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Jaroslav Rudis / Jaromír 99: Alois Nebel

27.06.2012

Nebel im Nebel

Alois Nebel ist ein ambitionierter, ungewöhnlicher, erfolgreicher und hoch gelobter Comic. Leider kann er dennoch nicht überzeugen, findet Alexander Frank.

 

Alles sieht so vielversprechend aus: Ein großer, dicker Comic über einen kleinen, unscheinbaren Eisenbahner. Tschechische und deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, gespiegelt im Mikrokosmos eines böhmischen Dorfes. Das Szenario verfasst von Jaroslav Rudiš, einem etablierten Prager Romanautor. Vielleicht liegt es auch an den hohen Erwartungen, wenn sich keine Begeisterung einstellen will. Aber der Reihe nach.

 

Alois Nebel ist Fahrdienstleiter in Bílý Potok, einem kleinem Ort nahe der polnischen und nicht weit von der deutschen Grenze.  Mit dem Ende des Kommunismus – die Handlung beginnt 1988 – wird er aus dem Dienst entlassen. Im ersten Teil der Geschichte, die im tschechischen Original in drei Bänden erschienen ist,  befindet er sich in der Psychiatrie des Ortes und lernt dort einen mysteriösen Mit-Patienten kennen, der kein Wort spricht. Der zweite Teil erzählt als Rückblende von einem mehrtägigen Aufenthalt Nebels am Prager Hauptbahnhof, ein langgehegter Traum des Eisenbahners, der sich auch privat keine schönere Lektüre als Zugfahrpläne vorstellen kann.  Er freundet sich mit einem Obdachlosen an und verliebt sich in eine Toilettenfrau.

 

Nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie wohnt er im letzten Teil wieder in einem Bahnwärterhäuschen in den Bergen bei Bílý Potok. Seine Geliebte macht sich aus Prag auf den Weg zu ihm und auch der rätselhafte Stumme taucht wieder auf. Er ist aus dem polnischen Gefängnis, in das er als mehrfacher Mörder aus der Psychiatrie transferiert worden ist, ausgebrochen, um einen grausamen Rachefeldzug zu vollenden.

 

Abbildung:
Verlag Voland & Quist Abbildung:
Verlag Voland & Quist

Fehler im Fahrplan

Dieser Plot ist aber nur das Grundgerüst, in das ein buntes Sammelsurium an Personen, Nebenhandlungen und Rückblenden eingeflochten ist. Für den Leser ist es oft nicht einfach, den Durchblick zu behalten. Sicht-Schwierigkeiten sind es auch, die Alois in die Psychiatrie bringen: Er sieht Gestalten im Nebel. Alois Nebel hat auch im tschechischen Original diesen deutschen Namen. Dort ist er eine Andeutung, die man entschlüsseln muss. Auf Deutsch wirkt es allerdings etwas plump, wenn er davon spricht, dass die Nebel wieder um ihn herum aufgestiegen sind.

 

Im Nebel sieht er Züge, die aus der Vergangenheit oder auch aus dem ins kollektive Unbewusste Verdrängten kommen. Züge, die nach Auschwitz fahren,  oder Züge mit vertriebenen Sudetendeutschen. Für den Fahrdienstleiter sind diese Züge zuallererst Fehler im Fahrplan, die es nicht geben darf: »In diesen Fahrplänen sind keine Fehler. Nur die Menschen in den Zügen ändern sich. Genau das finde ich so schön, die Sicherheit, dass bei der Eisenbahn alles gleich bleibt. Nur Menschen kommen und gehen.«

 

Aus dem Nebel treten also die Schrecken des 20. Jahrhunderts und die Perspektive des Provinzeisenbahners scheint die Möglichkeit zu bieten, Verbindungen entlang des Schienennetzes aufzudecken. Allerdings bleiben die Gestalten im Nebel nur Kulisse, sie tauchen auf, aber sie erzählen nichts und es wird nichts über sie erzählt. Und die Geschichten, die erzählt werden, scheinen zwar  untergründig mit den historischen Umbrüchen seit Beginn des Zweiten Weltkriegs verbunden zu sein, aber sind so konstruiert und kolportagehaft, dass die historischen Bezüge wirken wie billige Requisiten.

 

Abbildung:
Verlag Voland & Quist Abbildung:
Verlag Voland & Quist

Schocks und Schädel

Die zweite Hauptfigur neben dem eher geschwätzigen Nebel, der vor allem die Aufgabe hat, den Leser bei der Hand zu nehmen und ihm wie ein Fremdenführer alles zu erklären, ist der »Stumme«. Er ist ein Serienmörder und jagt einen Bösewicht, der sich immer auf die Seite der Mächtigen geschlagen hat. Zuvor landet er aber in der Psychiatrie, wo er dann von der polnischen Polizei abgeholt wird, und das kommt so: Ein Frauenskelett wird gefunden, der Kommissar geht mit dem Schädel zu einer Wahrsagerin, mit deren Auskunft fährt er in die Psychiatrie nach Bílý Potok, wo er den Stummen verhaftet.

 

Später tötet dieser einen Gefängnispfarrer, setzt sich dessen Sonnenbrille auf und entkommt so unerkannt. Neben nicht völlig plausiblen Wendungen in der Handlung gibt es eine bunte Mischung von Figuren, die nur aus einer Rumpelkammer in Hollywood stammen können. So wird die Psychiatrie von zwei infantilen Zwillingsbrüdern geleitet, die gemeinsam in einem Bett schlafen, von ihrer Mutter gegängelt werden und ihre Patienten mit Elektroschocks traktieren.

 

Jaroslav Rudiš verschmäht zwar auch in seinen Romanen grelle Effekte nicht, aber wenn er, wie in dem empfehlenswerten Die Stille in Prag, eine Menge sehr unterschiedlicher Personen aufeinander treffen lässt, sind diese durchaus lebendig und vielschichtig. Für den Comic kann man das leider nicht sagen. Die Zeichnungen von Jaromír 99 sind bemerkenswert: viel schwarz, wenig weiß, kein grau. Die harten Kontraste und reduzierten Formen unterstützen die Knalleffekte der Story, manchmal sprechen sie aber mit mehr Zwischentönen und Nebengedanken als der Text. Panelformate, Einstellungsgrößen und Perspektive wechseln ständig, das wirkt ambitioniert und handwerklich sehr souverän und vielleicht gerade deswegen manchmal etwas steril. Alois Nebel ist bereits verfilmt worden und soll demnächst auch in deutschen Kinos laufen.

 

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