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Jeff Lemire: Sweet Tooth

25.07.2012

The Walking Hybrid

Sweet Tooth von Jeff Lemire zeigt eindrücklich, dass einprägsame Figuren wichtiger sind als ein origineller Plot. BORIS KUNZ über seine Freundschaft zu einem Jungen mit Hirschgeweih.

 

Es ist schon wieder passiert: Eine Katastrophe, wie so oft in der Gestalt einer geheimnisvollen Seuche,  hat die Menschheit heimgesucht, die Zivilisation vernichtet und ein Trümmerfeld hinterlassen, in dem die letzten Überlebenden verzweifelt gegen ihr Schicksal ankämpfen. Gerade im Zeitalter der großen Zombie-Revivals ist dem eingefleischten Populärkulturkonsumenten ein solches postapokalyptisches Szenario nicht mehr besonders fremd. Was also hat die Serie Sweet Tooth dem Genre hinzuzufügen, dass die Fans derart von ihr schwärmen?

 

Der Apokalypse die Hörner aufsetzen

Gus ist ein neunjähriger Junge, der mutterseelenallein mit seinem Vater in einer einsamen Hütte im Wald aufwächst. Gus hat den Wald um die Hütte noch nie verlassen, ist niemals mit anderen Menschen in Berührung gekommen. Und Gus hat im wahrsten Sinne des Wortes »Rehaugen«, spitze Ohren und ein Geweih. Er gehört zu den Hybriden – zu jenen Mischlingskindern aus Mensch und Tier, die seit dem Ausbruch der Seuche geboren wurden und als einzige gegen die merkwürdige Krankheit immun sind, die früher oder später jeden normalen Menschen trifft und damit der Menschheit sukzessive ein Ende macht. Hybriden sind begehrt – allerlei Jäger und zwielichtige Gestalten manchen aus dubiosen Gründen Jagd auf sie und wollen sie in die Finger bekommen. Deswegen hat der Vater Gus immer eingebläut, ja niemals den Wald zu verlassen, sich den Menschen nicht zu zeigen. Nur so würde ihm ein schreckliches Schicksal erspart bleiben.

 

Doch als der Vater schließlich stirbt, stellt Gus fest, dass ihn auch ohnedies ein schreckliches Schicksal erwartet, nämlich ein Leben in vollkommener Einsamkeit. Um dem zu entkommen, schließt er sich eines Tages in blinder Vertrauensseligkeit dem alten Jepperd an, einem grauhaarigen, einsamen Wolf (diesmal nur im übertragenen Sinne), der ihm bei einem Überfall durch gemeine Jäger das Leben rettet und ihm anbietet, ihn in das »Reservat« zu bringen, den einzigen Ort, wo Wesen wie er in Sicherheit seien.

 

Das erste Album der neuen Reihe des gefeierten kanadischen Zeichners Jeff Lemire beschreibt die Reise von Gus und Jepperd zu diesem Reservat und lebt vor allen Dingen (wenn nicht ausschließlich) von der Spannung zwischen diesen beiden Figuren. Jepperd, laut Lemire von Marvels Punisher inspiriert, ist alles andere als eine vertrauenswürdige Gestalt, und das einzige, was für ihn spricht ist die Tatsache, dass er sich nicht einmal Mühe gibt, diesem Eindruck entgegenzuwirken. Gus ist hin und hergerissen zwischen den Warnungen seines Vaters und seinem sehnlichen Wunsch, eine neue Vertrauensperson zu finden, einer neue Vaterfigur folgen zu können. Mit einer trotzigen und kindlichen Entschlossenheit ignoriert er daher sämtliche warnenden Hinweise, dass sein Vertrauen zu Jepperd der größte Fehler seines jungen Lebens sein könnte.

 

Lone Wolf and Gus

Was den beiden auf ihrer Reise noch so alles zustößt, ist eigentlich nicht weiter spektakulär – vor allem dann nicht, wenn man beispielsweise mit The Walking Dead vertraut ist oder Cormac McCarthys Roman The Road gelesen hat. Verglichen mit den Grausamkeiten und Schrecken, die hier ein Vater und ein Sohn auf ihrer Reise durch ein postapokalyptisches Amerika erleben, ist das meiste, was Gus und Jepperd zustößt, relativ harmlos bzw. es wird zumindest ohne bedeutenden Tiefgang erzählt. Natürlich haben auch die Helden von Sweet Tooth eine Reihe unerfreulicher und blutiger Begegnungen mit degenerierten Exemplaren der Gattung Mensch zu absolvieren, doch diese Begegnungen sind weder so geschrieben noch so gezeichnet, dass sie einem als Leser wirklich an die Nieren gehen. Die Stationen auf dem Weg von Gus und Jepperd sind mehr oder weniger die, die man auch erwartet, die Begegnungen mit anderen Figuren bleiben kurz und keiner davon ist es vergönnt, mehr als eine Facette zu zeigen oder ein weiterer fester Baustein des Figurenensembles zu werden.

 

Lemire bleibt ganz bei seinen zwei Hauptfiguren. Denen aber hat er mit seinen groben, kantigen, manchmal im Skizzenhaften verharrenden Zeichnungen eine gehörige Portion Leben eingehaucht. Das Erzähltempo ist unaufgeregt, ruhig und nimmt sich viel Zeit für das Zwischeneinander des seiner Liebe zu Schokoriegeln wegen »Sweet Tooth« genannten Hirschjungen und seiner ambivalenten Vaterfigur. Die Actionpassagen werden in klaren, übersichtlichen Montagen relativ schnell abgehandelt, die Dialogszenen, die zurückgelegten Wegstrecken und die Ängste von Gus, die sich in alptraumhaften Bildern manifestieren – das sind die Dinge, die den Zeichner wirklich interessieren. Immer wieder und wieder erkundet er die zerfahrenen Gesichtszüge Jepperds mit den tief eingegrabenen Falten oder die Hoffnungen und Ängste hinter den großen Rehaugen von Gus. Zu loben ist auch die besonders stimmungsvolle Farbgebung von José Villaruba, die den groben Zeichnungen eine zusätzliche, beinahe filmische Qualität verleiht.

 

Das Ende vom Lied ist dann ein Cliffhanger, der einen als Leser gleich in zweifacher Hinsicht kalt erwischt; zum einen kommt er etwas früher als erwartet, er wirkt nicht über irgendeinen gemeinen Schockeffekt oder eine unerwartete Wendung, sondern schlicht und ergreifend dadurch, dass er all die Fragen, die sich einem während des Albums gestellt haben, mehr oder weniger unbeantwortet in der Schwebe lässt. Zum anderen stellt man genau dadurch fest, wie sehr Lemires Rechnung aufgegangen ist: Gus und Jepperd haben längst ihren Weg ins Herz des Lesers gefunden. Und genau jetzt, wo man nach der langen Reise der beiden zum ersten Mal an einem Punkt ankommt, an dem angesichts ihres Schicksals eine Träne im Augenwinkel oder ein Kloß im Hals spürbar werden könnte, genau jetzt werden sie einem weggenommen und man wird auf das nächste Album vertröstet.

 

Da in den USA allerdings bereits vier weitere Bände erschienen sind, darf man darauf hoffen, dass die deutsche Veröffentlichung nicht lange auf sich warten lassen wird. Und ich habe das Gefühl, dass das, was am Ende auf der anderen Seite des Maschendrahtzauns lauert, einen noch genug mitnehmen wird.

 



 

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