Ungewöhnliche Bekenntnisse eines ungewöhnlichen Menschen
So staunt man also nicht schlecht darüber, wie er es zulassen kann, dass der neue Freund seiner Ex-Partnerin in die gemeinsame Wohnung mit einzieht. Wie sich der an sich eher schüchterne Comic-Zeichner nach und nach einen sicheren Umgang mit der befremdlichen Halbwelt der Prostitution erarbeitet. Und wie er seinen Freunden – u.a. dem Zeichnerkollegen Joe Matt – sein Verhalten und Seelenleben erklärt, sodass man ihm immer wieder Zugeständnisse macht oder zumindest machen will.
Die Gedanken, die er sich in all der Zeit über sein Leben als Freier und über die käufliche Liebe im Allgemeinen macht, sind stets reflektiert, mitunter sogar rührend – auch wenn man seine Ansichten als abwegig oder gar krank empfinden mag. Doch sogar ein Chester Brown, der sich vom klassischen Beziehungsmodell verabschieden möchte, entkommt nicht seinen Emotionen.
Mit sich selbst geht er dabei übrigens schonungslos vor Gericht. Brown stilisiert sich nicht, er dokumentiert. Natürlich liegt es nicht fern, in dem penibel geführten Lebensbericht ein Dokument seelischer Abstumpfung zu erkennen. Man wird aber auch feststellen, dass der Künstler Fragen aufwirft, die einem vor der Lektüre nicht in den Sinn kamen. Mal ganz abgesehen davon, dass Ich bezahle für Sex wirklich aufschlussreich ist. Oder haben Sie gewusst, dass Online-Foren existieren, in denen über die Qualität sexueller Dienstleistungen von Prostituierten geurteilt wird?