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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 00:18

    Interview mit Reinhard Kleist

    14.06.2012

    Die Faszination des Realen

    Mit Cash und Castro hat Reinhard Kleist sich auch international einen Namen gemacht und diverse Preise eingeheimst. Sein aktuelles Werk ist erneut eine Comic-Biographie. 

    FRANZISKA BECHTOLD sprach in Erlangen mit Kleist über Der Boxer - Die wahre Geschichte des Hertzko Haft.

     

     Titel: Versetzt so ein Comic-Salon Sie in Stress, Herr Kleist?

     

    Reinhard Kleist: Ja, aber es ist guter Stress!

     

    Was ist für Sie das Beste an einer Messe wie dem Comic-Salon?

     

    Ich bin jetzt schon seit über einer Woche hier, da ich das Comic Seminar geleitet habe. Mit einem neuen Buch ist es hier natürlich das Schönste, wenn man mitbekommt, dass die Leute es mögen und bei den Signierstunden Schlange stehen. Das ist schon ein tolles Gefühl. Und das Poster am Eingang ist natürlich gigantisch. Ich stand davor und bekam die Kinnlade nicht mehr zu.

     

    Sprechen wir doch über Ihren neuen Band. Was hat Sie dazu bewogen, sich der Geschichte von Hertzko Haft zu widmen?

     

    Gefunden habe ich seine Biografie während meiner Recherche für eine Illustrationsserie, die ich für das Süddeutsche Magazin gemacht habe. Ich habe "Boxen" und "KZ" gelesen und bekam das nicht zusammen. Die Geschichte hat mich enorm beeindruckt und ich wollte gerne etwas damit machen. Beim erneuten Durchgehen musste ich dann feststellen: Das Thema so anzufassen geht eigentlich nicht. Es ist schon gewagt, da Hertzko Haft kein einfacher Charakter ist. Er ist nicht das sympathische Opfer, sondern er teilt nach allen Richtungen aus. Irgendwann habe ich begriffen, dass es genau das ist, was mich an dem Stoff interessiert.

     

    Die Zeichnungen der Boxkämpfen sind sehr dynamisch und spiegeln die Atmosphäre eines Kampfes authentisch wider – sind Sie ein Boxfan?

     

    Nein. Aber ich bin zu einigen Boxkämpfen in Berlin gegangen und habe Skizzen gemacht. Das waren meistens Amateurmeisterschaften, wo es höchstens mal eine blutige Nase gab, aber keine heftigen Kämpfe. Ich habe mit dem Skizzenblock im Publikum gesessen und das war schon ein Riesenspaß. Es war interessant zu sehen, wie sich die Boxer bewegen und wie sie interagieren. Von Technik habe ich zwar wenig Ahnung, aber mir hat es sehr geholfen zu sehen, welche Bewegungen sich immer wiederholen.

     

    Der Boxer enthält einige sehr heftige Szenen und Bilder. Welche Aspekte der Geschichte waren Ihnen am wichtigsten?

     

    Bei einigen Szenen habe ich die Kamera bewusst ein bisschen zurück genommen. Gerade bei so intensiven wie in Auschwitz, als Hertzko Haft im Krematorium arbeiten muss. Das ist natürlich ein Punkt, bei dem man sich dreimal überleg,t ob man das zeichnen kann. Ich habe mich dann entschlossen diese Szene ein bisschen ins Surrealistische zu führen, um auf eine realistische Darstellung verzichten zu können.

     

    Besonders wichtig war mir, die Entwicklung des Charakters zu zeigen, und damit, warum er später so ein schwieriger Mensch geworden ist. Das hat auch viel damit zu tun, dass er die Ereignisse nicht verarbeitet hat und von vorne bis hinten vom Leben "verarscht" wurde. Nicht nur, dass er die viereinhalb Jahre im KZ verbracht hat, auch die Menschen um ihn herum haben ihm übel mitgespielt. Der Schluss – den ich hier nicht verraten möchte – hat auch einen bitteren Beigeschmack. Dass Hertzko Haft es einem nicht leicht macht, hat mich an ihm fasziniert.

     

    Alan Scott Haft ist der Sohn von Hertzko Haft und Autor der Biografie Eines Tages werde ich alles erzählen: Die Überlebensgeschichte des jüdischen Boxers Hertzko Haft (erschienen beim Verlag Die Werkstatt). Haben Sie im Zuge Ihrer Recherche auch Kontakt zu ihm aufgenommen?

     

    Über den Verlag wurde der Kontakt zu Alan hergestellt. Ich habe gefragt, ob er mir ein paar Fotos zuschicken kann. Ich dachte, er wird mir einige gescannte Bilder senden und irgendwann kam ein großes Paket, in dem die Originalfotos von seinem Vater waren. Zum Beispiel das Bild, das beim ersten Date mit seiner späteren Frau im Restaurant geschossen wurde - da war ich völlig platt. Er schrieb mir, ich solle sie haben, damit es eine schöne Sache wird. Er wolle kein Geld damit verdienen, sondern dass der Name seines Vaters in der Welt bekannt wird. Er schrieb irgendwann, dass alles recht wäre, was dazu beiträgt - "auch wenn es nur ein Comic ist". Er ist inzwischen etwas über 60 Jahre alt und beim Thema Comic denkt er wahrscheinlich an Superhelden und Cartoons in der Zeitung.

     

    Wie hat er reagiert, als er den Boxer gesehen hat?

     

    Er war sehr begeistert vom Buch. Er hat die Serie bei FAZ-Online verfolgt und immer begeisterte Mails geschrieben und auch mal Kritik. Er hat ein paar Sachen moniert und ich habe sie eingebaut. Aber über die Anerkennung freue ich mich sehr.

     

    Die Familie hatte ja ein sehr gespanntes Verhältnis zum Vater gehabt. Alan hat ihm irgendwann vergeben, seine Geschwister nicht. Er hat im Nachwort von "Eines Tages werde ich alles erzählen" dieses Verhältnis geschildert und sein Vater scheint schon kein angenehmer Mensch gewesen zu sein.

     

    Wir haben über Ihre Recherche gesprochen. Wie verlief danach der Prozess zur Entstehung dieses Bandes?


    Zunächst einmal habe ich mich wegen einer Vorveröffentlichung mit der FAZ in Verbindung gesetzt.

     

    Sie kamen also auf die FAZ zu?

     

    Genau. Ich wollte so eine Serie, wie sie auf der letzten Seite des FAZ-Feuilletons veröffentlicht werden, auch gerne einmal machen. Ich habe Andreas Platthaus, den dafür verantwortlichen Redakteur, gefragt, das Projekt vorgestellt und gesagt: Das ist alles andere als lustig! Ihr müsst entscheiden, ob das für die FAZ passt oder nicht und sie haben sich darauf eingelassen.

     

    Dann bin ich das Buch mehrfach durchgegangen, habe Details herausgenommen, mich auf bestimmte Sachen beschränkt und habe begonnen eine Art Drehbuch zu schreiben. Das habe ich dann in die einzelnen Comic-Strips aufgeteilt. Ich versuchte eine Rhythmik zu schaffen, damit es nach jeder Szene ein "Ende" gibt. Sie erschienen ja in der FAZ mit einen Abstand von einem Tag.

     

    Für das Buch habe ich die ganze Geschichte noch einmal komplett überarbeitet: Episoden hinzugefügt, Bilder größer gemacht, das Layout verändert, was sehr notwendig war, damit der Band flüssig zu lesen ist. Wegen der Wechsel und Sprünge in der Geschichte wäre es nicht möglich gewesen, nur die Folgen aus der Zeitung abzudrucken.

     

    Gab es Schlüsselmomente während Ihrer Arbeit am Buch, bei denen Sie gemerkt haben, dass Sie an einer guten Story dran sind?

     

    Der Stoff ist schwierig, denn das Leben von Hertzko Haft ist "unwahrscheinlich" - so hat es Andreas Platthaus ganz schön ausgedrückt. Es ist ein bisschen wie in Hollywood: Wenn Steven Spielberg das verfilmen würde, würde es ihm keiner abnehmen. Ich musste oft Zweifel haben, ob da nicht Dinge eingeflossen, Geschichten dazugekommen sind und Sachen verwechselt wurden, was mit einem Abstand von 50 Jahren ganz natürlich ist. Hertzko Haft war komplett ungebildet und konnte kaum lesen und schreiben. Man muss davon ausgehen, dass er einiges dazu erfunden hat.

     

    Die Episode um die Mafia zum Schluss war zum Beispiel ganz lustig. Ich dachte irgendwann: Alter, das glaubt dir kein Mensch. Aber bei der Recherche kam heraus, dass dieser Frank Palermo wirklich existiert hat. Es klingt klischeehaft, aber den Kerl gab es wirklich mit dem Spitznamen "Blinky". Ich habe leider zu spät ein Foto von ihm entdeckt, denn er sah super aus. Er war in der Entourage von Rocky Marciano, der Kontakte zur Mafia hatte. Warum er dann einen Killertrupp zu Hertzko Haft geschickt haben soll, ergibt keinen Sinn, aber irgendetwas Wahres scheint dran zu sein.

     

    Ich habe sehr oft bei einer solchen Situation entschieden, sie so zu nehmen, wie Hertzko Haft sie beschrieben hat, weil es eine tolle Geschichte ist. Wenn er sich alles ausgedacht hat, bekommt er von mir auf jeden Fall den Oscar für das beste Drehbuch!

     

    "Normalerweise blättere ich so ein Buch durch und dann pfeffere ich es in die Ecke"

    Sprechen wir doch einmal über Ihre Arbeitsweise. Die meisten Ihrer Biografien halten Sie in Schwarz-Weiß: Cash, Castro und auch Der Boxer. Havanna war allerdings koloriert – wie entscheiden Sie sich für oder gegen Farbe?

     

    Bei Der Boxer war das natürlich eine klare Entscheidung für Schwarz-Weiß, da es für die Zeitung war. Für Castro hätte sich eigentlich Farbe angeboten, aber ich muss einfach sagen: Es ist eine Zeitfrage. Ich sitze noch einmal ein Jahr dran, um so eine Arbeit zu kolorieren. Bei Havanna war es völlig klar, dass es in Farbe wird. Es sollte einen skizzenbuchhaften Charakter haben und über die Farben ein Gefühl für das Land transportieren. Ich arbeite sehr gerne farbig, bei großen Projekten wähle ich aber doch lieber Schwarz-Weiß.

     

    Über das harte Schwarz-Weiß bei Castro habe ich das versucht, was ich in Havanna mit Farbe ausgedrückt habe. Zum Beispiel ein Gefühl für Temperatur zu transportieren. Ich weiß nicht, ob das gelungen ist, aber es war ein Versuch.

     

    Sie scheinen eine Vorliebe für Biografien zu haben – woher kommt ihr Interesse für Lebensgeschichten?

     

    Ich weiß es nicht, das hat sich in den letzten Jahren so ergeben. Das heißt nicht, dass es dabei bleibt, aber ich arbeite gerne mit realen Geschichten. Der Moment der Recherche ist für mich interessant. Ich freue mich immer wie ein Kind, wenn Geschichten wie die mit Palermo auftauchen oder ich Querverweise entdecke. Bei Castro hätte ich mit den Storys, die einem über den Weg laufen, eine ganze Bibliothek füllen können. Es fasziniert mich, wenn man einen Haken zur Realität schlägt, denn solche Geschichten kann man sich kaum ausdenken.

     

    Sie teilen sich in Berlin ein Atelier mit den Comic-Künstlern Fil, Naomi Fearn und Mawil. Welche kreativen Vorteile hat so eine Gemeinschaft? Hat der Austausch auch Einflüsse auf Ihre Arbeit?

     

    Das auf jeden Fall. Auch dass man über seine Arbeiten spricht. Es ist so, dass meine Kollegen eher funny zeichnen und ich der einzige bin, der ernsthafte Themen macht. Trotzdem bleibt das System das gleiche. Gerade Fil (Didi & Stulle) hat ein Gespür fürs Geschichtenerzählen und für Dramaturgie. Mit ihm kann ich sehr gut über meine Sachen reden. Das man nicht alleine zu Hause hockt, sondern auch mal einen Kaffee trinken geht und ein bisschen Blödsinn quatscht, finde ich enorm wichtig. Ich habe früher zu Hause gearbeitet, das will ich aber nicht mehr machen.

     

    ...und gibt es auch Nachteile?

     

    Klar gibt es auch Nachteile – zum Beispiel dass mal nicht aufgeräumt ist (lacht). Ich genieße es manchmal alleine zu sein und nichts mit zu bekommen. Ich setze mir dann Kopfhörer auf, wenn die anderen da sind, höre ein Hörbuch und verliere mich in meiner Arbeit.

     

    Sie hören beim Zeichnen gerne Hörbücher?


    Die schönste Arbeitszeit ist für mich das Tuschen, weil das die langweiligste Arbeit ist – eigentlich. Aber man kann wunderschön nebenher ein Hörbuch hören, das ist für solche Arbeiten das Beste. Man muss nicht denken, sondern einfach zeichnen. Die eine Gehirnhälfte ist auf dem Papier, die andere ist in der Geschichte. Das hält mich auch beim Arbeiten, da man gerne Stunden länger bleibt, weil man wissen will, wie die Geschichte weitergeht.

     

    Was werden wir in Zukunft von Ihnen hören?


    Das nächste Projekt wird eine Reise mit dem Goethe Institut sein, die ich nach Sizilien mache. Dort werde ich mich mit dem Thema Immigration aus Afrika beschäftigen. Vielleicht ergibt sich ein längeres Projekt und vielleicht hat es auch wieder mit Biografien zu tun. Es gibt einen Plan, dass ich bei Carlsen die Berlinnoir-Serie noch einmal neu auflege. Aber die muss ich dafür komplett überarbeiten, in Layout und Zeichnungen. Ich bin ja generell unzufrieden mit meiner Arbeit und wenn ich mir so etwas vornehme, bekommt es eine Generalüberholung.

     

    Finden Sie also bei Ihren Büchern immer als erstes die Fehler?

     

    Ja, das ist furchtbar. Bei Der Boxer ging es, aber normalerweise blättere ich so ein Buch durch und dann pfeffere ich es in die Ecke. Es dauert dann ein bis zwei Tage, bis wir uns wieder anfreunden und ich finde es für ein paar Monate genial. Das wird dann immer weniger, bis ich es irgendwann hasse. Das ist auch gut so, sonst würde ich mich nicht weiterentwickeln. Man denkt sich jedes Mal: Das nächste wird noch besser! Das führt dazu, nicht auf der Stelle zu treten, wie beispielsweise der Asterix-Zeichner, der immer das gleiche gemacht hat - das möchte ich vermeiden.

     

    Ich habe gelesen, dass Sie ungern Katzen zeichnen – gibt es etwas, dass Sie gerne zeichnen?

     

    Etwas Spezielles gibt es nicht, aber Grimassen zeichne ich sehr gerne.


    Vielen Dank für das Interview Herr Kleist und viel Erfolg mit Der Boxer.

     

    Vielen Dank.

     

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