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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 22:38

    Interview mit »Mouse-Guard«-Macher David Petersen

    04.07.2012

    Dungeons and Mice: Über den Spielleiter von Mouse Guard

    Ich treffe David Petersen in einem kleinen Berliner Café am Prenzlauer Berg. Das Interview schließt direkt an eine Signierstunde im Comicladen „Comics and Graphics“ an. Mit dabei ist seine Frau Julia, die sich ab und zu zu Wort meldet. Beide waren vorher auf dem London Super Comic Con und wurden von Petersens deutschem Verleger (Cross-Cult) zu einer kurzen Signiertour durch Berlin und Leipzig eingeladen. Von JAKOB FRANZEN

     

    Herr Petersen, Sie sind zum ersten Mal in Deutschland, wie gefällt es ihnen soweit?


    Es ist toll bisher, aber ich habe aber noch nicht besonders viel von Berlin gesehen. Wir sind von London aus geflogen, weil ich dort auf einer Comic-Convention war, also habe ich zunächst einmal die Stadt vom Flughafen aus gesehen. Dann haben wir ein Taxi zum Hotel genommen und sind von dort aus direkt zur Signierstunde gefahren. Ich habe die Stadt also nur bruchstückhaft gesehen. Bisher kommt es mir aber sehr sauber vor und mich begeistert, wie häufig hier Züge fahren.

     

    Von was handelt Mouse Guard?


    Mouse Guard ist eine in einem fiktiven Mittelalter spielende Geschichte über Mäuse, sogenannte Wächter, deren Aufgabe es ist, andere Mäuse vor unterschiedlichen Raubtieren zu beschützen und die Wanderwege zwischen den unterschiedlichen, versteckten Mausstädten zu bewachen. Das Mouse Guard-Universum ist voll von Raubtieren, die eine direkte Gefahr für die Mäuse sind. Damit ein einziger Angriff nicht das ganze Mausvolk ausrottet, sind sämtliche Städte sowohl versteckt als auch voneinander getrennt worden. Das hat zur Konsequenz, dass die Mäuse in ihren eigenen Städten gefangen sind. Um trotzdem einen Transfer zwischen den einzelnen Städten zu ermöglichen, eskortiert die „Mouse Guard“ andere Mäuse, überbringt Botschaften und muss losziehen, um feindliche Raubtiere zu jagen und um die Wanderwege frei zu halten.

     

    Wie kommt man auf die Idee, schwertschwingende Mäuse zu zeichnen?


    Ursprünglich wurde ich von Disneys „Robin Hood“ inspiriert, einem animierten Spielfilm, bei der Robin Hood ein Fuchs und Little John ein Bär war. Ich mochte die Serie als Kind und als ich in der High School war, hatte ich die Idee, einen Comic zu machen, das im Mittelalter spielt, dessen Hauptcharaktere Tiere sind und das in Teilen die Geschichten verarbeitet, die ich mir ausgedacht hatte, als ich mit Freunden das Rollenspiel Dungeons and Dragons gespielt habe. Meine ersten Skizzen sahen so aus wie die Disney Robin Hood Figuren, sie hatten einen menschenähnlichen Körper mit  Tierpfoten und Tierköpfen. Ich zeichnete sie schon damals unterschiedlich groß, dachte  aber noch nicht über den Größenunterschied nach, den Tiere eigentlich haben.

     

    Später, im College, dachte ich darüber nach, die Tiere in unterschiedliche Rassen zu unterteilen, wie es vermutlich Tolkien gemacht hätte, um mir dann für jede Rasse eine eigene Kultur und eine eigene Hintergrundgeschichte auszudenken. Jede Rasse bzw. jedes Tier sollte seine eigentliche Größe haben. Ich stellte fest, dass sich meine Arbeit hauptsächlich um die Frage drehte, wie ich Mäuse in solch einem Universum am Leben erhalten sollte. Und so fing ich an, mich auf die Mauscharaktere zu konzentrieren.     

     

    Die deutschsprachigen Rezensionen von Mouse Guard scheinen von der Frage dominiert zu sein, ob Mouse Guard ein Comic für Kinder ist oder nicht. Schreiben und zeichnen Sie eher für Erwachsene oder für Kinder?


    Eigentlich schreibe ich für niemanden bestimmten. Selbst wenn ich nicht Mouse Guard, sondern etwas anderes machen würde, wäre es vermutlich nicht übermäßig gewalttätig und würde keine Schimpfwörter oder Sexszenen enthalten. Deswegen ist es natürlich auch für Kinder geeignet.

     

    Als ich herausfand, dass auch Kinder meine Comics lesen, hatte ich zuerst bedenken, ob bestimmte Vokabeln oder Inhalte zu schwierig wären. Aber ich habe mich jetzt dafür entschieden, mir darüber nicht allzu viele Gedanken zu machen. Das englische Wort „tyranny“ zum Beispiel kennen die meisten Kinder vermutlich noch nicht. Dennoch versteht jedes Kind, das mal auf einem Spielplatz geärgert wurde, einen älteren Bruder oder eine ältere Schwester hat, das Konzept von „tyranny“. Sie kennen einfach noch nicht die passende Vokabel.

     

    Haben Sie irgendwelche Präferenzen, was ihre eigenen Charaktere angeht?


    Eigentlich nicht. Allein schon, weil ich jeden Einzelnen entworfen habe. Außerdem beruhen einige Charaktere auf Freunden von mir. Und als Erzähler einer Geschichte hoffe ich natürlich, dass jeder Charakter wichtig für den Handlungsstrang ist. Selbst wenn es einen etwas anstrengenderen Charakter gibt, ist er immer noch ein Teil des Getriebes, den die Geschichte braucht, um zu funktionieren.

     

    Heißt das, es gibt keinen Hauptcharakter in Mouse Guard?


    Ich denke, das ist abhängig von welchem Teil der Serie wir sprechen. Liem, einen der Wächter, nehmen wir anfangs nur als einen von vielen Charakteren wahr. Im späteren Verlauf übernimmt er aber eine oder sogar die zentrale Rolle. Anfangs dachte ich, dass Mouse Guard drei Hauptcharaktere haben wird: Liem, Saxon und Kinzie. Dann entwickelte es sich ganz anders und Liem wurde immer wichtiger. Für die meisten Mouse Guard-Leser ist er wohl die Hauptfigur.
    Ich  persönlich stelle mir Mouse Guard eher als ein Ensemble vor, bei dem alle und alles zusammenarbeitet. Aber um noch mal auf die Frage nach der Präferenz zurück zu kommen: Ich habe viel Verständnis für Saxon, weil er auf einigen meiner weniger guten Eigenschaften beruht.

     

    In Mouse Guard trägt jede Maus einen Umhang in einer bestimmten Farbe. Hat die Farbgebung eine Bedeutung?


    Diese Farbsache ist entstanden, als ich noch Rollenspiele mit meinen Freunden aus der High School gespielt habe. Für jedes Comic haben wir Charaktere entworfen, die sich immer auf uns selbst bezogen haben. Egal ob es nun eine Science-Fiction Geschichte, im Stil von Star Trek oder Star Wars war, oder wir das Ganze in unserer Zeit haben spielen lassen, es gab immer einen David-Charakter, einen Jessie-Charakter und einen Mike-Charakter. Und ein einfacher Weg, um uns das zu visualisieren waren unsere Lieblingsfarben. Meine war zum Beispiel rot und Jessies war blau. Es war das Einfachste, einen Charakter zu konzipieren und ihm eine Rote Jacke oder ein blaues Halstuch umzuwerfen, um klar zu machen welcher Charakter zu wem gehört.

     

    In „Mouse Guard“ bekamen die Farben eine größere Bedeutung. Ich habe mir überlegt, für was die Farben üblicherweise stehen. Saxon hat einen roten Umhang als Zeichen von Agression und Wut. Kensie hat einen blauen Umhang und signalisiert dadurch Ruhe und Bedachtsamkeit. Viele Umhänge von Mäusen, die nicht mehr als ein oder zwei mal auftauchen, habe ich aber abhängig davon koloriert, was gut zum Hintergrund passt.

     

    Sie haben bereits Ihr Interesse an Rollenspielen erwähnt. Beeinflusst Ihre Erfahrung mit Rollenspielen Ihre Art Geschichten zu erzählen?


    Absolut. Damals als ich Spielleiter war, vergaß ich oft Regeln und musste die jeweiligen Spieler fragen, wie man dies oder das macht. Das führte meistens dazu, dass mir niemand mehr zutraute, das Spiel vernünftig zu leiten. Irgendwann bin ich dazu übergegangen, die Regeln zu ignorieren und das Ergebnis jedes Kampfes danach zu bestimmen, ob es zuträglich für die Handlung war oder nicht. Solche Spiele waren eher wie eine Konversation. Ich weiß, dass es bestimmte Freunde braucht, um so etwas zu tun. Wir vertrauten uns und alle wussten, dass ich sie fair behandeln würde. Keiner hat mir je vorgeworfen, dass ich jemanden bevorzuge oder benachteilige.

     

    Indem ich begonnen habe, mich von den Regeln zu verabschieden, konnte ich mich mehr auf die eigentliche Handlung konzentrieren. Und auf die gleiche Weise, wie ich die Spielleiter auf Trab gehalten habe, haben sie mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Ich hatte keine bestimmte Vorstellung, wo die Reise uns hinführen würde und lies mich eher von den einzelnen Spielern leiten, als dass ich sie in eine bestimmte Richtung geführt hätte.

     

    Würden sie sich als den Spielleiter von Mouse Guard bezeichnen?


    Ja! Und manchmal halten mich meine Charaktere in Bewegung, indem sie beginnen, Dinge zu tun, die ich nicht bedacht habe, obwohl ich ursprünglich dachte, ich weiß, wo es hingeht.

     

    Haben Sie zuerst damit begonnen, die Charaktere zu erarbeiten oder ging es zu Beginn erst einmal darum, eine Welt zu kreieren?


    Ich habe zuerst die Charaktere entworfen. Ich hatte zwar die grobe Idee, das Ganze in einem mittelalterlichen Setting spielen und die jeweiligen Tiercharaktere ähnlich groß werden zu lassen wie uns bekannte, echte Tiere, aber ich hatte noch keine Ahnung, wie die Welt aussehen würde, in der sich die Mäuse bewegen.

     

    Ich habe, wie in der High School auch, sofort damit begonnen einen David-Charakter, einen Jessie-Charakter und einen Mike-Charakter zu entwerfen. Unter anderem einfach deswegen, weil ich wusste, dass unsere Gruppe eine gute Dynamik hatte. Meine ursprüngliche Idee war ein Trio auszuarbeiten, dass aus „Saxon“, „Kenzie“ und „Rant“ bestand. „Rant“, der Mike nachempfunden ist, wurde dann später von einem anderen Charakter „Liem“ ersetzt. Ich will nicht behaupten, dass die Charaktere exakt so sind wie ich, Jessie oder Mike. Ich habe uns eher auf Charaktere mit drei, vier prägnanten Eigenschaften reduziert: Aggressiv, arrogant und hitzköpfig oder ruhig, bedacht und still oder vorsichtig und defensiv. Ich hatte die Idee, dass Saxon der Offensive, Rant der Defensive und Kenzie das Hirn, der Stratege der Gruppe ist. Die Schwäche des einen sollte die Stärke des anderen betonen und anders herum.

     

    Mir gefällt besonders, dass das Mouse Guard-Universum mit solch einer Liebe zum Detail konstruiert wurde. Haben Sie einen Lieblingsort?


    Mouse Guard ist meiner Heimat Michigan nachempfunden. Ich laufe in der Regel herum und suche Orte, die ich in die Geschichte einbringen möchte. Oder ich habe bereits eine Stelle im Kopf, die ich für eine Szene verwenden möchte, weil sie mir sehr wichtig ist. Eine von diesen Stellen ist der Strand, an dem ich meiner Frau den Heiratsantrag gemacht habe. Man könnte behaupten, ich habe mich eigentlich schon im Mouse Guard-Universum aufgehalten, bevor ich angefangen habe, es zu zeichnen. Was die Architektur von Orten angeht, die ich mir ausgedacht habe, mag ich vermutlich „Barkstone“ am liebsten.

     

    Neben ihrer Hauptserie ist eine Anthologie entstanden. Wie kamen Sie auf die Idee, Mouse Guard-Geschichten von Freunden in einer Sammlung herauszugeben?


    Um Bonusmaterial für meine späteren Mouse Guard-Hefte zu haben, habe ich zwei  Comiczeichner, Jeremy Bastian und Marc Smily, gebeten Pin-Ups zu zeichnen. Ich war so sehr von den Zeichnungen beeindruckt, dass mir sehr bald die Idee kam, die beiden zu bitten eine eigene Mouse Guard-Geschichte zu gestalten. Problematisch daran war, dass sie in eigene Projekte eingespannt waren, und sich kaum Zeit für ein ganzes Heft hätten nehmen können.

     

    Mit der Anthologie haben wir dieses Problem gelöst. Indem ich mit einem Geschichten-Wettbewerb im Mouse Guard-Universum eine Rahmenhandlung geschaffen hatte, in die jeder seine eigene Geschichte einbetten konnte, hielt sich der Arbeitsaufwand für den Einzelnen in Grenzen.

     

    Am Ende der Rahmenhandlung wählt eine Kneipenbesitzerin den Sieger des Geschichten-Wettbewerbs. War das auch Ihre Wahl?


    Nein. Der Geschichten-Wettbewerb war eigentlich nur eine Methode, um einen Rahmen für die Geschichten zu haben. Ich hatte zu Beginn meiner Arbeit einfach nicht mitbedacht, dass, wenn es einen Wettbewerb geben soll, es auch einen Gewinner geben muss. Alle Comicautoren waren mit mir befreundet und ich wollte keinen von ihnen kränken. Ich konnte das Problem dann doch lösen. Die Maus June, die Barkeeperin, die in dem Buch den Gewinner ernennt, basiert teilweise auf meiner Frau Julia. Das June Alley Inn, der Name der Kneipe, in der der Wettbewerb spielt, ist ein Wortspiel mit ihrem ersten und zweiten Namen Julia Lin. Also habe ich sie die Entscheidung treffen lassen. 

     

    Wie wird es mit Mouse Guard weitergehen?


    Momentan arbeite ich an der Hauptserie. Das nächste Heft wird Black Axe heißen und erzählt die Geschichte von Celanawe und wie er zum Helden der Schwarzen Axt wird. Es gibt eine Stelle in der Mouse Guard-Serie, an der Celanawe Liem verspricht, seine Geschichte zu erzählen. Da es nicht wirklich dazu kommt, hole ich das hiermit nach.

     

    Und für den zweiten Teil der Mouse Guard-Anthologie warte ich noch auf die Arbeiten der teilnehmenden Zeichner. Sobald ich mit der Black Axe-Prequel fertig bin, füge ich meine Seiten hinzu und gebe das Ganze in den Druck.

    Ich treffe David Petersen in einem kleinen Berliner Café am Prenzlauer Berg. Das Interview schließt direkt an eine Signierstunde im Comicladen „Comics and Graphics“ an. Mit dabei ist seine Frau Julia, die sich ab und zu zu Wort meldet. Beide waren vorher auf dem London Super Comic Con und wurden von Petersens deutschem Verleger (Cross-Cult) zu einer kurzen Signiertour durch Berlin und Leipzig eingeladen.

     

    Herr Petersen, Sie sind zum ersten Mal in Deutschland, wie gefällt es ihnen soweit?

    Es ist toll bisher, aber ich habe aber noch nicht besonders viel von Berlin gesehen. Wir sind von London aus geflogen, weil ich dort auf einer Comic-Convention war, also habe ich zunächst einmal die Stadt vom Flughafen aus gesehen. Dann haben wir ein Taxi zum Hotel genommen und sind von dort aus direkt zur Signierstunde gefahren. Ich habe die Stadt also nur bruchstückhaft gesehen. Bisher kommt es mir aber sehr sauber vor und mich begeistert, wie häufig hier Züge fahren.

     

    Von was handelt Mouse Guard?

    Mouse Guard ist eine in einem fiktiven Mittelalter spielende Geschichte über Mäuse, sogenannte Wächter, deren Aufgabe es ist, andere Mäuse vor unterschiedlichen Raubtieren zu beschützen und die Wanderwege zwischen den unterschiedlichen, versteckten Mausstädten zu bewachen. Das Mouse Guard-Universum ist voll von Raubtieren, die eine direkte Gefahr für die Mäuse sind. Damit ein einziger Angriff nicht das ganze Mausvolk ausrottet, sind sämtliche Städte sowohl versteckt als auch voneinander getrennt worden. Das hat zur Konsequenz, dass die Mäuse in ihren eigenen Städten gefangen sind. Um trotzdem einen Transfer zwischen den einzelnen Städten zu ermöglichen, eskortiert die „Mouse Guard“ andere Mäuse, überbringt Botschaften und muss losziehen, um feindliche Raubtiere zu jagen und um die Wanderwege frei zu halten.

     

    Wie kommt man auf die Idee, schwertschwingende Mäuse zu zeichnen?

    Ursprünglich wurde ich von Disneys „Robin Hood“ inspiriert, einer animierten Serie, bei der Robin Hood ein Fuchs und Little John ein Bär war. Ich mochte die Serie als Kind und als ich in der High School war, hatte ich die Idee, einen Comic zu machen, das im Mittelalter spielt, dessen Hauptcharaktere Tiere sind und das in Teilen die Geschichten verarbeitet, die ich mir ausgedacht hatte, als ich mit Freunden das Rollenspiel Dungeons and Dragons gespielt habe. Meine ersten Skizzen sahen so aus wie die Disney Robin Hood Figuren, sie hatten einen menschenähnlichen Körper mit Tierpfoten und Tierköpfen. Ich zeichnete sie schon damals unterschiedlich groß, dachte aber noch nicht über den Größenunterschied nach, den Tiere eigentlich haben. Später, im College, dachte ich darüber nach, die Tiere in unterschiedliche Rassen zu unterteilen, wie es vermutlich Tolkien gemacht hätte, um mir dann für jede Rasse eine eigene Kultur und eine eigene Hintergrundgeschichte auszudenken. Jede Rasse bzw. jedes Tier sollte seine eigentliche Größe haben. Ich stellte fest, dass sich meine Arbeit hauptsächlich um die Frage drehte, wie ich Mäuse in solch einem Universum am Leben erhalten sollte. Und so fing ich an, mich auf die Mauscharaktere zu konzentrieren.

     

    Die deutschsprachigen Rezensionen von Mouse Guard scheinen von der Frage dominiert zu sein, ob Mouse Guard ein Comic für Kinder ist oder nicht. Schreiben und zeichnen Sie eher für Erwachsene oder für Kinder?

    Eigentlich schreibe ich für niemanden bestimmten. Selbst wenn ich nicht Mouse Guard, sondern etwas anderes machen würde, wäre es vermutlich nicht übermäßig gewalttätig und würde keine Schimpfwörter oder Sexszenen enthalten. Deswegen ist es natürlich auch für Kinder geeignet.

    Als ich herausfand, dass auch Kinder meine Comics lesen, hatte ich zuerst bedenken, ob bestimmte Vokabeln oder Inhalte zu schwierig wären. Aber ich habe mich jetzt dafür entschieden, mir darüber nicht allzu viele Gedanken zu machen. Das englische Wort „tyranny“ zum Beispiel kennen die meisten Kinder vermutlich noch nicht. Dennoch versteht jedes Kind, das mal auf einem Spielplatz geärgert wurde, einen älteren Bruder oder eine ältere Schwester hat, das Konzept von „tyranny“. Sie kennen einfach noch nicht die passende Vokabel.

     

    Haben Sie irgendwelche Präferenzen, was ihre eigenen Charaktere angeht?

    Eigentlich nicht. Allein schon, weil ich jeden Einzelnen entworfen habe. Außerdem beruhen einige Charaktere auf Freunden von mir. Und als Erzähler einer Geschichte hoffe ich natürlich, dass jeder Charakter wichtig für den Handlungsstrang ist. Selbst wenn es einen etwas anstrengenderen Charakter gibt, ist er immer noch ein Teil des Getriebes, den die Geschichte braucht, um zu funktionieren.

     

    Heißt das, es gibt keinen Hauptcharakter in Mouse Guard?

    Ich denke, das ist abhängig von welchem Teil der Serie wir sprechen. Liem, einen der Wächter, nehmen wir anfangs nur als einen von vielen Charakteren wahr. Im späteren Verlauf übernimmt er aber eine oder sogar die zentrale Rolle. Anfangs dachte ich, dass Mouse Guard drei Hauptcharaktere haben wird: Liem, Saxon und Kinzie. Dann entwickelte es sich ganz anders und Liem wurde immer wichtiger. Für die meisten Mouse Guard-Leser ist er wohl die Hauptfigur.
    Ich persönlich stelle mir Mouse Guard eher als ein Ensemble vor, bei dem alle und alles zusammenarbeitet. Aber um noch mal auf die Frage nach der Präferenz zurück zu kommen: Ich habe viel Verständnis für Saxon, weil er auf einigen meiner weniger guten Eigenschaften beruht.

     

    In Mouse Guard trägt jede Maus einen Umhang in einer bestimmten Farbe. Hat die Farbgebung eine Bedeutung?

    Diese Farbsache ist entstanden, als ich noch Rollenspiele mit meinen Freunden aus der High School gespielt habe. Für jedes Comic haben wir Charaktere entworfen, die sich immer auf uns selbst bezogen haben. Egal ob es nun eine Science-Fiction Geschichte, im Stil von Star Trek oder Star Wars war, oder wir das Ganze in unserer Zeit haben spielen lassen, es gab immer einen David-Charakter, einen Jessie-Charakter und einen Mike-Charakter. Und ein einfacher Weg, um uns das zu visualisieren waren unsere Lieblingsfarben. Meine war zum Beispiel rot und Jessies war blau. Es war das Einfachste, einen Charakter zu konzipieren und ihm eine Rote Jacke oder ein blaues Halstuch umzuwerfen, um klar zu machen welcher Charakter zu wem gehört.

    In „Mouse Guard“ bekamen die Farben eine größere Bedeutung. Ich habe mir überlegt, für was die Farben üblicherweise stehen. Saxon hat einen roten Umhang als Zeichen von Agression und Wut. Kensie hat einen blauen Umhang und signalisiert dadurch Ruhe und Bedachtsamkeit. Viele Umhänge von Mäusen, die nicht mehr als ein oder zwei mal auftauchen, habe ich aber abhängig davon koloriert, was gut zum Hintergrund passt.

     

    Sie haben bereits Ihr Interesse an Rollenspielen erwähnt. Beeinflusst Ihre Erfahrung mit Rollenspielen Ihre Art Geschichten zu erzählen?

    Absolut. Damals als ich Spielleiter war, vergaß ich oft Regeln und musste die jeweiligen Spieler fragen, wie man dies oder das macht. Das führte meistens dazu, dass mir niemand mehr zutraute, das Spiel vernünftig zu leiten. Irgendwann bin ich dazu übergegangen, die Regeln zu ignorieren und das Ergebnis jedes Kampfes danach zu bestimmen, ob es zuträglich für die Handlung war oder nicht. Solche Spiele waren eher wie eine Konversation. Ich weiß, dass es bestimmte Freunde braucht, um so etwas zu tun. Wir vertrauten uns und alle wussten, dass ich sie fair behandeln würde. Keiner hat mir je vorgeworfen, dass ich jemanden bevorzuge oder benachteilige.

    Indem ich begonnen habe, mich von den Regeln zu verabschieden, konnte ich mich mehr auf die eigentliche Handlung konzentrieren. Und auf die gleiche Weise, wie ich die Spielleiter auf Trab gehalten habe, haben sie mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Ich hatte keine bestimmte Vorstellung, wo die Reise uns hinführen würde und lies mich eher von den einzelnen Spielern leiten, als dass ich sie in eine bestimmte Richtung geführt hätte.

     

    Würden sie sich als den Spielleiter von Mouse Guard bezeichnen?

    Ja! Und manchmal halten mich meine Charaktere in Bewegung, indem sie beginnen, Dinge zu tun, die ich nicht bedacht habe, obwohl ich ursprünglich dachte, ich weiß, wo es hingeht.

     

    Haben Sie zuerst damit begonnen, die Charaktere zu erarbeiten oder ging es zu Beginn erst einmal darum, eine Welt zu kreieren?

    Ich habe zuerst die Charaktere entworfen. Ich hatte zwar die grobe Idee, das Ganze in einem mittelalterlichen Setting spielen und die jeweiligen Tiercharaktere ähnlich groß werden zu lassen wie uns bekannte, echte Tiere, aber ich hatte noch keine Ahnung, wie die Welt aussehen würde, in der sich die Mäuse bewegen.

    Ich habe, wie in der High School auch, sofort damit begonnen einen David-Charakter, einen Jessie-Charakter und einen Mike-Charakter zu entwerfen. Unter anderem einfach deswegen, weil ich wusste, dass unsere Gruppe eine gute Dynamik hatte. Meine ursprüngliche Idee war ein Trio auszuarbeiten, dass aus „Saxon“, „Kenzie“ und „Rant“ bestand. „Rant“, der Mike nachempfunden ist, wurde dann später von einem anderen Charakter „Liem“ ersetzt. Ich will nicht behaupten, dass die Charaktere exakt so sind wie ich, Jessie oder Mike. Ich habe uns eher auf Charaktere mit drei, vier prägnanten Eigenschaften reduziert: Aggressiv, arrogant und hitzköpfig oder ruhig, bedacht und still oder vorsichtig und defensiv. Ich hatte die Idee, dass Saxon der Offensive, Rant der Defensive und Kenzie das Hirn, der Stratege der Gruppe ist. Die Schwäche des einen sollte die Stärke des anderen betonen und anders herum.

     

    Mir gefällt besonders, dass das Mouse Guard-Universum mit solch einer Liebe zum Detail konstruiert wurde. Haben Sie einen Lieblingsort?

    Mouse Guard ist meiner Heimat Michigan nachempfunden. Ich laufe in der Regel herum und suche Orte, die ich in die Geschichte einbringen möchte. Oder ich habe bereits eine Stelle im Kopf, die ich für eine Szene verwenden möchte, weil sie mir sehr wichtig ist. Eine von diesen Stellen ist der Strand, an dem ich meiner Frau den Heiratsantrag gemacht habe. Man könnte behaupten, ich habe mich eigentlich schon im Mouse Guard-Universum aufgehalten, bevor ich angefangen habe, es zu zeichnen. Was die Architektur von Orten angeht, die ich mir ausgedacht habe, mag ich vermutlich „Barkstone“ am liebsten.

     

    Neben ihrer Hauptserie ist eine Anthologie entstanden. Wie kamen Sie auf die Idee, Mouse Guard-Geschichten von Freunden in einer Sammlung herauszugeben?

    Um Bonusmaterial für meine späteren Mouse Guard-Hefte zu haben, habe ich zwei Comiczeichner, Jeremy Bastian und Marc Smily, gebeten Pin-Ups zu zeichnen. Ich war so sehr von den Zeichnungen beeindruckt, dass mir sehr bald die Idee kam, die beiden zu bitten eine eigene Mouse Guard-Geschichte zu gestalten. Problematisch daran war, dass sie in eigene Projekte eingespannt waren, und sich kaum Zeit für ein ganzes Heft hätten nehmen können.

    Mit der Anthologie haben wir dieses Problem gelöst. Indem ich mit einem Geschichten-Wettbewerb im Mouse Guard-Universum eine Rahmenhandlung geschaffen hatte, in die jeder seine eigene Geschichte einbetten konnte, hielt sich der Arbeitsaufwand für den Einzelnen in Grenzen.

     

    Am Ende der Rahmenhandlung wählt eine Kneipenbesitzerin den Sieger des Geschichten-Wettbewerbs. War das auch Ihre Wahl?

    Nein. Der Geschichten-Wettbewerb war eigentlich nur eine Methode, um einen Rahmen für die Geschichten zu haben. Ich hatte zu Beginn meiner Arbeit einfach nicht mitbedacht, dass, wenn es einen Wettbewerb geben soll, es auch einen Gewinner geben muss. Alle Comicautoren waren mit mir befreundet und ich wollte keinen von ihnen kränken. Ich konnte das Problem dann doch lösen. Die Maus June, die Barkeeperin, die in dem Buch den Gewinner ernennt, basiert teilweise auf meiner Frau Julia. Das June Alley Inn, der Name der Kneipe, in der der Wettbewerb spielt, ist ein Wortspiel mit ihrem ersten und zweiten Namen Julia Lin. Also habe ich sie die Entscheidung treffen lassen.

     

    Wie wird es mit Mouse Guard weitergehen?

    Momentan arbeite ich an der Hauptserie. Das nächste Heft wird Black Axe heißen und erzählt die Geschichte von Celanawe und wie er zum Helden der Schwarzen Axt wird. Es gibt eine Stelle in der Mouse Guard-Serie, an der Celanawe Liem verspricht, seine Geschichte zu erzählen. Da es nicht wirklich dazu kommt, hole ich das hiermit nach.

    Und für den zweiten Teil der Mouse Guard-Anthologie warte ich noch auf die Arbeiten der teilnehmenden Zeichner. Sobald ich mit der Black Axe-Prequel fertig bin, füge ich meine Seiten hinzu und gebe das Ganze in den Druck.

     

     

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    An sich ein schönes Interview, aber Ihr könntet Euch wirklich mehr Mühe geben, Eigennamen richtig zu schreiben. Das kommt sonst so dilettantisch rüber. Und Disney's "Robin Hood" ist ein Spielfilm, keine Serie. Übersetzungsfehler?
    | von Lenitas, 09.07.2012
    Schön, dass das Interview gefällt und allerbesten Dank für die Hinweise!
    | von Die Redaktion, 10.07.2012

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