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Andi Lirium: Pit reißt aus!
26.06.2012
Ab durch die Mitte
Nach seinem vielbeachteten Debüt Punkrock Heartland legt der Hamburger Comic-Autor Andi Lirium nach – mit Pit reißt aus! hat er ein neues Werk vorgelegt, das zwar sehr kurz, aber auch sehr kraftvoll ist. Von CHRISTIAN NEUBERT
Auch wenn das öffentliche Interesse in den letzten Jahren stark gewachsen ist – Comics nehmen in der deutschen Kulturlandschaft nach wie vor eine eher randständige Position ein. Und innerhalb der ohnehin recht überschaubaren Nische deutscher Comic-Schaffender (und -Leser) kann man den Hamburger Comic-Künstler Andi Lirium wohl noch zusätzlich mit einem Exotenstatus versehen. Denn auch, wenn sich sein Debüt Punkrock Heartland an keinen abgeschlossenen Adressatenkreis richtet – ein Comic, der zum einen im heruntergekommenen Milieu des Straßenpunk spielt und zum anderen einen Homosexuellen als Hauptfigur hat, findet gewiss eine eher spezielle Zielgruppe. Nicht umsonst hat der junge Hamburger sein Debüt beim Männerschwarm-Verlag herausgebracht, nachdem er bei den etablierten Comicverlagen abgeblitzt ist.
Bei Books on Demand (BoD) hat Andi Lirium nun seinen neuesten Streich herausgebracht – den mit 16 Seiten sehr kurzen Comic Pit reißt aus! Der kleine Comic hat zwar schon einige Jahre auf dem Buckel – der Hamburger hat ihn bereits als Achtzehnjähriger für einen Kinderbuchwettbewerb gezeichnet –, ist aber vor Kurzem erst vollständig in Reinzeichnung gebracht und fertig koloriert worden.
Alter Stoff, aber keinen Staub angesetzt
»Pit hat keinen Bock auf Schule. Also reißt er aus. Er trifft auf die Punker Karsten und Inga. In deren Wohnung nimmt er versehentlich LSD.« Dies sind die Worte, mit denen Andi Lirium seinen Comic auf der BoD-Homepage vorstellt. Lakonisch vorgetragene Worte, die ein eher drastisches Stück Leben beschreiben. Ein Minderjähriger Ausreißer, der aus Versehen an psychoaktive Substanzen gerät, ist nicht gerade der Stoff, aus dem ein herkömmlicher Grundschulalltag gestrickt ist.
Andi Lirium schildert die Geschichte rasant und trotz der geringen Seitenzahl mit ordentlichem Tiefgang. Denn auch wenn man kaum etwas bis gar nichts von den einzelnen Figuren an Informationen erhält, erscheint die Inszenierung stimmig und nachvollziehbar. Die ratlosen bis gleichgültigen Eltern, der gelangweilte Junge, die in einer Bruchbude hausenden Punks – man hat stets ernstzunehmende Figuren vor Augen.
Neben der Fähigkeit, lebendige Dialoge formulieren zu können, erwächst dieser Eindruck vor allem aus den gelungenen Zeichnungen. Andi Liriums Strich ist kantig und wenig filigran, die Gesichtszüge der Protagonisten sind reduziert und vereinfacht. Die Mimiken lassen aber jeweils ein breites Spektrum an Emotionen erkennen, wodurch die stilisierten Figuren ziemlich realistisch erscheinen.
Punk in den Panels
Insgesamt kommt der ganze Comic dabei durchaus punkig rüber. Dieser Eindruck ist, wie bereits bei Punkrock Heartland, der Bildmontage geschuldet, die die einzelnen Panels ohne Trennlinien aneinanderreiht und dabei collagenhaft überlappen lässt. Die bunte Kolorierung steht diesbezüglich dem Comic auch sehr gut zu Gesicht. Überhaupt erweist sich die graphische Gestaltung dem Erzählten gegenüber als sehr zweckmäßig, denn sie erscheint, obwohl für den Leser nie wirklich unübersichtlich, irgendwie »nicht in Ordnung« – so, wie Pit seinen Alltag betrachtet, und so, wie es seine Reaktion darauf ist.
Das Lesevergnügen ist bei 16 Seiten natürlich sehr kurz. Dafür ist Pit reißt aus! aber sehr dynamisch und konzentriert erzählt. Der kleinen Episode aus Pits Leben könnten auf diese Weise gut und gerne noch mehrere Kapitel folgen. Wer weiß, vielleicht legt Andi Lirium ja noch mal nach. Einen Wermutstropfen hält der Comic aber trotzdem bereit, nämlich seinen Preis. 16,80 Euro für 16 geheftete Comicseiten sind alles andere als preiswert. Diesbezüglich wäre der Comic in einer Anthologie vielleicht besser aufgehoben gewesen.
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