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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 03:51

    Graphic Novels bei Jacoby & Stuart

    05.09.2012

    Editorische Grauzonen und randständige Themen

    Seit die sogenannte Graphic Novel in aller Munde ist, wollen viele deutsche Verlagshäuser nicht ohne den einen oder anderen Comic-Titel im Programm auskommen. CHRISTIAN NEUBERT hat die Graphic Novel-Sektion von Jacoby & Stuart unter die Lupe genommen.

     

    Zur Aufwertung, Abrundung und Vervollständigung ihres Programms – oder einfach nur, um sich nicht vorwerfen zu müssen, einen Trend verpasst zu haben – fahren die Verlage unterschiedliche Strategien. Das ehrwürdige Verlagshaus Suhrkamp zum Beispiel lässt Adaptionen eigener Titel von deutschsprachigen Zeichnerinnen und Zeichnern anfertigen. Eichborn dagegen verlässt sich mit der Edition aktueller Werke von Clowes und Mazzucchelli auf große Namen. Andere tun es etablierten deutschen Comicverlagen wie Reprodukt gleich – und sehen sich einfach die internationale Szene an.

     

    Zur letztgenannten Gruppe zählt der in Berlin ansässige Verlag Jacoby & Stuart. Dieser hatte bereits diverse an Kinder adressierte Comics im Programm, bis er seinen ersten als Graphic Novel ausgewiesenen Band veröffentlichte, nämlich das ursprünglich für die FAZ realisierte Projekt Die Dudenbrooks, das ehrgeizige Unternehmen der Schabkartonkünstlerin Line Hoven und des Autors Jochen Schmidt ein Band, der eher im weiteren Sinne als Comic aufgefasst werden kann.

     

    Aktuell befinden sich im Programm von Jacoby & Stuart einige weitere mit dem Etikett Graphic Novel versehene Titel, die in einem erzählerisch und graphisch experimentellen Gewand daherkommen, gleichsam aber über das ihnen zugewiesene Etikett hinausweisen – oder, um es bösartig auszudrücken: diesem nicht gerecht werden. Immerhin hat sich die Ansicht festgesetzt, bei einer Graphic Novel handele es sich um einen anspruchsvollen Comic mit einem Inhalt, der sich an ältere Jugendliche oder Erwachsene richtet.

     

    Niemandsland

    Ein solches Werk ist Niemandsland des französischen Künstlers Blexbolex. Der durch seine Kinderbücher bekannt gewordene Künstler erzählt hier die düster-surreale Endzeitvision eines immerwährenden Kampfes, die man sowohl als Parabel auf die Menschheitsgeschichte als auch, etwas weiter gefasst, auf die allgemeine Absurdität des Seins lesen kann. In seiner Expressivität und ein Stück weit auch inhaltlich rangiert der Band zwischen der Prosa eines Carl Einstein oder Kurt Schwitters, Godards cineastischer Endzeit-Farce Weekend und Bukowskis verstörend-deprimierendem Gedicht Finish.

     

    Inszeniert ist Niemandsland als illustrierter Prosatext. Zur Untermalung des Szenarios hat Blexbolex auf jeder Buchseite ein großformatiges Bild für wenige Textzeilen beigesteuert. Diese Bilder erinnern an gängige Schablonen-Arbeiten vieler Street Art-Künstler. Durch die Bilder auf gelungene Weise komplettiert, mit doppelt gefaltetem Klappenbroschur ausgestattet und mit Leinen gebunden, ist Niemandsland nicht nur eine eindringlich erzählte und spannende Geschichte, sondern auch ein wunderschön editiertes Buch. Auch wenn es keine Graphic Novel ist, denn: erwachsen und anspruchsvoll – ja, Comic – nein. Schließlich illustrieren hier die Bilder lediglich das Geschilderte, ohne es voranzutreiben.

     

    Im Land der verlorenen Erinnerung

    Ähnliche Wege beschreitet Im Land der verlorenen Erinnerungen, die gemeinsame Arbeit des frankokanadischen Zeichners Stéphane Poulin und des in Paris lebenden Autors Carl Norac. Auch bei diesem Werk handelt es sich um eine gleichnishafte Endzeitvision in einem Prosagewand, das durch einen Gürtel aus Bildern zusammengehalten wird. Die eindrucksvollen Ölzeichnungen Poulins wirken wie alte Polaroid-Aufnahmen und lassen sich, wie auch der Text der Erzählung, dem magischen Realismus zuordnen. In der märchenhaften Geschichte geht es um die Verfolgung von Katzen in einer Welt, in der Hunde das Sagen haben, was sich natürlich als Allegorie auf reale Herrschaftsverhältnisse lesen lässt.

     

    Der kaltschnäuzige, aber warmherzige Held der Erzählung wacht in einem Krankenhaus auf – komplett einbandagiert und ohne jede Erinnerung an sein bisheriges Leben. Seine Umwelt entpuppt sich schnell als Ort der Unterdrückung von Fantasie und Vielfalt. Zweifel, Hoffnung und nicht zuletzt die Erscheinung eines Einhorns erwecken in dem Amnesie-Patienten allerdings die Idee, dass ihm in dem Polizeistaat, der sein Zuhause ist, die Erlöserrolle zuteilwerden soll.

     

    Inszeniert ist die zugegebenermaßen etwas vorhersehbare Geschichte als Hybrid von Literatur und Comic. Der Großteil der Erzählung ist ein Fließtext, dessen märchenhafte Züge durch die ihn begleitenden Bilder in einer Traumrealität verankert werden. Zwischendurch bricht der Text jedoch immer wieder ab, und der Inhalt wird dann ausschließlich durch Comic-gemäße Bilderfolgen vermittelt. Das Funktionieren dieses Erzähl-Experiments wird dabei vor allem durch die handwerklich tadellosen Zeichnungen gewährleistet, da Poulin hier eine Meisterschaft erreicht, die den Leser mit gewissen Schwächen, die das Werk auf der narrativen Seite hat, versöhnt.

     

    Auch dieses Werk ist also in einer Grauzone zwischen Prosastück und Comic angesiedelt und insofern keine reine Graphic Novel. Da es bei Im Land der verlorenen Erinnerung jedoch ohnehin um das Überschreiten von Grenzen geht, ist die von den Machern gewählte Erzählform nur konsequent.

     

    Rosa Winkel

    Eine »richtige« Graphic Novel, da ein richtiger Comic, ist der französische Band Rosa Winkel aus der (Schreib-)Feder von Michel Dufranne und der (Zeichen-)Feder von Milorad Vicanovi. Bei dem Werk handelt es sich um ein Weltkriegsdrama, dass das Schicksal einer von der Geschichtsschreibung lange vernachlässigten Gruppe von Verfolgten während des NS-Regimes thematisiert, nämlich das der Homosexuellen.

     

    Die Geschichte um einen schwulen Werbezeichner im Berlin der Dreißiger, der Plakate für die aufstrebende NSDAP anfertigt und keinen Hehl daraus macht, Juden nicht zu mögen, verstrickt auf gelungene Weise historische Ereignisse mit einer fiktiven Handlung. Es tut dem Comic gut, sich in erster Linie auf die Jahre 1932 bis 1937 zu besinnen, in der sowohl der Protagonist als auch das geschichtliche Setting gründlich ausgeleuchtet werden – wohl wissend, dass bei der Darstellung der Gräuel des KZ-Alltags in den meisten Fällen eher auf die Suggestion des Lesers gesetzt werden sollte, wenn der Versuch unternommen wird, diese in irgendeiner Form aufzuarbeiten. Leider befriedigen Versuche, die dies durch ein »Draufhalten« erreichen wollen, in erster Linie ja einen fehlplatzierten Voyeurismus, ob gewollt oder nicht.

     

    Aufgrund seines Sujets muss sich Rosa Winkel natürlich mit dem 2010 erschienenen, viel beachteten Comic Insel der Männer von Luca de Santis und Sara Colaone messen. Schließlich behandeln beide Bände das Schicksal Homosexueller im Zweiten Weltkrieg und ähneln sich daneben noch in ihrer erzählerischen Struktur, bei der die vordergründige Handlung in eine in die Gegenwart verweisende Rahmenerzählung gebettet wurde. Aufgrund der Qualität beider Werke ist eine solche Gegenüberstellung allerdings müßig.

     

    Was die narrative Leistung der Autoren betrifft, wird man den trefflich erzählten Band Insel der Männer eventuell als Sieger aus diesem Vergleich hervor treten lassen müssen, obwohl auch Dufranne es versteht, eine Geschichte packend zu inszenieren. Dafür kann Rosa Winkel auf der graphischen Seite punkten. Zwar ist auch Insel der Männer durch Colanones kantigen Strich schön in Szene gesetzt, aber Vicanovis Zeichnungen fangen die historischen Hintergründe und die Gesichter der Protagonisten mit einem an Isabel Kreitz erinnernden Realismus und mit viel Plastizität ein. Die bunten Farben der im Frankreich der Gegenwart angesiedelten Rahmenhandlung weichen schnell der eintönig kolorierten Binnenerzählung, die in »die braunen Jahre« und in »die schwarzen Jahre« eingeteilt ist und mit entsprechenden Farbstufen aufwartet. Die Farbwahl wird auf diese Weise nicht nur zum narrativen Element, sondern zu einem geeigneten Vehikel, um die Stimmung des Bandes auf gelungene Weise zu transportieren.

     

    Alles in allem ist jeder der drei Bände, die bei Jacoby & Stuart als Graphic Novel angeboten werden, eine Empfehlung wert – auch, wenn man nur bei Rosa Winkel wirklich eine Graphic Novel erwarten darf. Es scheint, als ob der Begriff nicht nur dafür taugt, um hierzulande den Comic als Kunstform zu etablieren, sondern auch dafür, um Werke, die man nur schwer einer Schublade zuordnen kann, mit einem verkaufsfördernden Prädikat zu versehen. Schön, wenn´s funktioniert.

     

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