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Copyright: Internationaler Comic-Salon Erlangen - Foto: Georg Pöhlein, 2012 Copyright: Internationaler Comic-Salon Erlangen - Foto: Georg Pöhlein, 2012

Rundgang im Comic Salon

14.06.2012

Gute Stimmung: Der Markt wächst noch!

Der Erlanger Comic-Salon ist jedes Mal ein bisschen anders und erfüllt doch jedes Mal die Erwartungen von 25 000 Besuchern. Die Comic-Macher waren diesmal mit der Stimmung auf dem Salon und ihren Verkäufen ausgesprochen zufrieden. ANDREAS ALT hat ermittelt, was in diesem Jahr das Besondere am Salon war und was seine Konstanten sind.

 

 

 

Copyright: Internationaler Comic-Salon Erlangen - Foto: Erich Malter, 2012 Copyright: Internationaler Comic-Salon Erlangen - Foto: Erich Malter, 2012

Die Lorenzo-Mattotti-Ausstellung im Palais Stutterheim löste einen gehörigen Schreck aus: Das war lediglich eine Wand mit wenigen Mattotti-Bildern, und die stand nicht einmal in einem eigenen, vom übrigen Betrieb im Haus abgetrennten Raum. Dabei gab es hier in der Vergangenheit zum Salon viele große, aufwändig inszenierte Ausstellungen von internationalen Comic-Künstlern. Allerdings ist das Palais in den vergangenen Jahren umgebaut worden und beherbergt nun unter anderem die Stadtbibliothek; die früheren Räume stehen für Ausstellungen nicht mehr zur Verfügung.

 

Ein alter Comic-Salon-Besucher kann die Sorge, das Festival könnte Sparmaßnahmen zum Opfer fallen, nicht mehr ganz abschütteln und sieht überall Indizien dafür. Dabei hatte Organisator Bodo Birk im Vorfeld glaubhaft versichert, der finanzielle Bestand des Salons sei schon seit 2010 kein Thema mehr. Und bei der Abschlusspressekonferenz verkündete ein kommunaler Kulturpolitiker, alle Erlanger Festivals seien nun zumindest für die nächsten drei Jahre gesichert.

 

Große geldbedingte Einschnitte wird es nicht geben. Es ist wohl eher so wie bei der ebenfalls relativ klein ausgefallenen Spider-Man-Ausstellung: Wie eine Comic-Heft-Serie hat der Salon jedes Mal einen etwas anderen Charakter, aber insgesamt ergibt sich eine lange Reihe immer ähnlicher Veranstaltungen mit jeweils dem gleichen Titellogo.

 

Maßgebliches Schaufenster der Comicszene

Das viertägige Festival bleibt das maßgebliche Schaufenster der deutschen, darüber hinaus der deutschsprachigen und ein wenig auch der internationalen Comic-Szene. Mangas waren wie immer etwas unterrepräsentiert, dennoch waren auch viele Verlage mit Manga-Schwerpunkt vertreten. Kurz vor Eröffnung des Salons hatte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bekannt gegeben, die Branche habe 2011 erstmals seit sieben Jahren ein Umsatzminus hinnehmen müssen.

 

In Erlangen erfuhr man die Zusatzinformation, die meist unter den Tisch gefallen war: Im Comic-Bereich - einem freilich kleinen Segment - wächst der Markt noch. Von Messeteilnehmern wurde dann auch bestätigt, die Verkäufe seien eindeutig besser als in den Vorjahren gewesen. Es sei nicht die übliche Besuchermentalität: „Warum soll ich für diese Comics Geld ausgeben?“ zu spüren gewesen, wie es Zwerchfell-Verleger Stefan Dinter ausdrückte.

 

Endlich herrschte unter den Messeteilnehmern nach eigenem Urteil eine freundschaftliche Atmosphäre und kein verbissener Konkurrenzkampf. Kein Wunder, wenn die Kasse stimmt. Man könnte aber wohl noch mehr fürs Geschäft tun. Dinter regte an, etwa die Deutsche Buchhandelsschule zum Comic-Salon einzuladen. „Dann würde ich auch einen Tag früher kommen“, sagte er. Mille Möller von Verlag Schwarzer Turm lobte die Organisatoren des Salons ausdrücklich: „Es ist sehr respektabel, dass die diesen Riesenstress schaffen und Sensationen wie die Winsor-McCay-Ausstellung auffahren.“

 

Copyright: Internationaler Comic-Salon Erlangen - Foto: Erich Malter, 2012 Copyright: Internationaler Comic-Salon Erlangen - Foto: Erich Malter, 2012

Frust in den Messe-Nebenräumen

Wenn man sich bei kleinen Verlagen erkundigte, kam aber ein altes Problem zum Vorschein. Ronald Markworth von „toonsup“ beklagte, er müsse für seinen Stand in einem Nebenraum die gleiche Miete zahlen wie in einer „1 A-Lage“. Er wollte nicht nur kritisieren und fügte hinzu: „Wir sind nicht hier, um Geld zu verdienen. Wir zahlen für den Spaß, den wir hier haben.“ Aber ungerecht fand er die ungestaffelten Mietpreise doch. Einige Independent-Magazine brachen allerdings in diesem Jahr mit einer großen Kraftanstrengung aus der Misere aus und verschafften sich mit dem „Comic-Clash“ auf dem Platz vor dem Kongresszentrum zusätzliche Aufmerksamkeit. Der Leipziger Comic-Zeichner Schwarwel versuchte etwas Ähnliches mit einem Comic-Bus auf dem Schlossplatz, den er von Besuchern bemalen ließ.

 

Und noch eine Information, die einem aus den Vorjahren bekannt vorkommt: Die Besucherzahl des Salons lag laut Birk leicht über 25 000, und es waren mehr Familien und Nicht-Comicfans da als in den Vorjahren. Tatsächlich konnte man auf der Nürnberger Straße hin und wieder Müttern mit kleineren Kindern begegnen, die nach dem Weg zum Kongresszentrum fragten. Man überprüft aber Birks Behauptung nicht, weil man als Comic-Nerd in Erlangen bevorzugt andere Nerds treffen und mit ihnen feiern will. Die Organisatoren wollen verständlicherweise nicht nur für diese Klientel da sein, aber die Funktion des Salons als zentraler Treffpunkt der Comic-Szene sollte man nicht unterschätzen. Da befruchten sich manche künstlerisch gegenseitig, hecken Projekte aus (auch wenn die vielleicht dann doch nicht realisiert werden), schließen neue Bekanntschaften, und dabei kommen auch die verschiedenen Szenen, in die sich die Comic-Szene unter ihrer Oberfläche gliedert, etwas näher in Kontakt.

 

Große Zeichnerstars fehlten eher

Mindestens ebenso wichtig ist die Begegnung mit bekannten Comic-Zeichnern, insbesondere für die vielen Signaturensammler. Bei diesem Thema regt sich wieder der Bedenkenträger, der um den Bestand des Salons bangt: Waren in diesem Jahr nicht deutlich weniger echte Zeichnerstars in Erlangen als in den Vorjahren? Auf Anhieb fallen einem neben Mattotti, der den Max-und-Moritz-Preis für sein Lebenswerk erhielt, nur Charles Burns, Ralf König und Helmut Nickel ein. Die Künstler werden allerdings meist von ihren Verlagen eingeladen und präsentiert; im Zweifel haben die in diesem Jahr gespart. Im Fall von Nickel, einem Pionier der Nachkriegszeitcomics, der in hohem Alter aus Florida anreiste, bemängelte Comicplus-Verleger Eckart Sackmann, dass die Organisatoren des Salons seinen Besuch nicht finanziell gefördert hätten. Das Künstlergespräch, zu dem sich Nickel zur Verfügung stellte, wirkte zudem etwas ins Programm gezwängt und war nach knapp einer Stunde vorbei. Der Salon habe auch die Medien nicht über die Anwesenheit dieses erst vor kurzem wiederentdeckten Comic-Pioniers informiert, so Sackmann.

 

Für die Feuilletons sind die Ausstellungen das Repräsentative und Berichtenswerte am Comic Salon. Die Schau Illustration der Geschichte. Comics aus der arabischen Welt wurde allgemein als Anzeichen dafür angesehen, dass das Festival politischer geworden sei. Zweifellos eröffnete die bemerkenswerte Gruppenausstellung von Comic-Zeichnern aus dem Maghreb und der Levante einen Blick auf eine bislang weitestgehend unbekannte und nicht beachtete Comic-Szene, die teilweise den arabischen Frühling spiegelte. Aber das Argument der Politisierung zeigt eher, dass die Journalisten Erlanger Ausstellungen der vergangenen Jahre nicht gesehen haben oder sich nicht mehr daran erinnern. Aufsehen erregend waren die schon erwähnte Winsor-McCay-Schau, die den New Yorker Zeichner auch als Zeichentrickpionier vorstellte, die Ausstellungen von Charles Burns und David B., die Ausstellung über Comic-Projekte der Goethe-Institute Moskau, Kairo, Jakarta (auch ziemlich politisch und widerständig) und nicht zuletzt die etwas versteckte Ausstellung Tanz der Skelette – Felix Pestemers ,Der Staub der Ahnen’.

 

Was auch zu Erlangen gehört: Man verabredet sich mit alten Freunden, denen man vielleicht auch nur in Erlangen begegnet, versucht, sie im Gewühl zu finden, sucht nach einem Termin, um mit ihnen zwischendurch mal einen Kaffee trinken zu gehen, hat aber am Ende doch nur ein paar nutzlose Worte mit ihnen gewechselt – oder nicht einmal das – und kann ihnen nur noch hinterher rufen: „Nächstes Mal aber ganz bestimmt!“ Aber auch diese Erfahrung gehört zum Comic-Salon und seinem Seriencharakter.

 

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Ein schöner und informativer Bericht, der gerne noch länger hätte ausfallen dürfen!
| von Lukas, 15.06.2012

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