TITEL kulturmagazin
Dienstag, 28. März 2017 | 17:48

 

Copyright: TM Marvel & Subs. Copyright: TM Marvel & Subs.

Spider-Man Ausstellung

14.06.2012

Als Wertanlage nicht zu empfehlen

Eines der Plakate des Internationalen Comic-Salons 2012 in Erlangen zierte der US-Superheld Spider-Man. Er feiert gerade 50. Geburtstag. Die Heftserie wurde daher mit einer eher kleinen, aber bemerkenswerten und gut besuchten Ausstellung gewürdigt, die auch ANDREAS ALT besucht hat.

 

Amazing Fantasy war eine kurzlebige Comic-Book-Serie des US-Verlags Marvel. Vor 50 Jahren schrieb Marvel-Redakteur Stan Lee mit ihr Geschichte, indem er in der letzten Ausgabe, der Nummer 15, eigentlich gegen den Willen des Verlegers den Superhelden Spider-Man einführte, der zu einer der berühmtesten Figuren dieses Genres wurde.

 

Kurator Klaus Schikowski, ein Kölner Comic-Fachjournalist, zeigte auf der Empore des Erlanger Kongress-Saals, was die daraus entstandene Serie The Amazing Spider-Man ausmacht: eine schier endlose Folge von Comic-Heften – mehr als 680 sind in USA bis heute erschienen, plus diverse Nebenserien. Um alle Hefte zu zeigen, hätte es vermutlich den gesamten Kongress-Saal benötigt.

 

In einer Vitrine lagen zwei Ausgaben von Amazing Fantasy #15 als Sinnbild der Probleme eines Comic-Sammlers. Diese Hefte – eines restauriert und dadurch fast wieder im Originalzustand; das andere so, wie es im Sommer 1962 gekauft wurde, und mit einigen Zustandsmängeln behaftet – sind jeweils in eine Plastikhülle eingeschweißt und dürfen nie mehr aus ihr herausgenommen werden. Das minderwertige Papier, so Schikowski, ist stark säurehaltig und inzwischen brüchig.

 

Die Hülle zu öffnen, ist quasi gleichbedeutend damit, das Heft zu beschädigen und seinen Wert – immerhin im unteren fünfstelligen Euro-Bereich – zu mindern. Was das bedeutet, konnte man direkt unter der Empore in der Winsor-McCay-Ausstellung besichtigen: Dort waren Zeitungsseiten mit Comics vom Beginn des 20. Jahrhunderts ausgestellt, vergilbt, mit teilweise arg zerschlissenen Rändern. »Die Hefte sind als Wertanlage nicht zu empfehlen«, sagte Schikowski.

 

Ausstellung »AMAZING! 50 Jahre Spider-Man« 
Foto: ©  Internationaler Comic-Salon Erlangen / Erich Malter, 2012. Ausstellung »AMAZING! 50 Jahre Spider-Man«
Foto: © Internationaler Comic-Salon Erlangen / Erich Malter, 2012.

Ein neues Superheldenzeitalter

Die Superhelden, die wohl amerikanischsten Comicfiguren, waren letztlich Ausgeburten des Zweiten Weltkriegs. In den 1950er Jahren, als keine Nazischurken mehr zu bekämpfen waren, schien ihre Zeit abgelaufen. 1959 leitete der führende Comicverlag DC (Superman, Batman) eine neue Superheldenära ein mit eleganter gezeichneten und raffinierter erzählten Abenteuern. Marvel-Redakteur Lee zog nach und brachte 1961 die Serie Fantastic Four auf den Markt. Superhelden wie etwa Hulk interpretierte er als Monster, die unter ihren besonderen Fähigkeiten auch leiden.

 

Mit Spider-Man ging er noch einen Schritt weiter: Hinter dieser Maske verbirgt sich kein Held im Alltagsleben, sondern ein Jugendlicher, der sich mit pubertären Problemen herumschlägt und mit der Verantwortung als Beschützer der Bürger oft überfordert ist. Verleger Martin Goodman mochte weder das Totemtier, die Spinne, noch wollte er einen schwächlichen Teenager als Held. Aber der Verkauf von Amazing Fantasy # 15 übertraf alle Erwartungen. Spider-Man war die ideale Identifikationsfigur für junge Leser.

 

Die Amazing Spider-Man-Ausgaben durfte Schikowski aus ihren Hüllen nehmen. Auf der Brüstung reihte er sie – natürlich unter Glas – in schier endloser Folge aneinander. Der erste Spider-Man-Zeichner Steve Ditko weist unübersehbare Schwächen auf, schaffte es aber, bis 1966 in weniger als 40 Heften eine komplette Ikonografie einer spinnenartigen, etwas erschreckenden Heldenfigur, ihres Alter Ego Peter Parker und dessen sozialen Umfelds zu entwickeln.

 

Dennoch wurde erst sein Nachfolger John Romita sr. wirklich stilprägend. Er hatte vorher hauptsächlich Romance-Comics gezeichnet, und seine Zeichnungen eigneten sich besser für die Seifenopern-Elemente der Serie, etwa Peters wechselnde Freundinnen oder seine schulischen und beruflichen Probleme. Einen Schwerpunkt der Ausstellung bildeten Romita-Originalseiten. Sie vermitteln einen Eindruck von den Fließband-Bedingungen, unter denen die Marvel-Autoren und -Zeichner in den 1960er und 70er Jahren arbeiteten – und dennoch Comics produzierten, bei denen sich auch mancher Erwachsene nicht unter Niveau unterhalten fühlt.

 

Serie wird düsterer und verworrener

Das Ende des so genannten »Silver Age« der »menschlichen« Superhelden verortet Schikowski bei Amazing Spider-Man # 121 und 122 (1973). Die Redaktion entschied, Peter Parkers ernsthafteste Freundin, die engelhafte Gwen Stacy, bei der Auseinandersetzung mit einem seiner gefährlichsten Feinde sterben zu lassen. Diese Episode schließt die romantische, eher harmlose Spider-Man-Phase ab. Er bekommt es nun mit der impulsiven, sprunghaften, selbstbewussten Mary-Jane Watson zu tun, die er schließlich heiratet.

 

Kurz nach Gwens Tod taucht ein Superheld neuen Typs auf, der Punisher, der seine Gegner mit Vorliebe tötet. Spider-Man begegnet zuerst einem geklonten Wiedergänger von Gwen und dann einem Klon seiner selbst. Eine Zeitlang trägt der Netzschwinger ein schwarzes Kostüm, das sich als gefährlicher außerirdischer Parasit erweist. Der Held geht einen Pakt mit dem Teufel ein, um seine sterbende Tante zu retten. Auch aus den späteren Phasen wurden Originalseiten gezeigt. Schikowski resümiert: »Die Serie wurde düsterer, und sie wurde auch verworrener.«

 

Das war wohl unausweichlich. Auch wenn die Leser einer Serie jeden Monat etwas Neues wollen, muss es doch immer das Gleiche sein; dass, wofür sie eben die Serie lieben. Zudem gibt es mit der Zeit in einer Serie immer mehr Festlegungen, denen ein Autor nur schwer entkommt. Haupt- und Nebenfiguren haben dann ihre Vorgeschichte, die beim Fortgang der Handlung mitberücksichtigt werden muss. Die Folge: Zunehmend blicken nur noch Spezialisten in der Serie durch.

 

2008 begann in Amazing Spider-Man daher der Serienabschnitt Brand New Day. Ab Ausgabe 546 war die gesamte Vorgeschichte außer Kraft gesetzt, es wurden neue Haupt- und Nebenfiguren mit jeweils völlig anderem Hintergrund eingeführt. Für ältere Leser brachte das die Erfahrung, sich in ihrer Serie überhaupt nicht mehr auszukennen, wenn sie ein paar Hefte verpasst hatten.

 

Fans können sich kaum verständigen

Somit ist fraglich, ob Spider-Man in Deutschland wirklich ein populärer Comic-Held ist. Denn hier konnte man die Serie nur in Bruchstücken verfolgen. Sie erscheint seit 1966 in deutscher Übersetzung, aber nur in den Jahren 1974 bis 1979 konnte man sie von Anfang an und in chronologischer Reihenfolge lesen – einzelne Hefte und Sonderausgaben ausgenommen. Heute wird Spider-Man auf Deutsch in minimalem zeitlichem Abstand zu den Originalen, aber lückenhaft veröffentlicht.

 

Die drei Spider-Man-Kinofilme seit 2002 waren auch hierzulande sehr erfolgreich. Damit gibt es aber vermutlich mehrere Fangruppen, die sich nur schwer verständigen können: Diejenigen, die den Serienbeginn kennen, diejenigen, die neuere Serienabschnitte gelesen haben, und die Fans der Filme, die nicht unbedingt Comic-Leser sein müssen. Anhänger von Konkurrent Batman oder Kollege Superman dürften eine homogenere Gruppe bilden.

 

Auf die zweifelhafte Zugkraft von Spider-Man weist auch die Entstehungsgeschichte der Ausstellung hin, die Kurator Schikowski freilich zurückhaltend erzählte: Für die US-Firma Marvel Entertainment scheint eine deutsche Ausstellung zum 50. Geburtstag von Spider-Man keine hohe Priorität zu genießen. Der Verlag Panini, der zurzeit Marvel- und DC-Serien auf Deutsch veröffentlicht, unterstützte die Schau nicht, weil er sich ganz auf den gerade aktuellen Neustart von 52 DC-Serien konzentriert.

 

Zwölf Sammler aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und England stellten laut Schikowski Schätze aus ihrer jeweiligen Sammlung zur Verfügung, um die Ausstellung möglich zu machen. Ein Großteil der Besucher, graumeliert oder grauhaarig, hatte offenbar entsprechend dem Ausstellungsschwerpunkt in den 1970er Jahren Spider-Man gelesen. Fans der diversen Spider-Man-Filme, die in einer Ecke gezeigt wurden, waren dagegen meist unter 14 Jahre alt.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

Petraeus und sein Stab

Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

Die Geschichte geht weiter

Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

Ein Geheimnis in einer Graskugel

Auf die ganz großen Katastrophen im Leben kann man sich selten vorbereiten. Das geht nicht nur den Großen so, auch die Kleinen müssen solche Erfahrungen bewältigen. ANDREA ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter