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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 22. August 2017 | 03:48

    Spencer/Eisma/Esquejo: Morning Glories 1: Für eine bessere Zukunft

    01.08.2012

    High Concept Comics

    Morning Glories, der neue Mystery-Hit aus dem Hause Image, legt den Gedanken nahe, dass Comic-Reihen die besseren Fernsehserien sind. BORIS KUNZ hat sich die erste Staffel reingezogen und über Pro und Contra nachgedacht.

     

    Eine Gruppe von hochbegabten Teenagern wird auf einer der begehrtesten Elite High Schools Amerikas angenommen. Dort gehen seltsame Dinge vor, und immer wieder finden Schüler auf geheimnisvolle Weise den Tod. Bald finden unsere sechs Helden nicht nur heraus, dass sie alle am gleichen Tag geboren worden sind, sondern auch, dass die Lehrkräfte der Morning Glory Akademie nach Menschen mit  ganz bestimmten Fähigkeiten suchen – und dass sie für diese Suche bereit sind, über Leichen zu gehen. Lost meets Twin Peaks meets Harry Potter meets Heroes.

     

    What`s the Story, Morning Glory?

    Derartige Storyideen, die sich griffig formulieren lassen, eingängig sind und sich von den bekannten Vorbildern abheben, an die sie einen gleichzeitig erinnern, nennt man im Fernsehbereich »High Concept«. Die Comic-Welt hat bereits eine ganze Reihe solcher Serien hervorgebracht, an denen dann auch die Film- und Fernsehindustrie viel Interesse gezeigt hat. Y – The Last Man, Preacher oder The Walking Dead wären zu nennen. »Für so ein Szenario würde ein Hollywoodautor einen Mord begehen«, hieß es einmal im SPIEGEL über 100 Bullets. Dennoch finden die wenigsten dieser Serien ihren Weg auf den Bildschirm. Was oftmals damit zu tun haben könnte, dass das Fernsehen mit der Plotfülle nicht umgehen kann, die Comic-Serien unter sehr kreativen Autoren aufweisen können. Hier haben wir so einen Fall.

     

    Das erste Kapitel von Morning Glories erinnert tatsächlich sehr stark an einen klassischen Pilotfilm einer modernen Mystery-Serie. Nachdem wir zunächst mit einem geheimnisvollen Einstieg »angeteast« werden, der schon auf den ersten Seiten deutlich macht, dass wir es in dieser Geschichte mit übernatürlichen Machenschaften zu tun haben, werden uns die Hauptfiguren vorgestellt: Casey, die blonde Musterschülerin, eine Mischung aus Genie und Cheerleader, die als Hauptidentifikationsfigur der Geschichte keine zu speziellen Merkmale aufweist; Ike, ein psychisch gestörter, schwerreicher Mini-Machiavelli; Zoe, die dunkelhaarige, promiskuitive Schönheit, die außer Männern keine Interessen zu haben scheint; Hunter, der schüchterne, herzensgute Junge aus schwierigen Verhältnissen; Jade, das depressive Emo-Girl, die unter einer tragischen Liebesgeschichte leidet; Jun, der geheimnisvolle und schweigsame Asiate, der mehr als die anderen zu wissen scheint.

     

    Die Charakterzeichnungen in der Geschichte bleiben dann auch erst mal eine ganze Weile auf diesem eher holzschnittartigen Niveau. Das erleichtert dem Leser die Orientierung, weil man Figuren mit derart extremen Eigenschaften schnell eingeordnet hat, kostet die Geschichte an manchen Stellen aber auch Glaubwürdigkeit und Tiefe, weil die Handlungen der Figuren oftmals unter dem Diktat dieser einseitigen Charakterzeichnung leiden. Hier wünscht man sich dann schon ab und an, man könnte das Ganze als Fernsehserie sehen, einfach weil eine Auswahl markanter Schauspieler den Figuren vermutlich Nuancen würde abgewinnen können.

     

    Joe Eisma macht als Zeichner einen guten Job und liefert durchaus solide Arbeit ab, doch wenn man ganz ehrlich ist, trägt auch er nicht viel zum Feintuning der Figuren bei – er ist auf eindeutige Attribute wie Haarfarben angewiesen, damit seine sämtlich im Sinne des klassischen Schönheitsideals gut aussehenden Figuren sich in den Panels überhaupt nennenswert unterscheiden. Wie es besser hätte gehen können, zeigen die großartigen Cover-Zeichnungen von Rodin Esquejo, die in dem Album als Trenner zwischen den Kapiteln fungieren.

     

    Nachdem der Grundstock an Personal inklusive einiger weniger, aber ebenso markanter Nebenfiguren eingeführt und die Situation gesetzt ist – die sechs Teenies kommen in der Akademie an, lernen die Lehrer kennen und haben ihren ersten Verdachtsmoment, als Jade am Telefon von ihren eigenen Eltern nicht mehr erkannt wird, so als habe sie niemals existiert –, ist die Folge auch schon beendet. Und damit man dranbleibt, endet die Story noch mit einem massiven Schockmoment als Cliffhanger.

     

    The Hour of our Release Draws Near

    Das Ende des ersten Kapitels ist ein ziemlich markanter Punkt, denn er macht klar, dass Autor Nick Spencer keine Gefangenen macht, sondern dazu entschlossen ist, seine Story schnell voranzutreiben. Subtilen, zwischen den Zeilen lauernden Grusel, langsam anschwellende Verdachtsmomente, die den Schulalltag unserer Helden langsam durchbrechen, das wird es hier nicht geben. Spencer setzt eher auf offene Konfrontationen und klare Kampflinien. Die Morning Glory Academy ist nicht Hogwarts, wo trotz der Bedrohung durch die Mächte der Finsternis der Schulalltag erst einmal weiterläuft, hier geht es Schlag auf Schlag.

     

    Auch das ist natürlich ein guter Weg, das Publikum bei der Stange zu halten: Langweile oder eine auf der Stelle tretende Handlung wird uns hier erst einmal nicht erwarten. Stattdessen scheint Spencer in der Auftürmung von neuen Rätseln, Mysterien und Hinweisen auf eine große Weltverschwörung den Autoren von Lost ernsthafte Konkurrenz machen wollen. Gerade fünf Kapitel dauert es, da ist er mit der ersten Storyline auch schon durch und präsentiert uns am Ende bereits einen »Flash Forward«, springt also unvermittelt weit in die Zukunft der Figuren, was die Spannung aber noch erhöht, statt sie zu zerstören.

     

    Wenn man dann am Ende der Lektüre angekommen ist und noch einmal ein wenig zurückblättert, um das Geschehene Revue passieren zu lassen, merkt man, dass man trotz des konstant hohen Erzähltempos nicht viel schlauer ist als zu Beginn; hat das aber gar nicht recht bemerkt, weil auch die permanenten neuen Rätsel den Eindruck vermittelt haben, die Erzählung schreite voran. Aber wir haben ja erst sechs der angekündigten 100 Ausgaben hinter uns, also noch genug Zeit, um all die Rätsel zu ergründen und den Figuren nahezukommen.

     

    Das, was jede Serie, ob auf dem Papier oder auf der Mattscheibe erreichen will, hat Morning Glories auf jeden Fall erreicht: Man ist »hooked«, man möchte wissen, wie es weitergeht und wird vermutlich, wenn die nächsten Fortsetzungen keine Totalausfälle werden, der Serie so lange die Treue halten, bis man herausfindet, was es denn nun mit der Akademie auf sich hat. Und mit dem Geburtsdatum der Schüler und der Gefangenen im Keller und der geheimnisvollen Maschine und dem geisterhaften Mann und den Schriften an der Wand und den komischen Doppelgängern und den Verweisen auf die Quantenphysik, und…

     

    …und man macht sich natürlich auch ein wenig Sorgen, ob man vielleicht auf so ein Desaster wie bei Lost zusteuert – wo die Auflösung eine enttäuschend banale Angelegenheit wurde – oder wie bei manch anderen Serien, die eingestellt wurden, bevor das Ende der Geschichte erreicht wurde. Hier ist man als Comic-Leser dann etwas im Vorteil, denn Comic-Autoren sind viel mehr Herr ihrer Geschichten und deren Inhalt ist von Produktionskosten unabhängig. So stehen die Chancen ganz gut, dass wir Morning Glories auf jeden Fall zu Ende erzählt bekommen.

     

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