-Gruß und Klingonen-Wörterbuch unter dem Arm umhergelaufen. Und Cosplay hat definitiv was Faszinierendes fürs Auge des Betrachters.

 

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