Die Apokalypse, vom Standpunkt des Analysten aus gesehen
Supergod von Warren Ellis schließt unmittelbar an Watchmen bzw. die Figur des Dr. Manhattan an und stellt im Grunde die Frage: Was wäre, wenn nicht nur die USA ihren Dr. Manhattan gehabt hätten? Was wenn es, ähnlich wie mit Atomwaffen, ein Wettrüsten verschiedener Nationen um den ultimativen Übermenschen gegeben hätte? Die Antworten, die Ellis darauf gibt, fallen entsprechend konsequent aus. Die Bilder, die er den talentierten Zeichner Garrie Gastonny heraufbeschwören lässt, ebenfalls. Es ist, als füge Ellis endlich zusammen, was zusammengehört: Die Ikonographie von Superman und Dr. Manhattan trifft auf aktuelle politische Feinbilder und auf religiöse Symbolik. In gigantischen Geheimlaboren im Irak, Iran und Pakistan entstehen Superwesen, die aussehen wie Shiva, Buddha und Odin. So konsequent das auch gedacht ist, so wenig neu ist es aber auch.
So kommt es, dass das, was eigentlich eine superbombastische Story von menschlicher Hybris, von Krieg und Frieden im 20. Jahrhundert, von der Apokalypse und der Sehnsucht nach Gott ist, in einer gerade ein Trade Paperback langen Miniserie auch schon wieder auserzählt ist. Ein britischer Geheimdienstwissenschaftler (die einzige menschliche Figur im gesamten Comic) führt in einem langen Monolog die verschiedenen Superwesen inklusive ihrer Entstehungsgeschichte ein – und wie für Ellis typisch stehen hier intelligente psychologische und metaphysische Exkurse, nichtssagender, aber gut klingender Technobabble, Popkulturzitate und sarkastische Fäkalsprache nebeneinander und schaffen eine Atmosphäre übersteigerter Bedeutung, die gleichzeitig mit Zynismus heruntergespielt wird.
Alles nichts Neues also, wenn man The Authority oder Planetary vom selben Autor kennt. Doch da hatte man es noch mit Menschen zu tun. Hier nimmt Ellis den Übermenschen jede Menschlichkeit und reduziert sie auf Wirkprinzipien und physikalische Funktionen bzw. auf ihre symbolische Bedeutung. Atombomben auf zwei Beinen sozusagen. Am Ende verliert sich die Story dann in einem titanischen Gemetzel der Superwesen, das zwar beeindruckende visuelle Elemente enthält, ansonsten aber so abgehoben ist, dass man nicht mehr wirklich versteht, was da abläuft. Omnipotenz ohne menschliches Gesicht ist halt doch auch ein bisschen unspannend.
Kein Zweifel, Warren Ellis ist ein genialer Autor, doch hier hat er mehr einen beeindruckend illustrierten Essay als eine spannende Geschichte abgeliefert. Supergod ist gut gemacht, die Zeichnungen stimmen, der Dialog liest sich gut, die Motive sind einprägsam, und wäre diese Miniserie etwa zwei Jahrzehnte früher entstanden, wäre sie eine richtige Sensation gewesen. Auch heute hätte sie noch das Zeug zu einem vielschichtigen Thriller gehabt, doch dann hätte man den Geheimdienstplot und die Haltungen der beteiligten Wissenschaftler auserzählen müssen.
Doch Ellis versucht, von der Gottessehnsucht der Menschen zu erzählen, indem er von den Göttern, nicht von den Menschen erzählt. So bleibt Supergod eine Variation nach Motiven von Alan Moore, die auch den Untertitel tragen könnte: »Was ich übrigens zum Thema Superhelden (aka Superwaffen) abschließend sagen wollte.« Es ist ein opulentes Gemälde des sprichwörtlichen Elefanten im Raum – von dem wir aber alle irgendwie schon immer gewusst haben, dass er da ist, und der genauso aussieht, wie wir ihn uns vorgestellt haben.