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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 22:38

    Interview mit Charles Burns

    14.06.2012

    Mal ein Vampir, mal ein Zombie

    Es ist Samstagvormittag, der dritte Tag des Comic-Salons. Nach seiner ersten Signierstunde wirkt Charles Burns noch sehr aufgeräumt, als er am Signiertisch passenderweise von Max Andersson abgelöst wird. Burns ist mit einer eigenen, beeindruckenden Ausstellung in Erlangen ebenso vertreten wie mit dem neuen Album Die Kolonie (Reprodukt), dem zweiten Teil seiner aktuellen Comic-Trilogie, der in den USA noch gar nicht erschienen ist. BORIS KUNZ hat Burns an einem für den Künstler tückischen Ort interviewt: unter freiem Himmel.

     

    Ich schlage Charles Burns vor, das Interview draußen auf der Dachterrasse zu machen. Er stimmt zu, macht mich aber darauf aufmerksam, dass er flüchten muss, falls die Sonne herauskommt. »I am like a vampire«, sagt der Mann, nach dem angeblich Mr. Burns von den »Simpson benannt ist. Ansonsten ist er aber überhaupt nicht gruselig, sondern beantwortet meine Fragen freundlich und routiniert.

     

    Ausstellung, Signierstunden, Podiumsgespräche, Interviews – sind Sie schon erschöpft?

     

    Oh, mir geht es eigentlich ganz gut. Ich vertrage Reisen grundsätzlich nicht so gut, am ersten Tag fühle ich mich immer wie ein Zombie, aber bis jetzt hatte ich hier eine gute Zeit. Gestern Abend hatte ich authentische deutsche Küche, das fand ich besonders gut. Und ich werde hier sehr gut behandelt und umsorgt.

     

    Ich nehme an, dass Sie mit den großen amerikanischen Comic-Conventions vertraut sind. Was halten Sie von Erlangen im Vergleich?

     

    Um die Wahrheit zu sagen: Ich gehe auch in den USA lieber auf kleinere Festivals. Vor vielen Jahren war ich auf der Comic Con in San Diego, die wohl inzwischen noch einmal doppelt so groß sein soll. Und mir war es damals schon zu groß. Was mir an diesem Festival hier gefällt: Ich bin mit meinem Verleger hier, und die haben hier oben eine gemütliche kleine Nische für mich, das ist ganz angenehm. Gute Bücher, tolle Künstler, gute Gesellschaft.

     

    An dieser Stelle kommt die Sonne wieder durch und mir müssen auf einen Schattenplatz aufsuchen, damit Burns nicht, wie er sagt, »verstrahlt« wird. Als wir auf eine andere Bank umziehen, muss Burns darüber lachen, dass ich ihn wie an einer Leine am Kabel seines Ansteckmikros mit mir führe. Er entschuldigt sich mehrfach bei einem netten jungen Mann, der uns seinen Platz auf einer Bank überlässt, mit den Worten: »Ich bin ein Vampir, ich brauche Schatten! Ich brauche Schatten!«

     

    Haben Sie an Ihrer Ausstellung aktiv mitgearbeitet? Haben Sie die Exponate mit ausgesucht und arrangiert?

     

    Die Ausstellung wurde eigentlich für ein Museum in Belgien arrangiert, als eine Retrospektive meiner Arbeit. Da war ich an der Auswahl der Stücke beteiligt und habe mit dem Designer an der Gestaltung der Ausstellung gearbeitet. Hier ist also der zweite Ort, an dem sie gezeigt wird, und der Designer ist mitgekommen und hat bei der Entscheidung mitgewirkt, wo die Dinge aufgehängt werden. Es sieht auf jeden Fall gut aus und ich bin zufrieden damit.

     

    Das Rätsel um die schwarze Insel

    In ihrem neuen Comic X gibt es deutliche Referenzen zu Tim und Struppi. Gibt es denn Aspekte in X oder Die Kolonie, die man nur versteht, wenn man Tim und Struppi kennt?

     

    Das ist eher mein ganz persönliches Ding. Ich weiß schon, dass vor allem die Leser in Frankreich, Belgien und wahrscheinlich auch in Deutschland die Referenzen sofort erkennen werden, aber ich glaube, in den USA werden die meisten Leser nur ein oder zwei Dinge erkennen, aber nicht all die subtilen Anspielungen. Aber ich persönlich habe einige Dinge aus Hergés Werk sehr stark in mir aufgenommen, als ich noch sehr jung war. Es geht mir dabei nicht um Tim selbst oder Hergés Werk, sondern mehr um die Atmosphäre, die das damals für mich hatte. Das sind Bilder, die ich gesehen habe, über die ich nachgedacht habe, die mich beschäftigt haben, als ich fünf oder sechs Jahre alt war. Die waren lange in meinem Unterbewusstsein und sind in dieser Comic-Serie wieder an die Oberfläche gekommen.

     

    Es sind also mehr visuelle Referenzen, es geht nicht um die Figur von Tim?

     

    Ich habe mir Tim und Struppi angesehen, bevor ich lesen konnte, also habe ich viele Dinge darin gar nicht verstanden.  Auf der Rückseite gab es die Titelbilder von anderen Alben, die ich nicht kannte, die hatten etwas besonders Geheimnisvolles für mich. Ich habe mir dann vorgestellt, worum es da möglicherweise gehen könnte. Da war zum Beispiel dieses Bild mit der schottischen Insel weit hinten in der Ferne. Ich habe Die schwarze Insel erst lange Zeit später gelesen, vielleicht erst als Teenager. Deswegen war dieses Bild mit der Insel für mich lange Zeit so kraftvoll. Ich wollte dieses Album haben, ich habe die ganze Zeit versucht, mir vorzustellen, was es mit diesem verfallenen Schloss auf sich hat. Für mich haben die Tintin-Referenzen mit diesem Gefühl zu tun, deswegen geraten sie in meine Geschichte.

     

    Als ich X gelesen habe, hatte ich tatsächlich eine ganz ähnliche Erfahrung mit den Traumlandschaften. Man möchte wissen: Um was geht es da, was ist das Geheimnis?

     

    Genau um dieses Gefühl geht es.

     

    In Black Hole ist das Horrorelement in die Wirklichkeit eingebunden und wird nicht als solches thematisiert. In Ihrem neuen Werk sind alle übersinnlichen Elemente aber einer Traumwelt zugeordnet. Das Ganze ist aufgebaut wie ein Puzzle und Sie versprechen dem Leser dadurch einen Blick auf das vollständige Bild am Ende.

     

    Und das wird es auch geben. Soweit es mich angeht, wird sich am Ende alles auflösen. Ich hoffe sehr, dass alles reich genug ist, dass man beim zweiten Lesen aller drei Bände dann merkt, wie alle Teile zueinanderpassen; und dass man neue Verbindungen entdecken kann zwischen den sich wiederholenden Elementen, die ja verschiedene Bedeutungen annehmen, während man in der Story vorangeht. Es ist zwar aufgeteilt in drei Alben, und dafür gibt es auch einen Grund, aber schließlich ist es doch eine zusammenhängende Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende.

     

    Sie haben sich ja für ein Albumformat entschieden, das eigentlich typisch europäisch ist.

     

    Richtig. In Amerika erwartet man ja eher, dass man dicke Bücher von 200 bis 300 Seiten macht, so wie Black Hole. Wenn es eine Graphic Novel sein soll, muss es wie ein Telefonbuch aussehen. Ich habe mich für das andere Format entschieden, weil es mich persönlich mehr anspricht. In den USA kommt das den Leuten dann etwas fremdartig vor, während es für einen Europäer genau das ist, wie er Comics kennt. Ich habe dieses Albumformat als Kind und Jugendlicher geliebt, es schien passend für diese Geschichte zu sein, also habe ich mich ganz bewusst dafür entschieden.

     

    Wird der Comic denn in Europa auch anders aufgenommen als in den USA?

     

    Das weiß ich gar nicht. Ich lese zwar ein paar Kritiken, aber ich versuche, nicht zu viele davon zu lesen. Das ist niemals gut. Ich bewundere meine Zeichnerkollegen, die sagen, dass sie niemals etwas lesen, weder die guten noch die schlechten Rezensionen. Ich denke, von solchen Dingen sollte man seine Gedanken möglichst frei machen, die sind niemals wirklich hilfreich.

     

    An Black Hole haben Sie sehr lange gearbeitet. Läuft es bei diesem neuen Projekt etwas schneller?

     

    Ich arbeite gerade am letzten Band, und es ist wieder so, dass es mich leider sehr viel Zeit kostet. Für mich ist das frustrierend, aber so ist es eben. Ich bin niemand, der die Dinge so schnell raushauen kann, wie ich das gerne würde. Das hat mit der Art und Weise zu tun, wie ich schreibe und Ideen entwickle. Es geht einfach nicht schneller.

     

    Jetzt kommt ja auch noch der Vorgang des Kolorierens dazu. Wird es dadurch noch zeitraubender?

     

    Nicht unbedingt. Der Teil, der am meisten Zeit einnimmt, ist die Konzeption der Alben. Das Schreiben, das Arrangieren von Ideen, das dauert lange. Der rein physische Akt des Zeichnens, Tuschens und Kolorierens braucht auch Zeit, aber das Treffen von Entscheidungen und das Konstruieren der Geschichte, das ist der Teil, für den ich am längsten brauche. Aber das muss ich auch zulassen, denn das ist der wichtigste Teil.

     

    Aber Sie konzipieren die Alben nacheinander, jedes für sich?

     

    So habe ich das gemacht, ja. Ich mache mir natürlich von Anfang an Gedanken über die komplette Geschichte, aber dann arbeite ich immer nur an konkret einem Album.

     

    Horror und Entertainment

    Ihr Stil erinnert ja auch etwas an Hergés Ligne claire. Ich habe bei Ihrem Werk oft den Eindruck, dass dieser Stil einem als Leser vermittelt, dass die Horrorelemente nicht als Schocker gelesen werden wollen, sondern als Symbole, hinter denen sich noch mehr verbirgt.

     

    Das hoffe ich doch. Ich möchte zwar meine eigene Arbeit nicht zu sehr analysieren oder erklären, aber ich denke…

     

    Jetzt legt ein paar Meter hinter uns jemand auf einem kleinen transportablen Plattenspieler Musik auf. Mr. Burns ist kurz irritiert.

     

    Jetzt haben wir auch noch Musik im Hintergrund – ich versuche, mich nicht ablenken zu lassen, aber vielleicht klappt das nicht und ich fange gleich an, zu tanzen…

     

    Egal, ich habe auf jeden Fall versucht, niemals Horrorelemente oder Darstellung von Sexualität so zu verwenden, dass es einfach nur Exploitation wäre. Gewalt oder Sex sind bei mir niemals dazu da, sich daran aufzugeilen. Wenn bei mir brutale Dinge vorkommen, dann will ich, dass die sich echt anfühlen. Und ich weiß, wie echte Gewalt sich anfühlt, ich habe sie erlebt. Das hat nichts Unterhaltsames mehr. Ob es mentale Gewalt ist oder physische Gewalt, diese Dinge sind hoffentlich bei mir nicht einfach Entertainment.

     

    Wenn man sich jetzt aber auf so einer Comic-Messe umschaut, scheint doch manches davon genau das zu sein: Sex und Gewalt zur Unterhaltung.

     

    Ich kann mir selbst natürlich auch schon Mal einen Film anschauen, der einfach nur eine Achterbahnfahrt ist und in dem es hauptsächlich um Nervenkitzel geht, daran ist nichts grundsätzlich Falsches. Das ist nur nicht die Art von Geschichte, die ich gerne erzählen möchte. Das ist kein moralisches Urteil, ich sage nicht, dass so etwas schlecht wäre. Aber ich habe für gewöhnlich andere Vorlieben.

     

    Es gab ja eine Menge Gerüchte über eine Verfilmung von Black Hole. Da ist es in letzter Zeit stiller geworden.

     

    Ich bekomme ab und zu noch ein Update mit, immer mal wieder heißt es: Ja, diesen Sommer wird gedreht. Aber ich weiß nur, dass es jetzt ein anderes Studio produzieren wird – oder nicht produzieren wird. Angeblich arbeiten Leute daran, aber das habe ich jetzt schon viele Male gehört.

     

    Sie sind aber nicht am Entstehungsprozess beteiligt?

     

    Nein, bin ich nicht. Ich habe mit einem der Produzenten ein wenig darüber gesprochen, aber ich wollte mich lieber neuen Arbeiten widmen, und ich glaube auch, es wäre eine sehr frustrierende Sache gewesen, mich da zu sehr einzumischen. Mir reicht es völlig,  wenn ich ab und zu einen Anruf kriege und jemand zu mir sagt: Diesen Frühling wird gedreht. Und dann wird es wieder nicht gedreht und wieder nicht gedreht… Wenn ich da drinhängen würde und emotional beteiligt wäre am Drehbuch und an den ganzen Änderungen, würde mich das verrückt machen. Ich habe beschlossen, mich da nicht einzumischen.

     

    Sie sind also niemand, der zu sehr die Hand auf seiner Vorlage behält und sagt: Es muss aber immer noch mein Werk sein.

     

    Ich habe schon eine schützende Hand auf meinem Comic, und auf welche Art der auf der Welt verbreitet wird, aber ich weiß, dass Film ein Medium ist, in dem Gemeinschaftsarbeiten entstehen, und jeder Versuch meinerseits, da irgendwelche Dinge zu beschützen, würde nur frustrierend enden. Das weiß ich aus Erfahrung. Vor vielen Jahren habe ich verschiedene Drehbücher verfasst; vor einigen Jahren habe ich für MTV eine Adaption meiner Figur Dogboy geschrieben, und für mein Verständnis war es ein klares, kohärentes Drehbuch. Ich kannte den Regisseur, wir hatten miteinander gesprochen, ich war zum Teil auch am Set – und als ich den fertigen Schnitt gesehen habe, habe ich nicht mehr wiedererkannt, was ich geschrieben hatte.

     

    Ich fragte nach all den ausgelassenen Szenen, denn es gab überall Verbindungen und Querverweise, denn es sollte ja eine Sache sein, bei der alles zusammenpasst, und dann hieß es: Wir hatten leider nicht genug Geld, das zu drehen. Was antwortet man denn nun darauf? Gut, dann ist es eben nicht die Geschichte, die ich geschrieben habe. Es kommt nicht einmal in die Nähe davon. Und das war mit Leuten, mit denen ich wirklich lange Gespräche hatte, wir haben jedes Detail besprochen…

     

    Sie warten also ab, was passiert, und können sich darauf einlassen, dass es einfach ein neues Werk sein wird, mit dem Input von anderen Leuten?

     

    Ja, genau. Ich warte ab und hoffe auf das Beste. Das ist alles, was ich tun kann.

     

    Dann vielen Dank für das Gespräch!

     

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