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    Samstag, 29. April 2017 | 11:30

    Ellis / Gastonny: Supergod

    18.07.2012

    Der Gott aus dem Atom

    Mit Supergod deutet Warren Ellis Superhelden-Comics als metaphorische Auseinandersetzung mit »göttlicher« Macht unter den Bedingungen des Atomzeitalters. BORIS KUNZ hat sich ein bisschen umgesehen und festgestellt, dass dieser Gedanke nicht unbedingt neu ist.

     

    Beginnen wir daher diese Betrachtung mit einem kleinen Exkurs. Im Jahr 1938 kommt es sowohl in der Atomwissenschaft als auch in der Popkultur zu einem folgenschweren Durchbruch: Otto Hahn gelingt erstmals die Kernspaltung, und Jerry Siegel und Joe Shuster schaffen es endlich, die Geschichten um eine Figur namens Superman, an der sie seit mehreren Jahren herumgetüftelt hatten, in Action Comics Nr. 1 zu veröffentlichen. Die Folge: Atomkraftwerke, Atombomben, Superhelden-Comics.

     

    Könnte natürlich nur ein Zufall sein. Der Erfolg von Superman und seiner unzählbaren Epigonien ließe sich durchaus mit der gesellschaftlichen Bedeutung von Heldensagen und der psychologischen Resonanz pubertärer Allmachtsphantasien erklären. Und da ist natürlich noch ein weiterer Aspekt, der beispielsweise von der letzten Superman-Verfilmung von Bryan Singer überdeutlich betont wurde: Superman stammt aus dem Weltall, er ist nicht Clark Kent mit Superkräften, sondern Clark Kent ist Superman in menschlicher Verkleidung.

     

    Ein Mensch gewordener Gott – Superhelden als Ersatzreligion in einer immer säkularer werdenen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, deren Wissenschaft gerade dabei ist, die Existenz des Universums in klitzekleinste Bestandsteile zu zerlegen, ohne Gott darin zu entdecken. Was aber darin entdeckt wurde: eine gewaltige Kraft, im globalen Verhältnis schöpferisch, im humanen Maßstab jedoch beinahe unfassbar zerstörerisch.

     

    Amerikas Geheimwaffe: Superhelden und Atombomben

    Während im Zweiten Weltkrieg erst  in den amerikanischen Propaganda-Comics Superman oder Captain America gegen die Deutschen in den Kampf geschickt werden, bekommt Japan wenige Zeit später die zerstörerischen Kräfte der Atombombe zu spüren. Finden Phantasiegeschichten von menschlichen Gestalten mit göttlichen Fähigkeiten vielleicht deshalb so reißenden Absatz, weil die Menschheit Richtlinien braucht, wie sie mit ihren eigenen, neuerworbenen Superkräften umgehen soll?

     

    Dass diese Fähigkeiten düstere Schattenseiten haben, dass sie unsere Welt vergiften und unser Erbgut schädigen können, sickert nach und nach in die Bilderwelten der Superhelden ein. Supermans große Schwäche wird ein grün strahlendes Metall namens Kryptonit, radioaktive Strahlen verwandeln Astronauten in lebende Fackeln und Gestalten mit ziegelartiger Haut (Fantastic Four), Wissenschaftler in rasende Ungeheuer (Hulk) und Wissenschaftsnerds in Tierhybriden (Spiderman). Mit diesen Schöpfungen hat Marvel-Übervater Stan Lee das Kind schon lange beim Namen genannt, ehe dies die Supermanparodie aus dem Simpsons-Universum noch einmal in aller Deutlichkeit tut: Hier treten Radioactiveman und Fallout-Boy auf.

     

    Bereits einige Zeit vorher hat sich Alan Moore in seiner wegweisenden Graphic Novel Watchmen Gedanken darüber gemacht, welches die verschiedenen Aspekte sind, die uns an Superhelden so faszinieren, und diese in sechs Figuren aufgeschlüsselt. Bezeichnend ist, dass in Moores Comic nur eine davon wirkliche Superkräfte hat, also das Nicht- bzw. Übermenschliche des ganzen Genres allein in einer Figur auf den Punkt gebracht ist: in Dr. Manhattan – sinnigerweise nach dem Atombombenprojekt der Alliierten benannt.

     

    Zwar ist auch er durch einen klassischen Laborunfall entstanden, doch war seine Existenz von Anfang an eine militärische Geheimsache. Und wie Superman wurde er zunächst als Kriegswaffe der USA eingesetzt. Dr. Manhattan besitzt nahezu uneingeschränkte Superkräfte: Er kann an mehreren Orten gleichzeitig sein, in die Zukunft sehen, aus dem Nichts Dinge erschaffen oder vernichten, und der Preis, den er dafür zahlen muss, ist der Verlust seiner Menschlichkeit. In der Kinoadaption von Zack Snyder ist es dann bezeichnenderweise auch Dr. Manhattan, der am Ende als Nemesis gegen die gesamte Menschheit herhalten muss (was im Comic noch lovecraftsche Aliens übernahmen).

     

    Die Apokalypse, vom Standpunkt des Analysten aus gesehen

    Supergod von Warren Ellis schließt unmittelbar an Watchmen bzw. die Figur des Dr. Manhattan an und stellt im Grunde die Frage: Was wäre, wenn nicht nur die USA ihren Dr. Manhattan gehabt hätten? Was wenn es, ähnlich wie mit Atomwaffen, ein Wettrüsten verschiedener Nationen um den ultimativen Übermenschen gegeben hätte? Die Antworten, die Ellis darauf gibt, fallen entsprechend konsequent aus. Die Bilder, die er den talentierten Zeichner Garrie Gastonny heraufbeschwören lässt, ebenfalls. Es ist, als füge Ellis endlich zusammen, was zusammengehört: Die Ikonographie von Superman und Dr. Manhattan trifft auf aktuelle politische Feinbilder und auf religiöse Symbolik. In gigantischen Geheimlaboren im Irak, Iran und Pakistan entstehen Superwesen, die aussehen wie Shiva, Buddha und Odin. So konsequent das auch gedacht ist, so wenig neu ist es aber auch.

     

    So kommt es, dass das, was eigentlich eine superbombastische Story von menschlicher Hybris, von Krieg und Frieden im 20. Jahrhundert, von der Apokalypse und der Sehnsucht nach Gott ist, in einer gerade ein Trade Paperback langen Miniserie auch schon wieder auserzählt ist. Ein britischer Geheimdienstwissenschaftler (die einzige menschliche Figur im gesamten Comic) führt in einem langen Monolog die verschiedenen Superwesen inklusive ihrer Entstehungsgeschichte ein – und wie für Ellis typisch stehen hier intelligente psychologische und metaphysische Exkurse, nichtssagender, aber gut klingender Technobabble, Popkulturzitate und sarkastische Fäkalsprache nebeneinander und schaffen eine Atmosphäre übersteigerter Bedeutung, die gleichzeitig mit Zynismus heruntergespielt wird.

     

    Alles nichts Neues also, wenn man The Authority oder Planetary vom selben Autor kennt. Doch da hatte man es noch mit Menschen zu tun. Hier nimmt Ellis den Übermenschen jede Menschlichkeit und reduziert sie auf Wirkprinzipien und physikalische Funktionen bzw. auf ihre symbolische Bedeutung. Atombomben auf zwei Beinen sozusagen. Am Ende verliert sich die Story dann in einem titanischen Gemetzel der Superwesen, das zwar beeindruckende visuelle Elemente enthält, ansonsten aber so abgehoben ist, dass man nicht mehr wirklich versteht, was da abläuft. Omnipotenz ohne menschliches Gesicht ist halt doch auch ein bisschen unspannend.

     

    Kein Zweifel, Warren Ellis ist ein genialer Autor, doch hier hat er mehr einen beeindruckend illustrierten Essay als eine spannende Geschichte abgeliefert. Supergod ist gut gemacht, die Zeichnungen stimmen, der Dialog liest sich gut, die Motive sind einprägsam, und wäre diese Miniserie etwa zwei Jahrzehnte früher entstanden, wäre sie eine richtige Sensation gewesen. Auch heute hätte sie noch das Zeug zu einem vielschichtigen Thriller gehabt, doch dann hätte man den Geheimdienstplot und die Haltungen der beteiligten Wissenschaftler auserzählen müssen.

     

    Doch Ellis versucht, von der Gottessehnsucht der Menschen zu erzählen, indem er von den Göttern, nicht von den Menschen erzählt. So bleibt Supergod  eine Variation nach Motiven von Alan Moore, die auch den Untertitel tragen könnte: »Was ich übrigens zum Thema Superhelden (aka Superwaffen) abschließend sagen wollte.« Es ist ein opulentes Gemälde des sprichwörtlichen Elefanten im Raum – von dem wir aber alle irgendwie schon immer gewusst haben, dass er da ist, und der genauso aussieht, wie wir ihn uns vorgestellt haben.

     

     

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