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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 00:19

     

    Das Comic Clash Zelt auf dem Vorplatz - Zufluchtsstätte kreativer Zeichnerseelen
© C. Franz, 2012 Das Comic Clash Zelt auf dem Vorplatz - Zufluchtsstätte kreativer Zeichnerseelen
    © C. Franz, 2012

    Independent Comics

    14.06.2012

    Independent Underground Comix

    Alle zwei Jahre trifft sich in Erlangen die Crème de la Crème des deutschen Comics. Aber nicht nur die Großen werben hier um die Leser. Auch viele Klein- und Kleinstverlage sehen die Chance, ihre Comics aus heimischen Gefilden einem größeren Publikum nahe zu bringen. Ein persönlicher – und nicht ganz ernst gemeinter – Messe-Rundgang mit CHRISTOPHER FRANZ

     

    Gleich zu Beginn eine Einschränkung: Hier geht es nicht um sogenannte »Küchentischverleger«, also Ein-Mann-Betriebe wie Salleck Publications oder den Piredda Verlag, die hervorragende Arbeit machen und deren Leserkreis zumindest so groß ist, dass eine ordentliche Kalkulation möglich ist. Wir richten den Blick auf die vielen Fanzines, Zeichner und Künstlerkollektive, die die Comic-Szene erst so richtig bunt erscheinen lassen, und das obwohl viele von ihnen, teils aus Kosten- oder Zeitgründen oder einfach aus Mangel an Talent, nur in Schwarz-Weiß veröffentlichen. Sie bilden das Hintergrund, von dem die deutschen Zeichnerstars wie Isabel Kreitz und Simon Schwartz (siehe Artikel zur Preisverleihung) sich erst so richtig abheben.

     

    Derber Trash # 3 u. Weissblechs weltbeste Comics # 21 Bella Star
© Weissblech Comics Derber Trash # 3 u. Weissblechs weltbeste Comics # 21 Bella Star
    © Weissblech Comics

    Diese Künstler brauchen aber auch Verlage, die sich trauen oder verrückt genug sind, ihre Werke herauszubringen. Nicht wenige dieser Unternehmen sorgen mit ihrer ganz eigenen Mischung aus Anarchie und dem Willen zum Kommerz für den besonderen Charme, der einem in manchen Ecken des Comic-Salons begegnet. Verlage wie Weissblech also, die sich der gepflegten Erwachsenenunterhaltung verschrieben haben und mit ihren Heftchen zum gefühlten Weltmarktführer aufgestiegen sind. Der Verlag - dessen Homepage mein Antivirenprogramm lustigerweise als attackierende Seite identifiziert, die zu meiden ist - hat mit Titeln wie Derber Trash, Wollüstige Vampire aus dem Weltraum oder Geile Geister aus der Gruselgruft schon seit 20 Jahren so manchen Freak erfreut. Verleger und Hauptzeichner Levin Kurio durfte sich in diesem Jahr deswegen auch über den ICOM Independent-Comic-Preis in der Kategorie »Sonderpreis der Jury für eine besondere Leistung oder Publikation« freuen.

     

    Schwarwel: Seelenfresser. Glücklicher Montag Verlag u. Marijpol: Trommelfels. avant-Verlag
© Glücklicher Montag / avant Schwarwel: Seelenfresser. Glücklicher Montag Verlag u. Marijpol: Trommelfels. avant-Verlag
    © Glücklicher Montag / avant

    Die anderen Auszeichnungen dieses vom Interessenverband Comic e.V., dem Berufsverband der Comic-Zeichner, ausgelobten und sogar mit einem Preisgeld dotierten Preises gingen z.B. für den »Besten Independent Comic« an den Zeichner Schwarwel mit seinem Werk Seelenfresser – Erstes Buch: Liebe (erschienen bei Glücklicher Montag). Den Preis für ein »Herausragendes Szenario« durfte die junge Zeichnerin Marijpol für ihren Band Trommelfels, gar nicht mehr so »independent« erschienen beim Berliner avant-Verlag, entgegennehmen.

     

    Keiner rechnet mit Erfolg

    Zu den »Big Playern« gehören hier schon Verlage wie Gringo Comics oder Zwerchfell, die in der glücklichen Lage sind, mehr als ein Dutzend unterschiedliche Publikationen anbieten zu können. Zwerchfell legte nach einer gefühlten Ewigkeit endlich den vergriffenen ersten Band der erfolgreichen Zombie-Heimatserie Die Toten neu auf und erfreute den geneigten Leser auch gleich mit einer noch nicht ganz fertigen Erlangen-Special-Vorabversion von Band 3 (Was die wohl mal wert sein wird?).

     

    Stefan Dinter, Christopher Tauber u. Ingo Römling: Die Toten # 1. Zwerchfell Verlag
© Zwerchfell Verlag Stefan Dinter, Christopher Tauber u. Ingo Römling: Die Toten # 1. Zwerchfell Verlag
    © Zwerchfell Verlag

    Dabei wären wir auch schon beim größten Problem der Independent Comics. Vereinzelt auftretende Bestseller können nicht darüber hinweg täuschen, dass man sich immer wieder die Frage stellen muss: Wie kommen diese Comics zum Leser? Und wen interessiert das überhaupt? In Comic-Shops werden nur die wenigsten angeboten, für den Ladeninhaber ist es, so gern er auch anders wollen würde, absoluter wirtschaftlicher Unsinn, alles was irgendwo irgendjemand irgendwie gezeichnet hat ins Sortiment zu nehmen. Die Zeichner von Moga Mobo haben diese Situation erkannt und verschenken ihre Comics. Und das schon über 2.000.000(!) Mal.

     

    Abhilfe schafft da nur das Internet und so vertreiben viele ihre Werke über einen eigenen Shop. Einen guten Überblick und die Möglichkeit, dann doch in einen Kaufrausch zu verfallen, bietet der »ICOM Independent Comic Shop«, der auf seiner Seite ein reichhaltiges Angebot von über 2 500 Titeln anbietet. Aber auch der »Freibeutershop«, betrieben vom Verlag Schwarzer Turm, kann mit einer üppigen Auswahl überzeugen.

     

    Münchgesang, Aicke-Wulf Linsner: TERROR in the woodz. Hirntot Comix u. Bela Sobottke: Krepier oder Stirb. Gringo Comics
© Hirntot Comix / Gringo Comics Münchgesang, Aicke-Wulf Linsner: TERROR in the woodz. Hirntot Comix u. Bela Sobottke: Krepier oder Stirb. Gringo Comics
    © Hirntot Comix / Gringo Comics

    Zurück zum Comic-Salon und dazu, was man dort alles entdecken kann. Wenn man an den Ständen vorbei schlendert, sieht man allüberall die Zeichner tief gebeugt über einem Blatt Papier sitzen, ihren Bleistift und Filzer scheinbar nie aus der Hand legend (wie viele haben wohl die Heimreise mit einer Sehnenscheidenentzündung angetreten?), umgeben von Werken mit so skurrilen Titeln wie TERROR in the woodz (Hirntot Comix), Knochen Jochen oder Krepier oder Stirb (beide Gringo Comics).

     

    sbk83: Justine & Juliette. THENEXTART Verlag u. Michael Holtschulte: Tot aber lustig
© THENEXTART Verlag / M. Holtschulte sbk83: Justine & Juliette. THENEXTART Verlag u. Michael Holtschulte: Tot aber lustig
    © THENEXTART Verlag / M. Holtschulte

    Bei einer Autopsie der angebotenen Werke könnte man die Meinung gewinnen, die Männer zeichneten bevorzugt Titten – gern gesehen auch der Hardcore-Porno (Justine & Juliette; THENEXTART Verlag) –, die wenigen weiblichen Wesen hingegen haben sich dem Comic mit putzigen Tierchen verschrieben oder gehören zu der Gruppe, die, von Mangas inspiriert, selbst am liebsten Mangaka wären. Der dieses Jahr zum ersten Mal veranstaltete Manga-Markt am Samstag sollte dann auch laut Veranstalter »Manga-Künstlern eine Plattform bieten, ihre selbst herausgegebenen Manga-Magazine und selbst hergestellten Manga-Produkte [sic!] der Öffentlichkeit zu präsentieren«. Da der Markt in einer entlegenen Ecke des Vorplatzes versteckt war, fanden aber nur wenige Besucher den Weg dorthin. Hier besteht in zwei Jahren Verbesserungsbedarf. Wer weder Schmuddel noch Kitsch zeichnen will – oder kann –, der verschreibt sich dem Humor und vollbringt dort bisweilen, wie Michael Holtschulte mit Amoklauf in der Waldorfschule und Tot aber lustig, Überragendes.

     

    Krakelkomiks für die Massen

    Für wen das alles nicht das richtige ist, dem bleibt noch die Flucht in den zeichnerischen Dilettantismus – im besten Sinne! Wer braucht schon Hintergründe, Perspektive und Übergänge, wenn man eine Geschichte zu erzählen hat, die niemanden interessiert? So als wäre die Theorie des Erzählens im Comic von Will Eisner oder Scott McCloud nie verfasst worden, nähert sich so mancher – und das völlig unbewusst – mit seinen Arbeiten dem Expressionismus oder schlimmer noch der abstrakten Malerei. Comic-Zeichnen als Selbstverwirklichung und Therapie – aber immer charmant!

     

    Die Abrechnung mit den »Graphic Novels«, Der auf dem Salon verbreitete Krakelkomiks-Flyer von den Krakelkünstlern Bob, Doomfried, Neff und Zapf.
© www.armerarmin.wordpress.com Die Abrechnung mit den »Graphic Novels«, Der auf dem Salon verbreitete Krakelkomiks-Flyer von den Krakelkünstlern Bob, Doomfried, Neff und Zapf.
    © www.armerarmin.wordpress.com

    Passend dazu lag auf dem Salon ein wohl hoffentlich nicht ganz ernstgemeinter Flyer aus mit dem Titel »Was sind Krakelkomiks? – Ein kurzer Verriss«. Er fordert auf, auf die »Kunstkacke« der »Graphic Novels« zu verzichten und stattdessen lieber »simple, stimulisierende [sic!] Stories, gekrakelt von Krakelkomikkünstlern, dem Bodensatz der Kunst, für den nichtsnutzigen Nerd von Nebenan« zu kaufen. Und der Flyer hatte auch noch einen prima Tipp parat, den ich demnächst sicherlich beherzigen werde: »Falls ihnen die Krakeleien nicht gefallen, können sie auch einfach selber was dazu zeichnen…«.

     

    Ein weiterer Höhepunkt im Programm war der »Comic Clash« (siehe eigener Artikel), organisiert von Moga Mobo und Epidermophytie, an dem alle einheimischen Comic-Magazine teilnehmen durften/mussten. Voraussetzung: ein Heft zu dem Thema »Der Sinn des Lebens« zustande gebracht zu haben. Die 20 Teilnehmer des Finales stellten in Erlangen ihre Werke in einem Zelt auf dem Vorplatz zur Schau. Zudem durften sie ihr Können in Battles auf der großen Bühne messen und um die Gunst des Publikums buhlen. Dieses war begeistert von der Kreativität der Duellanten, wenn sie mit zwei Meter großen Stiften in 30 Sekunden Fritz the Cat oder Nick Knatterton aufs Papier zauberten.

     

    Niko Burger, Florian France, Huse Fack u.a.: Die Plesiosaurus Sonderhefte (ich liebe diesen Titel!)
© Niko Burger
Niko Burger, Florian France, Huse Fack u.a.: Die Plesiosaurus Sonderhefte (ich liebe diesen Titel!)
    © Niko Burger

    Eins meiner persönlichen Messe-Highlights hingegen war die Entdeckung einer im Rahmen des »Comic Clash« ausliegenden Publikation mit dem überzeugenden Titel Die Plesiosaurus-Sonderhefte. Das Heft beinhaltet laut Selbstaussage »kaum zumutbare Fantasy« und ist ein »Betätigungsfeld für Vertreter der bei klassischen Comic-Lesern größtenteils unbeliebten Stilrichtung „Caricature Brute“«. Ich war begeistert davon, wie die Macher es geschafft haben, so konsequent am Markt vorbei zu publizieren. Gekauft habe ich das Heft natürlich nicht. Wo kämen wir denn dann hin?!

     

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