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Dienstag, 28. März 2017 | 17:54

Reinhard Kleist: Der Boxer

14.06.2012

Der Überlebenskämpfer von Auschwitz

Dass Reinhard Kleist sich einer Biografie annimmt sollte keinen überraschen, erzählte er doch bereits aus den Leben von H.P. Lovecraft, Elvis, Johnny Cash und Fidel Castro. Seine neueste Graphic Novel Der Boxer erschien bereits als Comic-Strip in der FAZ und liegt nun gebunden und komplett überarbeitet vor. Kleist erzählt vom polnischen Juden Hertzko Haft, der Auschwitz überlebte und immerzu die Liebe seines Lebens suchte. Von FRANZISKA BECHTOLD

 

Hertzko Haft ist wahrlich nicht die freundliche Identifikationsfigur, die man erwarten könnte. Sein Wesen und sein Handeln bleiben häufig unverständlich und er scheint immer schlecht gelaunt, auch wenn das Leben ihm gerade mal nicht übel mitspielt.  
Aufgewachsen im polnischen Belchatow, muss Hertzko. nachdem NS-Deutschland sein Heimatland überfallen und okkupiert hat, seine Familie und seine geliebte Leah zurücklassen, als er sich für seinen Bruder Aria opfert und deportiert wird. Zu diesem Zeitpunkt ist er erst sechzehn Jahre alt und kann kaum lesen und schreiben. Nachdem er von einem Arbeitslager ins nächste gekommen ist, landet er schließlich in Auschwitz, wo er Boxkämpfe gegen andere Inhaftierte bestreiten muss.  
Als Haft schließlich die Flucht gelingt, wandert er, immer auf der Suche nach Leah, nach Amerika aus. 
Bei einem Onkel findet er Zuflucht und will als der "Todesboxer" aus Deutschland seine Boxkarriere anzustoßen – mit dem Ziel so berühmt zu werden, dass Leah auf ihn aufmerksam wird. Doch Misserfolge und Morddrohungen der Mafia dämpfen seine Euphorie und lassen ihn seine nie richtig begonnene Karriere beenden. Als Familienvater und Ladenbesitzer bleibt er bis zum letzten Tag verfolgt von seinen Erinnerungen an die Konzentrationslager und den Verlust seiner ersten großen Liebe.

 

Emotionaler Stoff mit dauergrimmigem Protagonisten

Ziemlich harten Stoff hat Reinhard Kleist hier zu Papier gebracht. Vom ersten Panel an nimmt Der Boxer den Leser emotional gefangen und lässt ihn bis über die letzten Seiten hinaus nicht mehr los. Der Band gliedert sich dabei in vier Teile. Prolog und Ende schildern die Rahmengeschichte um Alan Scott Haft, den Sohn und Autor der als Vorlage fungierenden Biografie Eines Tages werde ich alles erzählen und zeigen damit Hertzko Haft aus einer differenzierten Perspektive. Teil zwei beleuchtet den Überlebenskampf während des Dritten Reichs und der dritte Part zeigt Hertzkos Jahre in Amerika. Ein Hochgefühl kommt zu keiner Zeit auf; selbst romantische Momente oder siegreiche Kämpfe werden von den Erlebnissen in Auschwitz überschattet.

 

Starke Bilder

Auch das Amerika-Kapitel lässt Protagonist und Leser nicht die Erlebnisse im KZ vergessen. Die immer wiederkehrenden Albträume mit Bildern von verlorenen, geliebten Menschen und nicht verarbeiteten Erinnerungen verfolgen Haft auf Schritt und Tritt. Selbst seine Erfolge im Ring können kein bisschen Erleichterung schaffen. Kleist dramatisiert die Fights dadurch, dass Haft sich seine Gegner als die ängstlichen, schwachen Häftlinge aus den Konzentrationslagern vorstellt. 

Unglücklich, allein, getrieben und von Angstzuständen heimgesucht, entwickelt sich Hertzko Haft mehr und mehr zu einem jähzornigen, gewalttätigen und umso tragischeren Charakter. Nur in den seltensten Momenten lässt Kleist eine andere, gutmütige Seite an seinem Protagonisten zum Vorschein kommen – in den Momenten mit seiner Jugendliebe Leah und seinen Brüdern.  

 

Dieser Band ist definitiv keine leichte Bettlektüre, sondern die spannend und mitreißend erzählte Geschichte eines vom Leben bestraften Mannes. Wer hier die eine oder andere Träne verdrückt, braucht sich sicher nicht zu schämen. Großartige Geschichte, starke Bilder, emotionale Szenen - Der Boxer ist es wert, gelesen zu werden.

 

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