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    David Small: Stiche. Erinnerungen

    23.05.2012

    Raubbau an Körper und Seele

    In Stiche erzählt David Small die Geschichte seiner Kindheit und Jugend im wissenschaftshörigen Amerika der fünfziger Jahre. Von CHRISTIAN NEUBERT

     

    Der in Detroit aufgewachsene David Small ist ein vielfach prämierter Illustrator und Kinderbuchautor. Stiche, sein Debüt als Comi-Aautor, ist die künstlerische Aufarbeitung seiner Kindheit und Jugend. In diesen Erinnerungen, so der Untertitel seiner autobiographischen Erzählung, zeichnet er etappenweise die prägendsten Ereignisse dieser Zeit nach.

     

    Einen autobiographischen Stoff als Comic-Debüt vorzulegen ist, obwohl bei weitem keine Seltenheit, ein gefährliches Unterfangen. Immerhin soll eine Erzählung – unabhängig der Form ihrer Vortragsweise – nicht langweilen, und die wenigsten Lebensläufe taugen als abendfüllende Beschäftigung.

     

    David Small hat allerdings wirklich etwas zu erzählen. Er kam u.a. mit disfunktionalen Stirnhöhlen auf die Welt. Sein Vater, ein Röntgenarzt, behandelte ihn  selbst. Immerhin, davon war man in den Fünfzigern überzeugt, lag in regelmäßiger Röntgenbehandlung die Heilung. Stattdessen lauerte im viel zu häufigen Einsatz dieses Verfahrens der Krebs: bereits als Elfjähriger trug Small einen Tumor an seiner Schilddrüse in sich. Eines seiner Stimmbänder fiel dieser Krebserkrankung zum Opfer. Und dadurch auch seine Stimme.

     

    Die Geschichte einer tragischen Kindheit

    Natürlich ist das traurig und schlimm. Tragisch, sogar bitter wird eine solche Geschichte jedoch, wenn ihr kindlicher Protagonist all dies selbst herausfinden muss. Small war bereits 15, als er der Wahrheit nach und nach auf die Schliche kam. Seine Kinderstube war kein Ort der Liebe und Fürsorge, sondern einer der Kälte und des Schweigens. Wenn es etwas für ihn gab, dann Vorwürfe – immerhin waren die für ihn notwendigen Krankenhausaufenthalte der Grund dafür, dass sich seine Eltern nicht noch einen weiteren Luxusschlitten neben Zweit- und Drittwagen zulegen konnten. Damals war man nämlich nicht nur von dem Heil überzeugt, das von der Röntgentechnik ausging, sondern auch von dem des Konsums.

     

    Gefühlskalte Eltern, eine furchteinflößende Großmutter, medizinische Torturen, die den Patienten zum Objekt degradieren und ständige Aufenthalte in Behandlungszimmern bereits im Kindesalter: fast jedes Detail in Smalls Kindheitserinnerungen erscheint traurig, verstörend und nicht selten surreal. Was das aus einem sensiblen, fantasiebegabten Jungen macht, hat man ähnlich eindrucksvoll vielleicht in Philip Ridleys Film Reflecting Skin gesehen. Denn so, wie jedes seiner Familienmitglieder an einem Ort des Schweigens und Verdrängens eine eigene Form des Ausdrucks entwickelte, hat auch der kleine David eine Möglichkeit gefunden, sich zu äußern: das Zeichnen. Seine Bilder waren ihm Sprache und Zuflucht. Wie Small seinem Leser in Stiche vermittelt, dass er als Kind beim Zeichnen in andere Welten abtauchen konnte, ist so einfach wie gelungen.

     

    Kraftvolle Bilder, klare Metaphorik

    Anhand der graphischen Umsetzung von Stiche kann man deutlich Smalls Werdegang als Zeichner von Kinderbüchern erkennen. Small hat den Comic mit recht einfachen Tuschezeichnungen gestaltet und wenig filigran mit Grautönen koloriert, was auf den ersten Blick einigermaßen schludrig wirkt. In Kontrast zu der deprimierenden Geschichte stehen diese mit groben, reduzierten Strichen ausgeführten Bilder jedoch nicht. Im Gegenteil: sie bestechen durch enorme Ausdrucksstärke.

     

    Angst und das Gefühl des Ausgeliefertseins stehen dem jungen Protagonisten sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben, während die Gesichtszüge der Eltern einen frösteln lassen. Und wenn Small die Zusammenhänge oder gewisse Empfindungen auf metaphorischer Ebene beschreibt, dann stets einleuchtend, ohne billig oder kitschig zu werden. Insofern liest sich der durch filmische Panelfolgen inszenierte Comic über lange Strecken wie gute Poesie.

     

    Eine Anklageschrift ist Stiche glücklicherweise nicht geworden. Das macht die traurige Geschichte wohl auch so stark. Small weiß – er lässt dies deutlich erkennen –, dass die gleiche Erzählung, aus der Sicht etwa seiner Mutter, auch sehr traurig wäre. Es tut gut, dass sich Small letztendlich versöhnlich zeigt  - so kann man als Leser den tragischen Stoff besser ertragen.

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