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    Dienstag, 22. August 2017 | 03:47

    Chester Brown: Ich bezahle für Sex. Aufzeichnungen eines Freiers

    19.06.2012

    Chester Brown - Freier, Autor

    Chester Brown nimmt (oder nahm) gerne die Dienstleistungen von Prostituierten in Anspruch. In Ich bezahle für Sex lässt er seine Leser bei seinen Bordellbesuchen zwischen 1996 und 2004 zusehen. Auch CHRISTIAN NEUBERT hat ihn dorthin begleitet.

     

    Mit seinem neuen autobiografischen Comic hat der Kanadier Chester Brown viel Aufsehen erregt. Viel musste er sich anhören: Er sei nicht liebesfähig, gefühlskalt, emotional verroht und auf bemitleidenswerte Weise abgestumpft. Erstaunlich ist das nicht. Immerhin vertritt er den Standpunkt, dass die Inanspruchnahme von bezahltem Sex nicht nur legitim, sondern sogar ehrlicher und letztlich besser ist als eine »herkömmliche« Liebesbeziehung, weswegen er von einer solchen in Zukunft absehen will.

     

    Es ist also nicht das Wie, sondern das Was seines neuen Comics, weswegen u.a. FrauenrechtlerInnen diesen gern den reinigenden Flammen preisgeben würden – und den Autor am besten gleich mit. Nun ja: Browns persönlicher Standpunkt ist nicht nur unpopulär, sondern schlichtweg abwegig. Sogar strikte Befürworter der Legalisierung von Prostitution werden angesichts der Aussagen des Comic-Künstlers verwundert den Kopf schütteln. Zumindest die große Mehrheit unter ihnen.

     

    Nur hat dies alles keinen Einfluss auf die Qualität des Werks. Ein Künstler, der seine Autobiografie zum Thema erhebt, braucht eben einen interessanten Lebenslauf. Und was Brown über Jahre hinweg durchgezogen hat, ist definitiv spleenig genug, um interessant zu sein. Zumal der Kanadier ein akribischer Chronist ist, der nicht nur über seine Bordellbesuche, sondern auch über seine Gedankenwelt detailliert Buch geführt hat.

     

    Ungewöhnliche Bekenntnisse eines ungewöhnlichen Menschen

    So staunt man also nicht schlecht darüber, wie er es zulassen kann, dass der neue Freund seiner Ex-Partnerin in die gemeinsame Wohnung mit einzieht. Wie sich der an sich eher schüchterne Comic-Zeichner nach und nach einen sicheren Umgang mit der befremdlichen Halbwelt der Prostitution erarbeitet. Und wie er seinen Freunden – u.a. dem Zeichnerkollegen Joe Matt – sein Verhalten und Seelenleben erklärt, sodass man ihm immer wieder Zugeständnisse macht oder zumindest machen will.

     

    Die Gedanken, die er sich in all der Zeit über sein Leben als Freier und über die käufliche Liebe im Allgemeinen macht, sind stets reflektiert, mitunter sogar rührend – auch wenn man seine Ansichten als abwegig oder gar krank empfinden mag. Doch sogar ein Chester Brown, der sich vom klassischen Beziehungsmodell verabschieden möchte, entkommt nicht seinen Emotionen.

     

    Mit sich selbst geht er dabei übrigens schonungslos vor Gericht. Brown stilisiert sich nicht, er dokumentiert. Natürlich liegt es nicht fern, in dem penibel geführten Lebensbericht ein Dokument seelischer Abstumpfung zu erkennen. Man wird aber auch feststellen, dass der Künstler Fragen aufwirft, die einem vor der Lektüre nicht in den Sinn kamen. Mal ganz abgesehen davon, dass Ich bezahle für Sex wirklich aufschlussreich ist. Oder haben Sie gewusst, dass Online-Foren existieren, in denen über die Qualität sexueller Dienstleistungen von Prostituierten geurteilt wird?

     

    Acht Jahre des Lebens in feinen Strichen

    Das darf man menschenverachtend und pervers finden. Nur hat Browns Standpunkt eben auch seine Berechtigung. Zumal in der Form seines Comics, da sein Talent als Zeichner und Erzähler unbestritten ist. Sein Strich ist exakt und auf das Nötigste reduziert. Gleichzeitig wirken seine Zeichnungen sehr realistisch – man braucht nur mal ein Comic-Porträt seiner selbst mit einem Foto von ihm zu vergleichen. Die einzelnen Prostituierten bekommt man in den Aufzeichnungen eines Freiers aber nicht zu Gesicht, und auch ihre Namen wurden der Anonymität wegen geändert. Stets verhüllen Sprechblasen das Antlitz der Damen, wenn der gezeichnete Blickwinkel auf das Geschehen nicht ohnehin eine direkte Ansicht unmöglich macht.

     

    Alles in allem ist Ich bezahle für Sex ein fesselnd erzählter und grafisch ansprechender Comic, der allein schon aufgrund seines ungewöhnlichen Sujets polarisiert. Wer sich von der Graphic Novel einen erotischen Lesegenuss verspricht, wird allerdings enttäuscht. Browns Sexgeständnisse sind eher steril als anregend, seine Absichten eindeutig dokumentarischer, aufklärerischer Natur.

     

    Der Band enthält Vorworte von Brown und Robert Crumb; im Anhang finden sich noch ein umfangreicher Epilog mit zahlreichen Anmerkungen sowie ein ausführlicher Handapparat, in dem einzelne Stationen des Comics näher erläutert werden.

     



     

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